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Am Volksbegehren scheiden sich die Geister: In Oberherrnhausen trafen sich die Junglandwirte Toni Huber und Susanne Schwaighofer (1. und 2. v. li), um mit Imker Leonhard Kraus und dem Sprecher der grünen Jugend im Landkreis, Jakob Koch (3. und 4. v. li.), zu diskutieren. 

Volksbegehren

„Rettet die Bienen“: Pro und Kontra - Junglandwirte, ein Imker und ein junger Grüner diskutieren

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Beim Volksbegehren „Rettet die Bienen“ gehen die Meinungen auseinander. Landwirte, ein Imker und ein junger Grüner führen ein respektvolles Streitgespräch.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Man muss sich nur die Leserbriefe in unserer Zeitung anschauen, dann weiß man: Die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ sind verhärtet. Beide Seiten ergehen sich in Vorwürfen und Verdächtigungen. 

Zwei junge Männer aus Eurasburg versuchen einen anderen Weg zu gehen: Junglandwirt Toni Huber aus Oberherrnhausen (24 Jahre, Gegner) und der Sprecher der Grünen Jugend Jakob Koch (20 Jahre, Verfechter) reden miteinander, nicht übereinander. Klar, als Beuerberger kennen sie sich und haben auch schon das eine oder andere Bier miteinander getrunken. 

„Wir sind hier schließlich auf dem Dorf“, sagt Jakob Koch mit einem Schmunzeln. Beide haben sich für das einstündige Gespräch an einem Freitagnachmittag in der guten Stube von Hubers Anwesen am Ortsausgang (Hofname Bertl) Verstärkung mitgebracht: Auf der Seite von Toni Huber sitzt Susanne Schwaighofer (24) aus Königsdorf, wie der Gastgeber bei der Jungzüchtervereinigung aktiv. An der Seite von Jakob Koch sitzt Leonhard Kraus (74, Zweiter Vorstand des Imkervereins Isar-Loisachtal). Auf dem Tisch steht starker Kaffee, nahrhafte Milch, guter Kuchen und Wasser. Los geht’s.

Volksbegehren „Rettet die Bienen“: „Schlimm momentan, wie viel gestritten wird.“

Jakob Koch: Danke für die Einladung. Ich finde es wirklich gut, dass Du auf mich zugekommen bist. Das ist der Weg, den man eigentlich auch auf höherer Ebene beschreiten sollte.
Toni Huber: Ja, schon irgendwie traurig, dass wir No Names das übernehmen müssen. Man hat nie was davon gehört, dass sich die Landesverbände mal zusammengesetzt hätten.
Susanne Schwaighofer: Es wird nur noch gestritten, kaum einer bleibt bei den sachlichen Grundlagen. Schlimm momentan.

Toni Huber: Wenn ich zur Sache kommen darf: Was mich an dem Volksbegehren stört, ist, dass die Landwirte ganz einseitig als die Schuldigen an dem Artensterben hingestellt werden. Es ist wieder so ein Fall, wo speziell wir konventionellen Landwirte an den Pranger gestellt werden. Viele Jungbauern führen die Höfe aus genau dem Grund nicht weiter. Darauf haben sie keine Lust, und das kann ich verstehen.
Jakob Koch: Da fangen wir mit einem schwierigen Thema an, der Schuldfrage. Ich persönlich finde, dass die Landwirtschaft wahnsinnig wichtig ist, als Nahrungsmittelerzeuger, als Landschaftspfleger, und, und, und. Und ich bin sicher: Auch im Volksbegehren sollen die Bauern nicht als die Hauptverantwortlichen für die aktuelle Lage dargestellt werden, das wird im Anhangtext auch klargestellt. Wir haben halt eine dramatische Situation: 70 Prozent der Insekten sind schon weg, auch 50 Prozent der Vögel. Vor allem die Bauern haben es in der Hand, daran etwas zu ändern. 54 Prozent der Fläche werden von Euch bewirtschaftet. Da kann man viel erreichen.
Toni Huber: Das mag sein. Aber warum ist so wenig die Rede davon, dass auch an der künstlichen Beleuchtung im Außenbereich Millionen Insekten sterben?
Jakob Koch: Doch, das steht im Volksbegehren drin. Der Lichtsmog, von dem der Bauernverband immer redet, ist Thema, und er soll auch reduziert werden.

