Angezündet: Der Brand hinterließ deutliche Spuren am BMW der Wolfratshauser Polizei.
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Angezündet: Der Brand hinterließ deutliche Spuren am BMW der Wolfratshauser Polizei.

„Nach einem Freispruch sieht’s nicht aus“

Streifenwagen angezündet: Angeklagter will es nicht gewesen sein - Richterin hat Zweifel

  • vonRudi Stallein
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Im Juni 2019 brannte in der Wolfratshauser Altstadt ein Streifenwagen. Derzeit läuft die Berufungsverhandlung - der Angeklagte will das Auto nicht angezündet haben.

Wolfratshausen/München – Drei Stunden lang hatte er den Zeugen und Sachverständigen ohne erkennbare Gefühlsregung zugehört. Dann platzte es kurz, aber heftig aus dem Angeklagten heraus. „Ich habe das Auto nicht angezündet. Niemand hat mich gesehen. Es gibt keine Beweise“, blaffte der Mann, der in der Nacht vom 29. auf den 30. Juni 2019, einen Polizeiwagen im Wolfratshauser Markt in Brand gesetzt haben soll.

Deswegen war er wie berichtet vom Amtsgericht Wolfratshausen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten verurteilt worden. Die Vorsitzende Richterin einer Berufungskammer des Landgerichts München II hatte dem 30-Jährigen gerade zu verstehen gegeben, dass das Urteil nach Stand der Dinge in zweiter Instanz ebenfalls lauten würde: schuldig.

Brennender Streifenwagen in Wolfratshausen: Experte schließt technischen Defekt aus

Am zweiten Tag der Berufungsverhandlung standen neben den Aussagen weiterer Zeugen die Berichte zweier Gutachter im Mittelpunkt. Ein Sachverständiger des Landeskriminalamts erläuterte, wie das Fahrzeug wohl in Brand gesteckt worden sei. „Einen technischen Defekt als mögliche Brandursache schließe ich aus.“ Das Feuer sei über dem rechten Hinterrad des BMW X1 ausgebrochen. Dafür reiche es, ein Feuerzeug zehn bis 15 Sekunden an die Kunststoffverblendung zu halten. Anfangs seien die Flammen sehr klein, kaum wahrnehmbar, breiteten sich dann aber schnell aus. Dies erklärte, warum ein Zeuge, der auf dem Heimweg am Heck des Autos vorbeigegangen war, zunächst nur „Kupplungsgeruch“ wahrgenommen hatte. Als er sich wenig später noch einmal umschaute, habe er Rauch bemerkt, sagte der 22-jährige Student. Kurz darauf schlugen Flammen aus dem Radkasten.

Ein weiterer Experte hatte den Angeklagten zur Frage der Schuldfähigkeit begutachtet. Mit dem Ergebnis: Auch wenn er in der Tatnacht stark alkoholisiert war, gebe es keine Anzeichen, dass die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit eingeschränkt oder gar aufgehoben gewesen sei. Der Gutachter zeichnete das Bild eines Mannes, der bis vor wenigen Jahren ein sehr bewegtes Leben geführt hatte. Mit 17 war er nach Berlin gezogen. Dort sei sein Leben von Alkohol und Drogen bestimmt gewesen. Damals geriet er zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt. 2016 kehrte er nach Wolfratshausen zurück, seither bemühe er sich, sein Leben in geordnete Bahn zu lenken, gehe einer geregelten Vollzeit-Arbeit nach, habe ein Zuhause.

Richterin: „Nach einem Freispruch sieht’s nicht aus“

Wegen des nach wie vor existenten Alkoholproblems empfahl der Gutachter eine stationäre Therapie für mindestens ein Jahr. Die Crux: Dadurch gefährde man Arbeit und Wohnung des Angeklagten – Dinge, die zu erreichen gewöhnlich das Ziel einer solchen Therapie sei. Das Problem stellt sich jedoch auch, wenn der Wolfratshauser in Haft muss. „Ich finde, dass ich mich gut entwickelt habe. Dafür, dass ich mal ein Volljunkie war“, ergriff noch einmal der Angeklagte das Wort.

„Nach einem Freispruch sieht’s nicht aus“, gab die Richterin ihm zu verstehen und regte an, „dass der Angeklagte und sein Verteidiger das weitere Prozessverhalten noch mal überdenken“. Die Verhandlung wird im Mai fortgesetzt.

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