Einband Lebensbilder Badehaus
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Ein Buch voller Schicksale: die Lebensbilder.

Das Badehaus veröffentlicht den Band „Lebensbilder“

Ergreifende Schicksale aus dem jüdischen DP-Lager Föhrenwald

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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Lange und intensiv ist daran gearbeitet worden, jetzt ist er da: Die „Lebensbilder“ des Badehausvereins. Ein Buch, wie gemacht für Weihnachten.

Wolfratshausen – Am 27. September dieses Jahres ist Chaim Bukszpan in München gestorben. Seine Biographie, nachzulesen im Badehaus-Buch „Lebensbilder“, ist schlicht erschütternd. 1923 in Krakau geboren, geraten er und seine religiöse Familie in die Fänge der Nazis. Er überlebt als Einziger das KZ, seine Eltern und seine drei Brüder werden ermordet. Nach dem Krieg setzt er mit einem Fischkutter nach Palästina über und kämpft für die Gründung des Staates Israel, den Pass mit der niedrigen Nummer 252 trägt er Zeit seines Lebens mit sich herum. Doch er will zurück nach Deutschland, ins Land der Täter, warum auch immer. Doch sein eigener Staat, Israel, billigt das nicht. So kommt er an die Isar, nach Föhrenwald.

Das Lager Föhrenwald, das heutige Waldram, ist zu diesem Zeitpunkt ein Lager für Displaced Persons, wie der nüchterne Amtsjargon der Amerikaner lautet, sprich: Für all die Entwurzelten, die den Holocaust irgendwie überlebt haben und nun eine neue Heimat suchen. Dort kreuzen sich die Schicksale von vielen Tausend Menschen.

Ein großes Gemeinschafts- und Versöhnungswerk

Seit 2012 arbeitet der Badehausverein das Schicksal dieser Menschen auf. 2018 fand die Eröffnung des Waldramer Erinnerungsortes am Kolpingplatz statt. Wenn jetzt das Buch „Lebensbilder“ erscheint, dann ist es die beeindruckende Summe intensivster Bemühungen, Zeitzeugen zu finden, ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen und sich mit ihnen zu versöhnen. Man kann sich vorstellen, wie schwierig das war, zumal über die weiten Distanzen: Viele „Föhrenwalder“ leben längst in den USA oder Israel, sind Eltern und Großeltern. Dennoch ist es wie durch ein Wunder gelungen.

Das Buch ist ein großes Gemeinschaftswerk. „Das Projekt hat eine Vielzahl von Menschen zusammengeführt, Juden und Nichtjuden, Deutsche und Israelis, Studenten und Rentner, Berufstätige und Bundesfreiwillige“, schreibt Badehaus-Vorsitzende Dr. Sybille Krafft in ihrem Vorwort. Die Jüngste war 17, die älteste 97 Jahre. Die Rekonstruktion der Schicksale erfolgte bei persönlichen Begegnungen, in Telefonaten, Briefen, E-Mails oder digital geführten Gesprächen. Die Internationalität kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass das Buch zweisprachig erschienen ist – ein gewaltiger Aufwand.

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Der 173 Seiten umfassende Bildband ist von der ersten bis zur letzten Seite gelungen. Er enthält neben vielen Lebensgeschichten und historischen Dokumenten auch Grafiken, ein Glossar und ein Quellenverzeichnis. Vor allem lebt es aber von den feinfühligen Porträts, die die Geretsrieder Fotografin Justine Bittner angefertigt hat. Entstanden sie sind zum Großteil bei der Eröffnung des Badehauses, als über 60 ehemalige „Föhrenwalder“ aus aller Welt in den Ort ihrer Jugend zurückkehrten. „Es war für mich persönlich wie beruflich ein ergreifender Moment, diesen besondern Augenblick und dessen Atmosphäre einzufangen“, erklärt sie in ihrem Beitrag.

Als das Lager Föhrenwald 1956 allmählich aufgelöst wird, geht Chaim Bukszpan mit seiner Frau Irene nach München. Er wird Gastronom und Taxifahrer. Doch was er erlebt hat, lässt ihn nie los. „Ich kriege meine Erinnerungen nicht aus dem Kopf. Sie lassen sich nicht ausradieren, alles bleibt im Gehirn. Die Verbrecher von damals waren irgendwann frei. Bei uns, die wir unter ihnen leiden, arbeiten und sterben mussten, ist alles im Gehirn.“ So steht es großen Buchstaben über Chaim Bukszpans Biographie. Die Summe eines Lebens – und eine Mahnung zur rechten Zeit.

Das Buch
„Lebensbilder“ kostet 24,90 Euro und ist erhältlich unter www.erinnerungsort-badehaus.de

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