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„Wir sollten uns freuen, wenn Betriebe hier in Wolfratshausen investieren“: Christian von Stülpnagel (64), seit 2012 Vorsitzender der Unternehmervereinigung Wirtschaftsraum Wolfratshausen.  

Im Interview mit dem Chef der UWW

Stülpnagel: „Da lehne mich jetzt mal aus dem Fenster“

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Seit 1974 vertritt sie einen Großteil der Wirtschaft im Norden des Landkreises: Die Unternehmervereinigung Wirtschaftsraum Wolfratshausen, kurz UWW. Vorsitzender ist seit 2012 Christian von Stülpnagel. Der Wolfratshauser ist Geschäftsführer der Firma eg-electronic. Unsere Zeitung hat mit dem 64-Jährigen gesprochen.

Herr von Stülpnagel, die Auftragsbücher der Unternehmen sind voll, im Landkreis herrscht Vollbeschäftigung. Sind die Aussichten nach Ihrer Einschätzung weiterhin rosa-rot?

Ich denke schon. Wir haben uns an die neue Zinsstruktur gewöhnt und lernen jetzt damit umzugehen. Betriebsinvestitionen fallen viel leichter und helfen uns heute weiter zu modernisieren und zu investieren. Und somit der weltweiten Konkurrenz durch unseren Arbeitsfleiß trotz hoher Lohnkosten weiter voraus zu sein.

Ein Manko: Viele Betriebe klagen über Facharbeitermangel. Können Sie die Ursachen erklären?

Tatsächlich könnte der Fachkräftemangel zur größten Beschäftigungsbremse werden. Es gibt viele Ursachen: Zum einen die demografische Entwicklung. Es scheiden deutlich mehr Arbeitskräfte altersbedingt aus dem Arbeitsleben aus als junge Menschen das erwerbsfähige Alter erreichen. Die Rente mit 63 hat das ihrige dazu getan. Der Fachkräftemangel zieht sich mittlerweile durch alle Branchen und Qualifikationen. Mangelnde Arbeitgeberattraktivität könnte auch ein Problem sein, wenn die gebotenen Leistungen nicht mit den Vorstellungen der potenziellen Mitarbeiter übereinstimmen. Dies ist vor allem oft schwierig für die kleineren Firmen.

Was können die Unternehmen selbst gegen den Facharbeitermangel tun – und können die Kommunen Hilfestellungen leisten?

Seitens der Unternehmervereinigung gehen wir immer wieder aktiv auf die Schulen zu. Es sollten viel mehr Betriebe Praktika anbieten und den Schülern damit zeigen, welche Möglichkeiten in Betrieben bestehen. Denn wenn da Begeisterung entsteht an einem Berufsbild, dann ist die Lernfähigkeit viel höher. Dazu gehört auch, die Mitarbeiter im eigenen Unternehmen zu fördern und weiterzubilden, sowie die Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern, um so die Mitarbeiter langfristig an die Unternehmen zu binden.

Eine Aufgabe der Kommunen ist es, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Vor allem Menschen mit Durchschnittseinkommen müssen Wohnungen zu angemessenen Mietpreisen finden. Hier wäre die Politik gefordert, sich über Fördermöglichkeiten Gedanken zu machen, sodass es auch für private Investoren wieder interessant wird, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Der Bauausschuss der Stadt Wolfratshausen hat beschlossen: Im Wolfratshauser Gewerbegebiet darf künftig sechs- statt bisher nur viergeschossig gebaut werden. Allerdings nur im Osten des Gewerbegebietes – über die Zukunft des Westens soll zu einem späteren Zeitpunkt diskutiert werden. Was sagen Sie zu der Entscheidung?

Typisch! Immer nur halbe Sachen machen! Hier wird von Ängsten vor einem drohenden Verkehrsinfarkt gesprochen. Besser wäre doch – statt auf die Bremse zu treten – den Verkehrsfluss aktiv zu verbessern. Wir sollten uns freuen, wenn Betriebe hier in Wolfratshausen investieren können und Arbeitsplätze schaffen wollen. Es ist ja nun auch nicht so, dass jetzt innerhalb von ein paar Jahren alle aufstocken. Das wird nur vereinzelt passieren. Die Entwicklungsvoraussetzung ist, eben hierfür die Infrastruktur zu schaffen – und das ist eine politisch-kommunale Aufgabe. Die Geschichte der neu installierten Ampel an der sogenannten Tapsi-Kreuzung ist schon so ein Beispiel. Noch besser wäre es, weitsichtig zu handeln und eine Umgehungsstraße zu bauen beziehungsweise die Verlegung der Bundesstraße zu verlangen – denn dann übernimmt der Bund die Kosten. Die S-Bahn-Verlängerung nach Geretsried kommt, darauf ist aufzubauen.