„Rettet die Bienen“: Und was ist mit den privaten Gartenbesitzern und ihrem englischen Rasen?

Toni Huber: Und die privaten Gartenbesitzer? All die Leute, die daheim ihren japanischen Garten haben, wo keine einzige Pflanze mehr wächst? Und die dann ihr Kreuz pro Volksbegehren machen?
Jakob Koch:Stimmt, die Privatgärten kommen nicht vor. Sie betragen in der Summe aber auch nur 3,5 Prozent. Da ist schon die Frage: Wo erreichst du mehr? Und vor allem: Wo kann man was kontrollieren?
Toni Huber:Unter dem Strich bleibt bei mir und vielen Landwirten das Gefühl: Da wird uns wieder was reingedrückt. Dazu gehört auch die Sache mit dem fünf Meter breiten Streifen entlang von Gewässern, der in Zukunft für Blühpflanzen freigehalten werden soll. Der Grund gehört ja irgendjemandem, und das sind die Bauern. Da wird einfach über unser Eigentum verfügt. Und von einer angemessenen Entschädigung für den entgangenen Nutzen habe ich noch nichts gehört.

Volksbegehren „Rettet die Bienen“: Blühstreifen wird für Landwirte extrem hart

Jakob Koch:Ich kann Dir in dem Punkt nur Recht geben. Das ist für die Landwirte extrem hart. Welcher Bürger lässt sich vom Staat schon ohne weiteres zum Teil zehn Prozent von seinem Grund nehmen? Das gäbe einen Aufschrei. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass genau dieser Bereich für Kleinstlebewesen wahnsinnig wichtig ist. Die Landwirte müssen ja auch nicht von heute auf morgen auf Grund und Boden verzichten, sondern sie bekommen einen Fahrplan in die Hand. In dem Volksbegehren sind Zielvorgaben formuliert. Ob die dann 1:1 umgesetzt werden, muss man erst noch sehen. Es geht darum, einen Weg zu finden, den alle gehen können.

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„Wir sind Unternehmer. Wir müssen unsere Familie ernähren.“

Toni Huber: Das Ärgerliche ist die Haltung, die da zum Ausdruck kommt. Es wird so getan, als wäre nichts dabei, Landwirten Grund und Boden wegzunehmen. Vielen ist offenbar nicht klar: Wir sind Unternehmer, wir müssen unsere Familien ernähren. Wir machen das alles ja nicht aus Spaß.
Jakob Koch:Was mögliche Ausgleichszahlungen angeht: Ein Volksbegehren darf nicht in die Budgethoheit des Landtags eingreifen, deswegen steht da auch nichts über Fördermittel oder dergleichen drin.

Susanne Schwaighofer: An dem Blühstreifen hängt ja noch ein ganzer Rattenschwanz an anderen Problemen daran, von denen der Laie keine Ahnung hat. Da greift ein Gesetz ins andere. Weniger Grund, das bedeutet: Wir dürfen weniger Gülle ausbringen. Dann steht man vor der Frage: Sollen wir weniger Tiere halten? Aber man hat doch für eine bestimmte Anzahl Ställe gebaut und Schulden gemacht! Oder doch die Gülle entsorgen, was wieder mit Kosten und Mühen verbunden ist? Für den normalen Landwirt wird es brutal aufwändig und kompliziert.

