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„Wir können jetzt gemeinsam ein Zeichen setzen“: Der Beginn der zweiten Amtszeit von Wolfratshausens Bürgermeister Klaus Heilinglechner (52) wird überschattet von der Corona-Pandemie. 

Im Rathaus gibt es einen Krisenstab

Bürgermeister Heilinglechner im Interview: Gemeinsam die Krise überwinden

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Vor Wolfratshausens Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) liegt die zweite Amtszeit. Wir sprachen mit ihm über Herausforderungen und Wünsche.

Wolfratshausen–  Der Beginn wird überschattet von der Corona-Pandemie, deren Folgen für den 52-jährigen Rathauschef eine bis dato noch nie dagewesene Herausforderung darstellen. Unsere Zeitung sprach am Telefon mit Heilinglechner.

Herr Bürgermeister, wie oft klingelt am Tag Ihr Telefon beziehungsweise Ihr Handy?

Meistens zu häufig – an manchen Tagen kann ich das Handy gar nicht mehr aus der Hand legen. Aber manchmal ist es über Stunden stumm. Das macht mich dann auch wieder stutzig.

Was war für Sie in den vergangenen Tagen das positivste Erlebnis?

Ich freue mich, dass alle sehr schnell gelernt haben, mit der Corona-Krise umzugehen. Da sind auf der einen Seite die Bürgerinnen und Bürger, die die Ausgangsbeschränkungen beachten. Und da sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht klagen, sondern nach Lösungen suchen. Nach der Stichwahl habe ich Kontakt mit den Stadtratsfraktionen aufgenommen. Sie haben mir durch die Bank signalisiert, dass wir uns gemeinsam auf den Weg aus der Krise machen wollen. Dieses Bekenntnis zum Zusammenhalt freut mich sehr.

Im Rathaus gibt es seit Beginn der Corona-Pandemie einen Krisenstab.
Wer gehört dazu?

Neben mir noch Bauamtsleiterin Susanne Leonhard, der Leiter der Abteilung Verwaltungsservice und Bildung, Martin Melf, sowie der Leiter der Abteilung Bürgerservice, Martin Millian.

Treffen sie sich persönlich oder kommuniziert der Krisenstab auf digitalem Weg?

Vieles stimmen wir per E-Mail ab, doch mein Amtszimmer ist groß genug, um eine Konferenz mit vier Personen im gebotenen Abstand abzuhalten. Die Stadträte werden von mir per E-Mail informiert. Allerdings muss ich die riesige Flut von Informationen, die hier im Rathaus eintrifft, filtern. Infos mit der Priorisierung eins oder zwei leite ich den Stadträten zeitnah weiter. Darüber hinaus habe ich ein offenes Ohr für die Stadträte: Wer etwas wissen will, kann mich jederzeit fragen.

Welches Thema steht ganz oben auf der Agenda?

Unsere örtliche Wirtschaft! Den Betrieben setzt die Corona-Krise ganz massiv zu. Für die Kommunen gibt’s keine Handlungsempfehlung „von oben“. Somit erfindet quasi jede Stadt, jede Gemeinde eine individuelle Lösung – was ich persönlich sehr bedauere, weil es dadurch viel Mehrfacharbeit und unnötige Arbeitsschleifen gibt. Wir bieten den Mietern städtischer Liegenschaften die Stundung der Miete an. Außerdem geben wir den Gewerbetreibenden die Möglichkeit, eine Stundung der Gewerbesteuervorauszahlung zu beantragen. Dieser Antragsentwurf ist im Wolfratshauser Rathaus erarbeitet worden – und nach Rücksprache unter anderem mit dem Wirtschaftsförderer des Landkreises als Muster allen Städten und Gemeinden im Landkreis übermittelt worden.

Wann wird sich der neu gewählte Stadtrat konstituieren?

