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Eine Folge der Corona-Pandemie: „Die einsamsten Menschen sind verstummt“

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Von: Dominik Stallein

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Zwei Frauen von den Maltesern
Die neue Doppelspitze der Malteser in Wolfratshausen: Kreisbeauftragte Gräfin Stephanie zu Ortenburg (li.) und Kreisgeschäftsführerin Elisabeth Vogel. © Julia Krill/Malteser

Frauenpower: Die Malteser im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen haben jetzt eine weibliche Doppelspitze. Unsere Zeitung sprach mit der neuen Kreisgeschäftsführerin Elisabeth Vogel.

Wolfratshausen – Die Malteser im Landkreis haben eine neue Doppelspitze. Gräfin Stephanie zu Ortenburg ist neue Kreisbeauftragte, Elisabeth Vogel neue Kreisgeschäftsführerin. Sie hat angekündigt, sich besonders um Senioren und Menschen mit Demenz kümmern zu wollen. Im Interview mit unserem Volontär Dominik Stallein erklärt Vogel (56), wie sie das schaffen möchte.

Frau Vogel, warum brauchen gerade ältere Menschen im Moment besonders viel Aufmerksamkeit?

Die Einschränkungen der Corona-Pandemie haben viele Senioren extrem getroffen. Natürlich mussten alle Menschen mit verschiedenen Einschnitten klar kommen. Aber gerade bei den Älteren wurde große Angst geschürt, weil das Virus für sie besonders gefährlich ist. Am besten sollten sie sich mit gar niemandem mehr treffen und ihr Sozialleben weitestgehend einstellen. Das hat dazu geführt, dass Menschen, die ohnehin weniger unter Leute gekommen sind, komplett alleine waren und zunehmend vereinsamten.

Was wollen Sie dagegen tun?

Das ist nicht einfach, denn gerade die Menschen, die am einsamsten sind, sind immer mehr verstummt. Wer die Hilfe und die Gesellschaft am dringendsten braucht, ruft nicht danach. Eine wichtige Aufgabe für unsere Arbeit ist es, diese Menschen zu finden und ihnen die Hand zu reichen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Wir verfolgen verschiedene Ansätze. Einer davon ist, dass wir all unsere Mitarbeiter schulen, ein besonderes Augenmerk darauf zu haben, wenn sich Menschen verändern. Zum Beispiel die Fahrer von unserem „Essen auf Rädern“ achten auf die Signale und sind verpflichtet, so etwas an uns oder notfalls den Notarzt zu melden. Das ist enorm wichtig, weil die Fahrer an vielen Tagen die einzige Kontaktperson der Senioren sind. Unser Anspruch ist es, die Aufmerksamkeit, die man früher hatte, weil man eng zusammengelebt hat, mit unseren Angeboten zu ersetzen. Außerdem wollen wir unsere Arbeit stärker mit Öffentlichkeitsarbeit begleiten, damit mehr Menschen von uns erfahren. Und wir richten ganz unterschiedliche Veranstaltungen aus.

Wir haben zum Beispiel ein niederschwelliges Schulungsangebot – die Demenzlotsen – geschaffen, bei dem Menschen lernen, im Alltag mit demenziell Erkrankten richtig umzugehen. Damit sind nämlich nicht nur Ärzte, Pfleger oder Pfarrer konfrontiert, sondern auch Taxi-Fahrer, Bäcker oder Einzelhändler. 

Elisabeth Vogel, Kreisgeschäftsführerin der Malteser

Zum Beispiel?

Zuletzt mit einer sehr agilen Auftaktveranstaltung für ein Demenzangebot, das Café Malta. Die Gäste sollten spüren, wie sich die Erkrankung anfühlt.

Doch wie Sie sagten, nehmen viele solche Angebote nicht wahr.

Natürlich kommen nicht alle Betroffenen. Aber jeder, der mitmacht oder auch nur erfährt, dass es so etwas gibt, ist ein potenzieller Multiplikator. Fast jeder kennt jemanden, der Hilfe oder Gesellschaft braucht.

Doch nicht jeder erkennt das auch...

Das ist richtig. Deshalb wollen wir das Thema aus allen Richtungen angehen.

Was heißt das?

Wir haben zum Beispiel ein niederschwelliges Schulungsangebot – die Demenzlotsen – geschaffen, bei dem Menschen lernen, im Alltag mit demenziell Erkrankten richtig umzugehen. Damit sind nämlich nicht nur Ärzte, Pfleger oder Pfarrer konfrontiert, sondern auch Taxi-Fahrer, Bäcker oder Einzelhändler. Mit etwas Achtsamkeit können sie Demenzkranke erkennen und ihnen sehr im Alltag helfen. Wie das geht, wollen wir ihnen zeigen.

Senioren-Arbeit ist nicht das einzige Betätigungsfeld der Malteser. Wo ist der Verband noch aktiv?

Tatsächlich bewegen wir uns in einem sehr breiten Spektrum. Unser Ziel ist, überall da zu sein, wo Not ist. Natürlich machen die Älteren einen großen Teil aus, aber wir kümmern uns auch um Kinder und Jugendliche, um Kranke und Familien, um Geflüchtete oder Menschen, die sterben oder trauern.

Das klingt nach viel Arbeit.

Ist es auch.

Wie stemmen Sie das?

Wir haben neben den hauptberuflichen Mitarbeitern glücklicherweise auch viele Ehrenamtliche, die zum Beispiel Hausbesuche machen und so Gesellschaft schenken. Im Moment sind etwa 15 freiwillige Helfer bei den Maltesern im Landkreis aktiv. Wir sind über jeden froh, der bereit ist, sich einzubringen – für den Besuchs- und Begleitdienst oder das Café Malta zum Beispiel. Die Hilfe wird an vielen Orten gebraucht.

Infos zu den Demenzlotsen gibt es unter www.malteser-bistum-muenchen.de unter dem Reiter „Demenzlotse“.

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter.

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