Illustration Wolfratshauser See
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Viel, viel Wasser: Auf dem Gebiet des heutigen Landkreises erstreckte sich der Wolfratshauser See, bestehend aus geschmolzenem Gletscherwasser. Mit dem Absinken des Seespiegels entstand unter anderem die Halbinsel zwischen Schwaigwall und Beuerberg.

Er war größer als der Starnberger See

Der Wolfratshauser See bedeckte einst den ganzen Landkreis

  • Volker Ufertinger
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Einst war der Boden, auf dem sich heute der Landkreis befindet, mit Wasser bedeckt. Der Wolfratshauser See stand dem Starnberger See in nichts nach - bis er verlandete.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Starnberger See und der Ammersee sind wegen ihrer Schönheit und ihrer Nähe zu den Bergen in ganz Deutschland berühmt. Was hingegen kaum bekannt ist: Es existierte daneben, quasi als Dritter im Bunde, auch ein Wolfratshauser See. Er bedeckte mehrere Tausend Jahre lang das Gebiet des heutigen Landkreises. Allerdings verlandete er schon vor langer Zeit – Voraussetzung dafür, dass sich im Landkreis überhaupt Menschen ansiedeln konnten. Kaum zu glauben, aber wahr: Der Boden auf dem wir heute gehen und stehen, war einst der Grund eines Sees.

Entstanden ist die Seenplatte im Voralpenland am Ende der letzten Eiszeit, der sogenannten Würmeiszeit, vor etwa 20 000 Jahren. Der Isar-Loisach-Gletscher schmolz langsam dahin und bildete im Lauf der Jahrtausende mehrere, ihre Gestalt ständig verändernde Seen aus – darunter auch den Wolfratshauser See. „Er war etwa 150 Meter tief“, erklärt Helmut Schmidmeier (79) vom Arbeitskreis Historisches Geretsried. Als pensionierter Vermessungsingenieur hat er sich intensiv mit dem See befasst. Auch ein Geretsrieder Heft ist in Planung.

Der Bergwald bildete das Westufer

Erstreckt hat sich der See nach Ansicht von Experten – es existiert unter dem Begriff „Wolfratshauser See“ auch ein Wikipedia-Artikel – von Kochel, wo er vom Kochelsee nur durch einen Molasse-Riegel getrennt war, bis zum Kloster Schäftlarn. Das heißt: Die Länge des Sees betrug etwa 30 Kilometer. Er hatte viele Inseln, Untiefen und Buchten. Die westliche Grenze bildete Achmühle, der Peretshofener Berg das Ostufer, mit einer Bucht bis nach Dietramszell.

Überhaupt kann man heute noch viele Relikte aus den alten Zeiten erkennen. Auch der Bergwald bildete eine Grenze, wo sich das Gletscherwasser aufstaute. Gleiches gilt für das Isarhochufer bei Hornstein, das extrem steil in Richtung Aumühle abfällt. Als sich der Wasserspiegel senkte, entstand eine Halbinsel zwischen Schwaigwall und Beuerberg. „Auch die vielen Moorflächen sind Hinterlassenschaften des Sees“, sagt Helmut Schmidmeier. Wer all das weiß, fängt an, die Landschaft mit anderen Augen zu sehen.

Helmut Schmidmeier vom Arbeitskreis Historisches Geretsried

Dass der Wolfratshauser See nach etwa 5000 Jahren schließlich verlandete, hat in erster Linie mit der Isar zu tun. Ihr alter Verlauf ging zunächst über den Kirchsee und den Teufelsgraben nach Norden. Als die Barriere des Kalvarienbergs in Tölz durchbrochen war, fand sie ihren heutigen Weg, vereinigte sich mit der Loisach und durchbrach die Endmoränen der Riss-Eiszeit bei Baierbrunn.

Kies ließ den See verlanden

Der Effekt war ein doppelter: Zum einen brachte der Fluss aus den Bergen viel Schutt und Kies mit, der den See langsam zuschüttete. Zum anderen fraß sich die Isar auf dem Weg in Richtung Norden durch Barrieren aus Sedimentgestein. Der See lief langsam aus. Spuren davon kann das geübte Auge heute noch erkennen, etwa bei Ascholding. Dort bildete die einmündende Isar zuerst ein flaches Delta, um sich dann im aufgeschütteten Schotter wieder einzugraben. Die steilen und hohen Hänge sind noch heute zu erkennen.

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Dass der Ammersee und der Starnberger See noch existieren, ist nur eine erdgeschichtliche Momentaufnahme. Geologische Prozesse vollziehen sich nach menschlichem Ermessen extrem langsam. Was wir heute für selbstverständlich halten, ist es gar nicht. Der Ammersee etwa wird irgendwann das gleiche Schicksal erleiden wie der Wolfratshauser See. „Er wird nach und nach von der Ammer zugeschüttet“, so Schmidmeier. Dem Starnberger See wird ein längeres Leben beschieden sein. Er hat keinen Zufluss mehr und nur noch einen minimalen Abfluss, nämlich die Würm. „Der Starnberger See führt heute nur etwa zwei Meter weniger Wasser als vor 15 000 Jahren.“

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Ein Mensch hat diesen Wolfratshauser See nie gesehen. Aber profitiert hat er davon durch die Verwertung des Kieses oder der Moore. Ein prominentes Beispiel ist darüber hinaus der Seeton, eine Ablagerung aus der Eiszeit, welche die ruhig fließende, von der Isar zurückgestaute Loisach in den Wolfratshauser See gespült hat. In Gelting wurde er lange zu Ziegeln gebrannt. Daher der Name „Ziegelei“. Sage noch einer, die Eiszeit habe nichts mit der Gegenwart zu tun.

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