Die Antwort auf diese Frage hat uns in den vergangenen Tagen viel Kopfzerbrechen bereitet. Aber es gibt eine gesetzliche Frist, wonach die Vereidigung der Stadtratsmitglieder bis spätestens 14. Mai erfolgen muss. Die Frist muss eingehalten werden – trotz Corona-Pandemie. Die konstituierende Sitzung wird am 5. Mai stattfinden, aber auf keinen Fall im Sitzungssaal des Rathauses. Wir werden einen Alternativstandort finden, der so groß ist, dass wir den gebotenen Abstand zwischen jedem Einzelnen einhalten und das potenzielle Infektionsrisiko minimieren können. Es stellt sich auch die Frage, wie umfangreich die Tagesordnung für diese Sitzung ausfallen muss. Soll der Stadtrat zum Beispiel sofort an diesem Tag über die neue Geschäftsordnung beschließen? Ich werde das alles noch mit den Fraktionen besprechen.

Welche große Herausforderung kommt auf Sie und den Stadtrat zu?

Wir werden definitiv den Haushalt des laufenden Jahres kritisch überprüfen und das Investitionsprogramm noch einmal konsequent abklopfen müssen. Dazu möchte ich gerne mit dem neuen Stadtratsgremium in Klausur gehen. Mir gegenüber hat CSU-Fraktionschef Günther Eibl diesen Vorschlag bereits begrüßt.

Das wird eine Klausurtagung, in der der Rotstift regiert...

...das entscheidet der Stadtrat. Sie müssen bedenken: In einige Projekte haben wir ja bereits viel Geld investiert. Macht es wirklich Sinn, solche Vorhaben zu streichen? Aber nochmal: Die Entscheidungen sollten Bürgermeister und Stadtrat im Einklang treffen.

Rechnen Sie mit einem Rückgang der Gewerbesteuereinnahmen?

Ja. Mutmaßlich wird’s nicht von heute auf morgen weniger, aber zeitverzögert. Denken wir zurück: Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA hat es ein Jahr gedauert, bis auch Wolfratshausen die wirtschaftlichen Folgen zu spüren bekam. Die Gewerbesteuereinnahmen sanken um knapp 40 Prozent. In Zahlen ausgedrückt: Wir bekommen derzeit rund elf Millionen Euro Gewerbesteuer pro Jahr – vergleichsweise würden wir dann nur noch etwa vier Millionen Euro zur Verfügung haben. Dennoch: Wir dürfen angefangene Projekte nicht aus dem Auge verlieren, es muss ja weitergehen. Wir können nicht alles auf Null stellen.

Was macht Ihnen neben den wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise Angst?

Mich bewegt nicht Angst, sondern vielmehr die Hoffnung, dass wir die Krise überwinden und gestärkt aus ihr hervorgehen, wenn wir alle zusammenhalten. Wir können jetzt gemeinsam ein Zeichen setzen.

Was haben Sie sich für Ihre zweite Amtszeit vorgenommen?

In meiner ersten Amtszeit habe ich Fehler gemacht und aus ihnen gelernt. Ich werde definitiv so offen wie möglich mit dem Stadtrat kommunizieren, solange ich nicht gegen geltendes Recht verstoße. Ich hoffe, dass die Räte im Umkehrschluss mit mir ehrlich umgehen. Meine Tür steht offen – ich bin sowohl kritik- als auch lernfähig.

Haben Sie einen Wunsch?

Ich danke den Wolfratshauserinnen und Wolfratshausern, dass sie die Ausgangsbeschränkungen trotz aller Probleme, die diese mit sich bringen, einhalten – und wünsche mir, dass sie das auch weiterhin tun.

Finden Sie in diesen Tagen ein bisschen Entspannung?

Das fällt mir zugegeben schwer. Ich befinde mich manchmal in einem Tunnel und komme auch am Abend im Familienkreis nicht sofort runter. Doch meine Familie zeigt großes Verständnis. Es geht mir also nicht anders als derzeit vielen, vielen Menschen in unserem Land.

cce

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