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Nur wenn es die Platzverhältnisse zulassen, werden Kinderwagen im Bus befördert.

RVO nimmt Fahrer in Schutz

„Bodenlose Frechheit“: Busfahrer lässt Mütter mit Kinderwagen stehen

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Zwei RVO-Busse stoppen, doch beide Fahrer weigern sich, zwei Mütter mit ihren Kinderwagen mitzunehmen. Die Geretsriederinnen sind fassungslos.

Wolfratshausen/Geretsried – Knapp eine Woche nach dem Vorfall ist Anita Stübinger noch immer außer sich. Dass sie mit ihrem Kinderwagen an einer Bushaltestelle im buchstäblichen Sinne im Regen stehen gelassen worden ist, „ist eine bodenlose Frechheit“, sagt die 26-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Jens Förster, RVO-Niederlassungsleiter Wolfratshausen/Erding, kann die Empörung der jungen Geretsriederin nachvollziehen. Doch der Busfahrer sei regelkonform vorgegangen, ihm sei kein Vorwurf zu machen.

Zugetragen hat sich der Vorfall am Freitagnachmittag vergangener Woche, als sich bereits dunkle Gewitterwolken über Wolfratshausen zusammenbrauten. Stübinger und ihre 20 Jahre alte Freundin standen an der Bushaltestelle an der B 11 im Ortsteil Farchet. „Meine Freundin hatte einen Säugling im Kinderwagen und ihre dreijährige Tochter an der Hand. Ich hatte meinen einjährigen Sohn im Kinderwagen und bin im dritten Monat schwanger“, schildert Stübinger die Situation. Der Bus stoppte, doch der Fahrer teilte den Frauen mit, dass er sie nicht mitnehmen könne. Der Bus sei voll. „Allerdings waren noch einige Sitzplätze frei. Hätte man die stehenden Fahrgäste gebeten. sich zu setzen, hätten wir leicht noch hinein gepasst“, berichtet Stübinger.

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Der nächste RVO-Bus kam eine halbe Stunde später – „mit zehn Minuten Verspätung“. Und wieder hatten die Frauen und ihre Kinder Pech: „Der Fahrer öffnete die Tür und sagte, dass er uns nicht mitnimmt. Er habe schon einen Kinderwagen im Bus und dürfe nur einen transportieren, das sei Vorschrift.“ Stübinger und ihre Freundin konnten es nicht fassen: „Es war ein Gelenkbus, vom Platz her hätten drei bis vier Kinderwagen reingepasst.“

Das Ende vom Lied: Die Frauen flüchteten mit ihren Kindern vor dem drohenden Gewitter in einen Bus der Linie 374. Das bedeutete jedoch, dass Stübinger und ihre Freundin in Geretsried noch einen gefährlichen Fußweg absolvieren mussten, „da der 374er nicht in der Nähe unserer Häuser hält“. Dazu gehörte „die Überquerung der viel befahrenen B 11 mit Kinderwagen im Berufsverkehr am späten Freitagnachmittag – absolut lebensgefährlich“.

„Mehr als wütend“ schrieb Stübinger noch am selben Abend eine geharnischte E-Mail an den RVO. Niederlassungsleiter Förster kann das nachvollziehen: „Ich hätte wahrscheinlich auch so reagiert.“ Doch er stellt sich schützend vor die zwei Fahrer. Der erste Bus sei voll gewesen, im zweiten Gelenkbus habe bereits ein Kinderwagen gestanden – laut geltender Vorschrift dürfe nur einer transportiert werden. „In einem Gelenkbus gibt es nur eine Sondernutzungsfläche, die Kinderwagen oder Rollstuhlfahrern vorbehalten ist“, erklärt Förster. „Diese Sondernutzungsfläche ist leider sehr begrenzt“, bittet er um Verständnis. Die Sicherheit der Fahrgäste habe oberste Priorität, der Busfahrer sei bei der Entscheidung vor Ort „die letzte Instanz“. Förster: „Wenn etwas passiert, steht der Fahrer in der Verantwortung.“ Er habe auch dafür Sorge zu tragen, „dass die Fluchtwege im Bus frei bleiben“.

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Natürlich sei es „unglücklich“, wenn potenzielle Passagiere „buchstäblich im Regen stehen gelassen werden“, räumt Förster ein. Er sei sich der „Konfliktsituation“ für Fahrer und Reisende durchaus bewusst. Doch im Falle des Falles sei das unvermeidlich, sagt der RVO-Niederlassungsleiter mit Blick auf die Nur-ein-Kinderwagen-Vorschrift. „Der Fahrzeughersteller weist die Sondernutzungsfläche laut Bestellung des RVO aus“, erklärt Förster. Eine größere Nutzungsfläche für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer müsse „unser Auftraggeber“, das heißt, Landkreise und Kommunen verlangen, „dann müssten wir dementsprechend bestellen“. cce


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