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Schrumpfköpfe verteilten die Laiendarstelle an die Räte.

Jährliche Abrechnung mit Politikern

Starkbierfest in der Loisachhalle: So war das Singspiel

Beim Starkbierfest hat die Bauernbühne heuer wieder ein Singspiel präsentiert. Kräftig schlucken musste heuer allerdings keiner der Stadträte. 

Wolfratshausen Das Starkbierfest folgt einer relativ strikten Tradition: Die Stadtkapelle stimmt die voll besetzte Loisachhalle auf einen launigen Abend ein. Bauernbühnen-Vorstandsmitglied Ludwig Gollwitzer moderiert den Anstich, zu dem er den Bürgermeister, den Geschäftsführer des Hofbräuhauses Traunstein und die bayerische Bierkönigin auf die Bühne bittet. Letztere übernahm den Anstich des ersten Starkbierfasses.

Neu war Besuch aus der Nachbarstadt: Ludwig Schmid alias Bruder Barnabas, trat beim Starkbierfest auf. „Als Geretsrieder kommt man ja sonst nicht so oft nach Wolfratshausen“, sagte der Fastenprediger. Er kündigte ein interkommunales Derblecken an: Am Samstag, 11. Mai, lesen Schmid und Gollwitzer den Lokalpolitikern die Leviten.

Das versuchte die Bauernbühne im Singspiel auch. Viele Themen der Wolfratshauser Lokal- und bayerischen Politik kamen zur Sprache. Nach der Kritik an den jüngsten Singspielen waren die Autoren heuer wohl darauf bedacht, keine allzu heftige Abrechnung mit den Stadtvätern zu servieren.

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Stattdessen streifte eine Wolfratshauser Sagengestalt über die Loisachhallen-Bühne. Das Marktgschlerf (Monika Schwenger), das der Legende nach in jedes Wolfratshauser Fenster hineinblickt, beobachtete in der episodisch erzählten Geschichte einen Stammtisch, eine Bürgerbeteiligung und Bauarbeiter. In den Gesprächsrunden ging es teils am Rande um Aspekte der Stadtpolitik, deren Themen lose in die – von den Laiendarstellern überzeugend gespielte – Handlung eingestrickt wurden.

Ein stilles Wasser bestellte eine Stammtischbesucherin (Felicitas Prankl). „Weißt du denn nicht, dass es in Wolfratshausen nur noch welliges Wasser gibt“, bekam sie als Anspielung auf die geplante Surfwelle zur Antwort. Die Besucherin blieb bei ihrer Bestellung. „Ich muss die Suffkies ja noch heimfahren. Und dich sogar ins Ausland, Bruno. Also bis nach Geretsried.“

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Die Stammtischrunde nannte sich den „Club der Harmlosen“ – die Pointen gegen die Politiker folgten diesem Motto. So erklärte Kellnerin Zenz (Daniela Ermer), welche Getränke sie für die einzelnen Stadträte parat halte. Für SPD-Fraktionssprecher Fritz Meixner gebe es „Glühwein – rot und heiß“, Grünen-Sprecher Dr. Hans Schmidt trinke Zitronensaft – getreu dem Motto „sauer macht lustig“. Für Bürgervereinigungs-Stadtrat Markus Höft halte sie Adelholzener Naturell bereit – „Hauptsache, still ist es“.

Nach einem musikalischen Auftritt von Evelyn Hörschelmann traf sich in der zweiten Episode des Stücks eine kleine engagierte Personengruppe – die „Undercover-Alternativ-Bewegung „Bürgerbeteiligungsgruppe von Wolfratshausen“. Die Mitglieder legten großen Wert darauf, nicht mit der „Wolfratshauser Bürgerbeteiligungs-Gruppe“ verwechselt zu werden. Angeleitet von einem Geretsrieder Motivator (Tom Janoschi) wollte das Quartett neue Ideen für die Altstadt auf den Weg bringen – und nicht „Uralt-Ideen frisch aufgießen“ wie der offizielle Bürgerbeteiligungsprozess.

Auch die Nachbarstadt veranstaltete 2018 ein Starkbierfest: 14. Fastenpredigt: Das hat Bruder Barnabas den Geretsriedern zu sagen

„Geistiger Dünnpfiff wäre es nicht, wenn es denn eine echte Chance hätte“, kommentierte das Marktgschlerf. Das Ergebnis des Beteiligungsprozesses, der vergangenen November angestoßen und vor wenigen Wochen beendet worden war, würde nämlich „keinen weiter kratzen“. Etwas was in Wolfratshausen Tradition habe: „Die Stadträte haben von allen die Ideen genommen“, meinte ein Bürger (Hermann Paetzmann), „und dann in die Schubladen zu den anderen gelegt.“ Seit Jahren herrsche daher „Vollbeschäftigung für Schubladenbauer“.

Nach Geretsrieder Vorbild wollen die Wolfratshauser eine Skulpturenmeile anlegen. Über die Frage, wer ein Denkmal verdient hat, wurden sie sich aber nicht einig. Ex-Bürgermeister Erich Brockard, den man als Napoleon darstellen will, kam den Bürgern mit einer eigenmächtig initiierten Erinnerungstafel am Sebastianisteg zuvor. Eine Skulptur von Werbekreis-Chefin Ingrid Schnaller aka „Madam Wichtig“ komme auch nicht in Frage. „Die braucht kein Denkmal, sie ist ja eh nicht zu übersehen, weil sie auf jeder Hochzeit tanzt“, so ein Bürger. Die Ergebnisse der Bürgerbeteiligungsgruppe fielen nicht allzu üppig aus. „Die passen auf einen Bierdeckel“, meinte der Geretsrieder Motivator. Ein Nachteil ist das nicht – „mehr wird sowieso nicht realisiert“.

In der dritten Sequenz setzten sich Bauarbeiter zur Brotzeit zusammen. Wegen der vielen Projekte zur Nachverdichtung machten sich die Handwerker Gedanken, wie man mehr Platz in Wolfratshausen schaffen kann. Der Online-Händler Amazon brachte die Lösung: Ein Schrumpfstrahl soll Platz schaffen. Blöderweise richtete einer der Bauarbeiter den Strahler direkt auf das Rathaus – und schrumpfte alle Stadtpolitiker. Ein Blick ins Publikum beruhigte die Bauernbühne: „Gott sei Dank, da sitzen sie und sind so großkopfert wie immer.“

Die handgemachten Schrumpfköpfe verteilten die Darsteller an die anwesenden Stadträte, bevor die Münchner Zwietracht mit Wiesn-Hits für ausgelassene Stimmung sorgte.

Singspiel in der Loisachhalle: Wolfratshauser Starkbierfest in Bildern

Dominik Stallein

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