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„Das Gift der Pandemie überwinden“: Ärztlicher Koordinator mit positiver Prognose

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Von: Carl-Christian Eick

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Spaziergänger Wolfratshausen
„Unangemeldete Versammlung“: Zum siebten Mal zogen am Montagabend sogenannte Spaziergänger durch die Loisachstadt. Laut Zählung der Wolfratshauser Polizei waren es rund 950 Personen. © Hans Lippert

Die Initiative „WOR tolerant“ hat am Montag erneut einen Gegenpol zu den „Spaziergängern“ in Wolfratshausen gebildet. Eine weitere Veranstaltung endete, ohne begonnen zu haben.

Wolfratshausen – Trotz einer Sieben-Tage-Inzidenz jenseits der 800er-Marke und Außentemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt: Die Gruppierung „WOR tolerant“, deren Facebookseite inzwischen mehr als 360 Fans hat, mobilisierte am Montagabend zum zweiten Mal in Folge Hunderte Bürger, einen Gegenpol zu den sogenannten Spaziergängern zu bilden. In der Innenstadt, konkret auf dem Sebastianisteg sowie entlang des Ufers rechts und links der Loisach, setzten laut Polizeiangaben etwa 300 Personen ein Zeichen für Demokratie und Solidarität. An dem erneut nicht angemeldeten, inzwischen siebten „Spaziergang“ durch die Loisachstadt, nahmen nach Zählung der Polizei rund 950 Menschen teil. Einsatzleiterin Christina Loy, Vize-Chefin der Wolfratshauser Polizei, sprach am Dienstagmorgen auf Nachfrage unserer Zeitung von einem „friedlichen Verlauf“ der Kundgebungen.

Wolfratshausen: Drei Redner gehen für „WOR tolerant“ ans Mikrofon

Erstmalig hatte die Initiative „WOR tolerant“ Redner für ihre Demonstration gewonnen: Dr. Josef Orthuber, Chefarzt der Anästhesie an der Kreisklinik Wolfratshausen, Marius Schlosser, Mitglied des Kreisvorstands der Grünen, sowie den Münsinger Hausarzt Dr. Jörg Lohse, ärztlicher Koordinator der Pandemie-Bekämpfung im Landkreis. Orthuber berichtete, dass in der Kreisklinik nach „zwei Jahren Ausnahmezustand“ derzeit „eine leichte Besserung“ zu spüren sei. Für Orthuber ist die Impfung „der einzig gangbare Weg aus der Corona-Pandemie“. Angesichts von Protesten und Gegenprotesten appellierte der Mediziner an „Achtsamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme“.

Marius Schlosser, der für den Grünen-Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach, Karl Bär, arbeitet, erteilte „Verschwörungsmythen“ und „demokratiefeindlichen Schwurbeleien“ eine kategorische Absage. Aber: Es gebe im Kontext der Corona-Bekämpfung „Kritikpunkte“, die man diskutieren könne. Doch „wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen nicht geleugnet werden“. Und: Man müsse „auf Abstand zu extremistischen Kräften bleiben.“

Staatsschutz: Keine Hinweise auf „extreme Gruppierungen“

Sowohl Einsatzleiterin Loy als auch Steffen Frühauf, Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter des Kommissariats Staatsschutz der Kripo Weilheim, erklärten vor Ort auf Nachfrage unserer Zeitung: Es gebe aktuell keine Hinweise darauf, dass „extreme Gruppierungen“ die „Spaziergänge“ in der Flößerstadt unterwandern würden. Wie berichtet hatten die Initiative „WOR tolerant“, zu der unter anderem Konrad Huber, Ines und Peter Lobenstein sowie Dr. Ulrike Krischke zählen, und drei nicht namentlich bekannte Vertreter der „Spaziergänger“ in einer gemeinamen Presseerklärung am vergangenen Freitag betont: „Wir distanzieren uns von Gewalt und Extremismus gleich welcher Art.“

Mann mit Mikrofon
Machte den Menschen Mut, dass sie mutmaßlich Ostern „keine Angriffsfläche mehr für das Virus bieten“: Der Münsinger Hausarzt Dr. Jörg Lohse, ärztlicher Koordinator der Pandemie-Bekämpfung im Landkreis. © Hans Lippert

Hausarzt Jörg Lohse räumte in seiner Rede vom Sebastianisteg aus ein, dass die „Polarisierung“ ihm und vielen Menschen „Angst macht“. Er sei überzeugt, dass die Omikron-Variante des Coronavirus ein „Game-Changer“ ist. Die rasant um sich greifende Ansteckung mit Omikron, gepaart mit Impfungen, könnte zur einer schnell steigenden Grundimmunität der Bevölkerung und damit zur Entlastung des Gesundheitssystems führen. Mutmaßlich schon Ostern, so Lohse, „werden wir keine Angriffsfläche mehr für das Virus bieten“.