Toni Huber: Ja, es ist diese allgemeine Ahnungslosigkeit über die Landwirtschaft, die uns frustriert. Mit uns wird nicht geredet. War das früher auch schon so, Leonhard?
Leonhard Kraus: Früher gab es mehr Verständnis, mehr Miteinander. Die Landwirte haben zum Teil selbst noch Bienen gehabt. Dafür haben heute viele keine Zeit mehr, einfach, weil die Landwirtschaft intensiver geworden ist. Ich persönlich habe das Volksbegehren unterschrieben. Mich ärgert der Einsatz der Pestizide, da leiden die Viecher drunter, zum Teil verlieren sie die Orientierung, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Man sollte aber auch nicht dauernd auf die Bauern draufhauen, das ist sicher nicht richtig. Es gibt ein Problem, und das gehört gelöst. Die Politik muss vorangehen.

„Den Leuten reicht es. Die Regierung hat zu lange geschlafen.“

Jakob Koch:Apropos Politik. Ich kann nur sagen: Den Leuten reicht es allmählich. Das Volksbegehren ist ja nur nötig geworden, weil die Regierung so lange geschlafen hat. Ich finde es ja schon wieder faszinierend, wie man ein Thema wie das Artensterben so lange ignorieren kann. Jetzt ist eben der Druck da, und das ist gut so. Vielleicht liegt ja sogar für die Landwirte eine Chance darin, dass sich jetzt so viel um sie dreht. So, wie es in der Vergangenheit gewesen ist, kann es nicht weitergehen, finde ich.
Toni Huber:Ich weiß nicht. Die Ausweitung der Öko-Landwirtschaft bis 2030 auf 30 Prozent halte ich nicht für den richtigen Weg. Die konventionelle Landwirtschaft wird immer wichtig bleiben. Tatsache ist doch: Es gibt immer weniger Flächen, und auf diesen Flächen müssen Nahrungsmittel für eine wachsende Bevölkerung erzeugt werden. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Bio, aber das wird nicht funktionieren.
Susanne Schwaighofer: Es gibt schon einige Milchbauern, die gerne auf Bio umsteigen würden. Aber sie bringen ihr Produkt nicht an den Mann, Andechs und Piding haben Aufnahmestopp. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Markt das mitmacht. Vor allem, wenn man weiß, dass Deutschland das Land ist, in dem am wenigsten für Lebensmittel ausgegeben wird.

30 Prozent Öko - was heißt das eigentlich?

Jakob Koch: 30 Prozent heißt ja nicht, dass jeder Landwirt 30 Prozent öko anbaut. Gemeint ist insgesamt, in der Summe in Bayern. Das täte der Artenvielfalt schon wahnsinnig gut. Im übrigen sehe ich da auch die Regierung in der Pflicht. Der Staat hat durchaus Möglichkeiten, den Absatz für Bio-Produkte anzukurbeln. Etwa, wenn alle vom Land finanzierten Kantinen, etwa Schulkantinen, umgestellt werden.
Toni Huber: Gute Idee. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das reicht.
Jakob Koch:Auf Dauer sicher nicht, aber ein Anfang wäre gemacht. Freiwillige Programme in der Bio-Landwirtschaft sind schön und gut, aber sie sind einfach zu langsam. In den nächsten fünf oder zehn Jahren muss was passieren. Sonst ist es vorbei mit der Artenvielfalt. Dann ist die rote Liste tot.
Toni Huber: Ich finde, vor allem die junge Generation gehört dafür sensibilisiert, welchen Wert Lebensmittel haben. Man muss beim Verbraucher anfangen.
Jakob Koch:Absolut richtig. Jetzt komme ich ja wirklich aus einer grünen Familie, und wir haben seit vielen Jahren die Berchtesgadener Bio-Milch daheim. Vor kurzem habe ich in Österreich vor der Hütte ein Glas Milch getrunken, frisch von der Kuh, direkt vor der Hütten. Der Unterschied war Wahnsinn. Da habe ich mich gefragt: Wie hat das passieren können, dass auch ich so weit weg bin? Dass ich nicht gewusst habe, wie anders die natürliche Milch schmeckt. Was ist da alles kaputt gegangen?