Dem Wirtschaftsreferenten des Stadtrates, Helmut Forster, liegen nach eigenen Worten zahlreiche Anfragen von Unternehmen vor, die einen Standort in der Flößerstadt gründen wollen. Aber: Es fehlt an geeigneten Grundstücken in Wolfratshausen. Plädieren Sie für die Schaffung neuer Gewerbeflächen? Wo sehen Sie noch potenzielle Flächen?

Da lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster. Wolfratshausen hat nicht mehr viele Flächen, aber die aktuelle Meinung, diese restlichen Flächen für die nächsten Generationen aufzuheben, halte ich für falsch. Besser wäre es, zu investieren und die Erträge weiter zu geben. Wir müssen uns mit Geretsried im Rahmen des „Mittelzentrums“ an einen Tisch setzen und aktive, gemeinsame Politik machen. Wünschen würde ich mir einen Ideenwettbewerb für einen positiveren Namen, anstatt weiterhin den Begriff „Mittelzentrum“ zu verwenden.

Noch hat sich eine neue Bundesregierung nicht konstituiert. Was erwarten Sie als Vorsitzender der Unternehmervereinigung Wolfratshausen von der neuen Regierung in Berlin?

Ehrlich – nicht mehr viel. Inzwischen sind die Betriebe abgeklärt und lösen alle Probleme weitestgehend vor Ort. Die große Politik wird da nicht gefragt. Es wäre jedoch wünschenswert, endlich eine handlungsfähige Regierung zu haben. Vor allem keine Große Koalition um jeden Preis.

Welche Entscheidung/Entwicklung in Wolfratshausen hat Sie als UWW-Chef im Jahr 2017 besonders gefreut? Was hat Sie geärgert?

Besonders geärgert hat mich dieser unfähige kleine Kreisel im Gewerbegebiet. Wir haben nach inzwischen drei Nachbesserungen immer noch Probleme, und heuer wurde er für Monate gesperrt, um den Kanal dort zu erneuern. Die Chance, den Kreisel in diesem Zusammenhang zu ertüchtigen, wurde vertan.

Gefreut hat mich die Entscheidung, an der alten Floßlände eine künstliche Eisfläche anzulegen. Das ist sicherlich nicht wirtschaftlich, aber eine Kommune muss ja nicht nur wirtschaftliche Projekte verwirklichen, sondern soll die eingenommenen Steuern für die Bürger attraktiv einsetzen.

Nehmen wir an, die UWW hat fürs neue Jahr einen Wunsch frei: Welcher wäre das?

Eine Umgehungsstraße südlich von Wolfratshausen steht auf Platz eins meines Wunschzettels. Allein in Geretsried entstehen im nächsten Jahrzehnt 1000 Wohnungen – da will sicher der eine oder andere Eigentümer beziehungsweise Mieter auch zur Salzburger oder Garmischer Autobahn. Die Schießstättstraße und die Sauerlacher Straße in Wolfratshausen sind heute schon übervoll. Da eine Lösung zu schaffen, ist dringend notwendig. Dies ist eine Aufgabe für beide Städte – für Wolfratshausen und Geretsried. Ein weiterer Wunsch: Die Wolfratshauser Innenstadt endlich attraktiver gestalten.

Hauptversammlung

Die UWW aktuell rund 130 Mitglieder, darunter Unternehmen aus Industrie und Einzelhandel, Banken, Dienstleister, Handwerksbetriebe, Rechtsanwälte, Steuerberater, Medienschaffende sowie Ärzte. Die Mitglieder sind für Dienstag, 23. Januar, um 18.45 Uhr zur Hauptversammlung eingeladen. Treffpunkt ist der Saal der Sparkasse an der Sauerlacher Straße. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem Vorstandswahlen sowie ein Vortrag von Josef Bichler, Leiter der Berufsschule in Bad Tölz.

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