Wenn zu diesem Zeitpunkt Corona-Maßnahmen-Kritiker und -Befürworter allerdings „immer noch auf zwei Gehwegen, von der Polizei getrennt stehen“, so der Münsinger, „haben wir etwas falsch gemacht“. Lohse gab zu bedenken, dass er, sein Praxisteam und viele Berufskollegen mittlerweile angefeindet würden: „Ich verlange keinen Beifall, aber Respekt.“ Angesichts von rund 300 Menschen, die entlang der Loisach für Toleranz und Solidarität demonstrierten, rief Lohse: „Ich freue mich, dass so viele gekommen sind, um das Gift der Pandemie in allen seinen Facetten zu überwinden.“ Als musikalisches Zeichen des Zusammenstehns ließ „WOR tolerant“ Beethovens Ode „An die Freude“ erklingen. „Alle Menschen werden Brüder“, so der Wunsch Schillers, dessen Gedicht Beethoven vertonte.

Polizei: Junger Mann meint, „wahnsinnig witzig zu sein“

In den Reihen der „Spaziergänger“ fand sich am Montagabend erneut kein Versammlungsleiter. Offiziell handelte es sich somit um eine „unangemeldete Versammlung“, belehrte Hauptkommissarin Loy die Teilnehmer am Ausgangspunkt des „Spaziergangs“ in der Nähe des Nantweiner Friedhofs. Der Tross zog von dort aus zum Obermarkt, wo der Marsch für mehrere Minuten zu einer statischen Protestkundgebung geriet. Kurz nach 19 Uhr verstreuten sich die „Spaziergänger“ wieder in alle Winde, etwa 80 von ihnen hatten noch genug Kraft in den Beinen, um eine Zusatzrunde durch Eurasburg zu drehen.

Aus Sicht der Polizei gab es mit einer Ausnahme keine nennenswerte Zwischenfälle. In der Nähe des Jugendhauses La Vida, das an die alte Floßlände angrenzt, ließ ein junger Mann am Montagabend justament in dem Moment einen Luftballon platzen, als sich im Dunkel des Abends „Spaziergänger“ und Gegendemonstranten auf Sichtweise genähert hatten. „Er meinte wohl, dass das wahnsinnig witzig sei“, so Einsatzleiterin Loy. Der Mann kam in den Genuss einer sogenannten Gefährdungsansprache, zuvor hielt die Polizei seine Personalien fest. (cce)

Nur zehn potenzielle Teilnehmer: Rechtsanwalt Hingerl eröffnet Versammlung nicht

Auch der Rechtsanwalt und Golfplatz-Betreiber Dr. Josef Hingerl hatte für Montagabend beim Landratsamt eine Veranstaltung in Wolfratshausen angezeigt. Hingerl, der als scharfer Kritiker vieler Corona-Maßnahmen bekannt ist und kürzlich erklärte, man könne ihn impfen, „wenn ich tot bin“, wollte nach eigenen Angaben eine Brücke zwischen „Spaziergängern“ und den Gegendemonstranten bauen. Laut Polizei scharten sich jedoch gegen 18.30 Uhr nur zehn Personen hinter Hingerls Fahne. Schon im Vorfeld hatte sich die Initiative „WOR tolerant“ von Hingerl distanziert, auch für die sogenannten Spaziergänger kam der Jurist als Mediator offenbar nicht in Frage. „Herr Dr. Hingerl hat seine Versammlung nicht eröffnet, somit hat sie nicht stattgefunden“, erklärte die Einsatzleiterin der Polizei, Hauptkommissarin Christina Loy, vor Ort.

Hingerl selbst sah das anders. Er irrlichterte durch die Innenstadt und grüßte die „Spaziergänger“ freundlich. Unserer Zeitung diktierte der Rechtsanwalt, der dazu animiert, Ärzte, die Kinder impfen, anzuzeigen, in den Block: Der „Spaziergang“ sei seine Veranstaltung, er marschiere durch die Stadt, „um die Leute zu besuchen“ und „um mich zu unterhalten“. Warum er seine geplante Versammlung nicht eröffnete, „werde ich mit Ihnen hier nicht diskutieren“. Er begrüße die „lebendige Demokratie“ an diesem Montagabend in Wolfratshausen. Punkt. Abgang. (cce)

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