Susanne Schwaighofer: Ich glaube, wir sind uns ja in vielen Punkt einig. Keiner will, dass das Artensterben weitergeht. Aber ich finde, es sollte schon auf die Belange der Bauern mehr eingegangen werden. Bauersein ist kein Hobby, sondern Beruf.
Jakob Koch:Wir müssen schauen, dass wir alle nicht zu stur sind. Wer weiß, wenn wir in fünf Jahren zusammensitzen, wirst Du vielleicht zu mir sagen: „Super, Jakob, dass wir das gemacht haben.“ Vielleicht sagen wir auch: „Das war ein totaler Schmarrn.“ Es kommt jetzt darauf an, dass wir unsere Zukunft gut gestalten.

vu

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Kommentare

Wilhelm BuschAntwort
(0)(0)

Sie reden von den Bauern welche vor einigen Jahren Tiermehl an Wiederkäuer verfüttert haben? Von den Bauern welche sich mit Händen und Füßen gegen die Veröffentlichung der Agrarsubventionen gewehrt haben? Wenn ich mir die Beträge mit den Subventionszahlungen alleine in der Gemeinde in welcher ich lebe ansehe, verstehe ich die Welt nicht mehr... Wer konsumiert soll zahlen, kein Problem, den Preis der abgerufen wird, aber deswegen muss ich trotzdem nicht jedem Landwirt seinen Bulldog und seinen japanischen SUV mitfinanzieren... So viel zum Thema Solidarität....Ach das Thema bauen im Aussenbereich hatte ich vergessen....

"Desweiteren können wir mit unseren Böden nicht ins Ausland abhauen, wie es das meiste produzierende Handwerk handhabt."

Stimmt, ich kenne jede Menge Schreiner und Zimmerer die ihren Lebensabend in der Schweiz verbringen....aber ohne Subventionierung....

Sie sollten sich mal schlau machen wo diese Subventionen ihren Ursprung haben....und dieser ist heute sicher nicht mehr haltbar....da ist man dann eben auf den "Wahrung der Natur" Zug aufgesprungen und hat nebenbei Tiermehl an Wiederkäuer verfüttert.... Guten Abend

HeikeAntwort
(1)(0)

ja, ihr füttert uns mit 140,00 EUR pro Person und Jahr durch. Jetzt vergleiche mal die Lebensmittelpreise mit Frankreich oder der Schweiz. Damit kommst du gut weg oder? Desweiteren produzieren Landwirte mit sehr hohen Standards - auf die du doch sicherlich auch nicht verzichten möchtest - und die kosten. Dann haben wir noch KULAP und Vertragsnaturschutzprogramm. Hier wenden wir Bewirtschaftungsmaßnahmen an, mit denen man keine schwarzen Zahlen schreiben kann. Der Staat entlohnt uns den Mehraufwand. Das ist kein Zugeständnis an die Landwirte sondern an die Naturschützer. Desweiteren können wir mit unseren Böden nicht ins Ausland abhauen, wie es das meiste produzierende Handwerk handhabt. Die einzige Textilfirma, die überhaupt noch in D produziert, ist Trigema. Alle anderen lassen in Billiglohnländern fertigen. Und eigentlich füttern wir euch durch, 1,99 € für 1 kg Fleisch ist kein übler Preis, das mußt du erst mal zu dem Preis hergestellt bekommen. Und komm mir jetzt nicht mit Tierquälerei. Unsere Ställe werden ziemlich oft kontrolliert und alles, was den aktuellen Gesetzen entspricht, ist keine Tierquälerei. Übringens liegt der Bio-Absatz von Fleisch bei 1,7 % und bei Stroh-Schweinen bei 1 %. Die Krokodilstränchen, die über das Tierleid vergossen werden, kann ich also nicht ganz ernst nehmen. Gesamtbioabsatz 5 % - und da ist noch viel Ware vom Ausland dabei. Aber beklag dich ruhig weiter .... dir geht es mit unseren Lebensmitteln furchtbar schlecht....

HeikeAntwort
(1)(0)

das wird nur in der Stadt passieren, kleine Gemeinden haben dafür gar kein Geld. Das paßt aber schon, Die größeren Städte wählen grün, dann dürfen sie auch die Folgen von deren Ideen auslöffeln.