Der Dietramszeller Dekan Thomas Neuberger
+
Dem Dietramszeller Dekan Thomas Neuberger nötigt der radikale Schritt des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx Respekt ab.

„Das zeigt Charakter“

Geplanter Rückzug von Kardinal Marx: Dekan hat Verständnis

  • Volker Ufertinger
    VonVolker Ufertinger
    schließen

Es war ein Paukenschlag: Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx will sein Amt niederlegen. Dekan Thomas Neuberger findet, dass dieser Schritt Respekt verdient.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Als Dekan Thomas Neuberger am Freitagvormittag auf seinem Handy die Nachricht las, dass Kardinal Reinhard Marx sein Amt niederlegen will, befiel ihn erst einmal „ungläubiges Staunen“. Doch nach einer Weile kam er zu dem Schluss, dass genau dieser radikale Schritt zu Marx passt. „Er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, aber er hat auch sich selbst nie geschont.“

Der Geistliche aus Dietramszell zollt dem Münchner Erzbischof Respekt für seine Entscheidung. „Es zeigt Charakter, in Vorleistung zu gehen.“ Andere würden die Debatte um sexuellen Missbrauch aussitzen und „einfach mal abwarten, was da noch kommt.“ Nicht genannt, aber gemeint: Der Kölner Kardinal Woelki, der den Prozess der Aufklärung sexualisierter Gewalt in seinem Erzbistum verschleppt und dem der Vatikan nun Visitatoren an die Seite gestellt hat. Verschleppen, verschweigen, wegducken: Das sei Marx’ Sache nie gewesen.

Kirche: Es wird viel geredet, aber wenig gehandelt

Erstaunt hat Neuberger – der den Erzbischof von gelegentlichen Dekan-Konferenzen kennt – die Formulierung vom „toten Punkt“, an dem die Kirche angelangt sei. Er kann nur spekulieren, was damit gemeint ist. „Möglicherweise bringt er seine Frustration zum Ausdruck, dass der Reformprozess so lange dauert.“ Vieles in Sachen Beteiligung von Laien, Frauen sei seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 bis 1965 angestoßen worden. Aber: „Es wird viel geredet und wenig gehandelt.“

Über die Redewendung des „Toten Punkts“ ist Josef Kellner, Vorsitzender des Eglinger Pfarrgemeinderats, regelrecht erschrocken. „Wenn ein so hochrangiger Geistlicher, der dem Vatikan nahesteht, so etwas sagt, dann fragt man sich doch, was da alles läuft.“ Er fürchtet, dass ein Rücktritt eine „Lawine auslösen“ wird. Die nächsten Tage würden mehr Klarheit bringen. Ob der 67-jährige Marx klug gehandelt hat. Der Eglinger vermutet, „dass der Schaden größer sein wird als der Nutzen“.

Vielleicht löst der Schritt eine Lawine aus

Kellner selbst schätzt den Münchner Erzbischof sehr. Zwar habe er bis dato die Attitude eines Kirchenfürsten gepflegt, aber „die Zügel stets in der Hand gehalten“. Auch von einem Workshop mit Pfarrgemeinderäten habe er einen „sehr positiven Eindruck gewonnen“. Dennoch: „Ich habe große Zweifel, ob das der richtige Weg ist.“

Lesen Sie auch: Pfarrer Friedl verlässt den Pfarrverband

Die studierte Theologin Sissy Mayrhofer aus Waldram – in der Kirche engagiert als Pfarrgemeinderätin, Lektorin und Kommunionshelferin – fand die Äußerungen von Marx immer „bemerkenswert“. Auch die Tatsache, dass er „ungeschminkt die Wahrheit gesagt hat“, hat sie immer geschätzt. Insofern bedauert sie den Schritt. Mit der Amtskirche hat die Waldramerin mitunter ihre Probleme: „Ich kann nicht alles mit vollem Herzen unterschreiben, was da kommt.“ Trost in diesen schwierigen Zeiten bietet ihr Papst Franziskus, der „mit Redlichkeit einen Weg finden will“. Sie findet: Es sei an der Zeit, dass die Kirche vor allem in Sachen Ethik endlich in der Gegenwart ankommt.

Lesen Sie auch: Das hat es mit dem Waldram-Lied auf sich

Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare