Abiturprüfung
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Sind die Deutsch-Klausuren in den letzten Jahrzehnten wirklich immer schwächer geworden? Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ behauptet das. Deutschlehrer im Landkreis sehen das lange nicht so dramatisch.

„Der Spiegel“ schlägt Alarm

Abitur in Bayern: Sinkendes Niveau im Fach Deutsch? Deutschlehrer im Landkreis nehmen Stellung

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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„Der Spiegel“ holt zum Rundumschlag aus: Die jungen Leute verlernen nach und nach richtiges Deutsch. Eine steile These - aber stimmt sie?

Bad Tölz-Wolfratshausen – Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat vor Kurzem Alarm geschlagen: „Deutschland verlernt das Schreiben“, hieß die Schlagzeile. Der Autor verglich die Abiturklausuren der vergangenen Jahrzehnte und stellte ernüchtert fest: Das Niveau sinkt rapide, vor allem in Hinsicht auf die Rechtschreibung. Verantwortlich macht das Magazin vor allem die sozialen Medien. Nun stellt sich die Frage: Stimmt die steile These?

Abitur in Bayern: Spiegel stellt Deutschunterricht schlechtes Zeugnis aus

Alexander Göbel, Leiter des Seidl-Gymnasiums in Bad Tölz, weist sie nicht ganz von der Hand. „Natürlich wird der Verlust von Sprachkorrektheit unter den Schülerinnen und Schülern auch hier beobachtet“, sagt er. Die Fachschaft stellt bereits ab der 5. Klasse eine „geringere Schreibkompetenz“ fest. Das, was das Magazin „Spiegel“ beklagt, habe aber auch damit zu tun, dass im Lehrplan immer weniger Wert auf die Ausbildung von Sprachgefühl und Stilistik gelegt wird. Hinzu komme, dass auch außerhalb der Schule immer weniger gelesen und diskutiert wird.

Deutschunterricht in Bayern: Lehrer stimmen Vorwurf zum Teil zu

Das lässt sich freilich nicht von der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung trennen. Der Pädagoge beklagt die „Atemlosigkeit“, mit der sich alles nur noch um Effizienz und Einsparungsmaßnahmen dreht. Sein Fazit: „Das kann Schule nicht auffangen.“ Es wäre an der Zeit, „nicht nur abprüfbares Wissen zu vermitteln, sondern unter Jugendlichen auch Sprachverständnis und Freude am Schreiben zu entwickeln“.

Skeptischer steht der ehemalige Leiter der Fachschaft Deutsch am Ickinger Rilke-Gymnasium, Peter Plößl, der „Spiegel“-These gegenüber. Er findet sie viel zu pauschal. „Die Klagen, wie schlimm die Jugend ist, kennt man schon seit der Antike“, sagt er. „Wenn dem wirklich so wäre, gäbe es uns gar nicht mehr.“ Plößl hat dafür ein gutes Anschauungsbeispiel, nämlich sich selbst. Zurzeit liest er die Briefe wieder, die er als Zehnjähriger an seine Eltern im Allgäu verfasst hat. Und siehe da: „Sie strotzen vor Fehlern“, erzählt er mit einem Lachen. „Da fängt meine Korrekturhand an zu zittern, wenn ich das lese.“ Was er damit sagen will: Es ist alles eine Frage der Entwicklung. Aus einem Rechtschreibsünder kann durchaus ein angesehener Deutschlehrer werden.

Peter Plößl, ehemaliger Deutschlehrer am Ickinger Gymnasium.

Überhaupt findet er es den falschen Ansatz, stets zu kritisieren. „Ich habe meinen Kollegen immer geraten, am Rand nicht nur die Fehler anzustreichen, sondern auch Lob zu spenden. Sätze wie „Das hast Du gut formuliert!“ oder „ein guter Gedanke!“ wirken bei jungen Menschen Wunder. Plößls Erfahrung als Pädagoge lautet: „Nichts ist motivierender als Erfolg.“

Außerdem stellt er die Frage, was im konkreten Fall denn Rechtschreibfehler sind. Nach seiner Erfahrung fallen die meisten unter die Rubrik „Leichtsinnsfehler“. Der Schüler habe genau gewusst, wie es richtig heißt, war aber vielleicht in Gedanken gerade woanders. Bei vielen handelt es sich auch um bloße Buchstabendreher, die man nicht überbewerten sollte. Daneben gibt es aber auch Wörter, die einfach nicht in die Schülerköpfe wollen, wie das Wort „wider“, etwa bei „widerspiegeln“.

Bernhard Lorenz, über 20 Jahre lang Fachschaftsleiter für Deutsch am Geretsrieder Gymnasium, will das Thema ebenfalls „nicht so hoch hängen“. Er räumt durchaus ein, dass die „Rechtschreibleistung im Lauf der Jahre nachgelassen hat“ und ihn als Germanisten hin und wieder die Wehmut beschleicht, wenn „die Schönheit des geschriebenen Wortes leidet“.

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Auf der anderen Seite müsse man jedoch sehen, dass Rechtschreibung längst nicht mehr die Wertigkeit von früher hat, so wie „das Einhalten von Normen überhaupt keine heilige Kuh mehr ist“. Geschrieben wird unter den jungen Leuten sehr viel – wenn auch meist Kurznachrichten über den Dienst WhatsApp. Dass sie es können, zeigt sich immer dann, wenn sie etwa die Adresszeile einer Homepage eingeben müssen. „Da muss ja auch jeder Buchstabe stimmen.“ Insofern hält es Lorenz für falsch, à la Spiegel Untergangsstimmung zu verbreiten.

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