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Ein Klumpen Waldboden: Darin tummeln sich so viele Lebewesen, wie Menschen auf dieser Erde leben: knapp acht Milliarden. 

Artenvielfalt

So viel Leben steckt in einer Handvoll Erde

Selten wurde so intensiv über Artenvielfalt gesprochen wie derzeit. Eine große Bedeutung spielt in diesem Zusammenhang der Wald. Wie es um die Biodiversität in unseren Wäldern bestellt, ist Inhalt einer Serie. Heute: verborgene Helden.

Wolfratshausen – „Er hat die ganze Welt in seiner Hand“ – das religiöse Kinderlied trifft, wenn man so will, auf Wolfgang Neuerburg zu. Vor seinem Körper trägt er aber lediglich einen Haufen Erde in seinen Händen. „In diesem kleinen Stück Waldboden tummeln sich so viele Lebewesen, wie es Menschen auf der Erde gibt“, sagt der Vize-Chef des Wolfratshauser Alpenvereins. Wer über Artenschutz spricht, muss auch über Bodenschutz sprechen. Denn die Tierchen und Pilze, die im Wurzelgeflecht der Waldpflanzen leben, haben eine große Wirkung auf den Zustand von Wäldern, Pflanzen und Tieren. Das wissen aber nur die Menschen, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. „Der Großteil der Menschen weiß das nicht. Das ist nach dem Motto ,Aus den Augen, aus dem Sinn‘“, sagt Neuerburg.

Die unglaubliche Zahl an Pilzen, Bakterien, Einzellern, Maden, Käfern und Asseln führt ein verborgenes Dasein. Auffällig wird ihr Wirken meist erst dann, wenn sie fehlen. „Für einen gesunden Wald spielt das Leben im Untergrund eine wichtige Rolle“, sagt Revierförster Robert Nörr. „Wenn dieses System einmal gestört ist, ist der Wald fast nicht mehr zu retten.“ Das natürliche Gleichgewicht und die Artenvielfalt unter der Oberfläche halten die Natur am Leben.

Eine der Aufgaben des Revierförsters ist es daher, darauf zu achten, dass der Waldboden intakt bleibt. Keine einfache Aufgabe, denn das unterirdische Kreuchen und Fleuchen ist kaum erforscht. „Wir wissen sehr wenig darüber“, sagt Neuerburg.

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Den Wissenschaftlern steht viel Arbeit bevor. Experten schätzen, dass die Zahl der Pilzarten weltweit bei 2,2 bis 3,8 Millionen liegt. „Sie alle liefern wahnsinnig viele und wichtige Nährstoffe für den Wald“, sagt Neuerburg. Die unterschiedlichen Pflanzen, Blumen und Bäume gehen eine Symbiose mit den Pilzgeflechten ein. „Die meisten Gewächse würden ohne die Pilze nicht überleben“, sagt Dietlind Diepen. Das sei einer der Gründe, warum beispielsweise Orchideen in einem Gartenstück prächtig blühen können, nur wenige Meter weiter aber schon eingehen, bevor sie überhaupt wachsen. Allerdings gibt es auch böse Buben unter den Bodenbewohnern: Einige greifen Bäume an und fressen sich durch das Wurzelgeflecht. Das führt dann dazu, dass Bäume umstürzen.

Für die Bodenbewohner ist das wichtig – denn in dem toten Gewächs bildet sich Mulm. Das verfaulte, zu Pulver zerfallene Holz ist eine Nahrungsgrundlage für viele Tiere.

Wegen der vielen wichtigen Funktionen, die die verborgenen Waldtiere erfüllen, möchte Nörr den Blick der Allgemeinheit auf das Thema Artenvielfalt weiten. „Für den Schutz von Bienen und Pflanzen lassen sich viele Unterstützer begeistern. Aber wenn es um Pilze und Asseln geht, lockt man kaum jemanden hinter dem Ofen hervor“, betont Nörr. Aber ohne deren Wirken gäbe es „nichts mehr, was zu schützen wäre“.

dst

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