Joe Biden spricht im historischen Museum "National Constitution Center".
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Der Neue im Weißen Haus: Joe Biden löst Donald Trump ab - wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes passiert.

Nach tagelanger Ungewissheit

US-Bürger im Landkreis begrüßen die Wahl von Joe Biden

Eine Tage unter Hochspannung standen die US-Amerikaner im Landkreis. Jetzt herrscht Erleichterung: Ihr Favorit, Joe Biden, ist neuer Präsident.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Als das Ergebnis fest stand, schnaufte Rose Sasse nach tagelanger Anspannung kräftig durch: Am späten Samstagnachmittag deutscher Zeit riefen die ersten Medien Joe Biden zum Wahlsieger im Rennen um die US-Präsidentschaft aus. Vorangegangen war ein enges Rennen – mit kräftezehrender Ungewissheit. „Wir waren wirklich nervös. Vor allem deshalb, weil die Auszählung nur in so kleinen Schritten fortgeschritten ist und es lange sehr knapp war“, sagt die US-Amerikanerin, die seit etwa zehn Jahren mit ihrem deutschen Mann in Reichersbeuern lebt.

In der Wahlnacht – am Dienstag wurden die US-Bürger an die Urnen gebeten – sah es noch nach einem Sieg des Amtsinhabers Donald Trump aus. Erst die Auszählung der Briefwahlstimmen, die in einigen Bundesstaaten traditionell erst nach den Vor-Ort-Wählern gezählt werden dürfen, ließ das Pendel für seinen demokratischen Herausforderer ausschwingen. „Wir sind sehr glücklich, dass es so ausgegangen ist“, sagt Sasse, auf deren Fernseher tagelang der Nachrichtensender CNN lief.

Was geht vor im Supreme Court?

Ganz sicher über Bidens anstehende Präsidentschaft ist sich Sasse allerdings nicht: „Ich glaube, dass die Wahl vor dem Supreme Court entschieden wird.“ Das Wahlkampf-Team des Präsidenten hatte mehrfach angekündigt, das oberste Bundesgericht einzuschalten – wegen bislang unbewiesener Betrugsvorwürfe gegen die Demokraten. „Ich vertraue dem Supreme Court nicht“, sagt Sasse. In seiner Amtszeit hat Präsident Trump mehrere Richterposten mit republikanischen Unterstützern besetzt, einen davon nur wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl. „Da kann vieles passieren“, befürchtet die Familienmutter.

Angelika Sesto aus Waldram glaubt, dass die nächsten Wochen spannend werden.

Etwas entspannter sieht die Waldramerin Angelika Sesto die Situation: „Ich glaube, dass es nicht leicht wird, das Wahlergebnis noch anzufechten.“ Sie befürchtet zwar weiterhin „spannende Wochen“. Aber der Demokraten-Kandidat Biden habe am Ende in zu vielen Staaten gewonnen, sodass eine Anfechtung in ihren Augen keinen Erfolg haben wird. „Es wäre jetzt eine große Geste, wenn der Präsident seine Niederlage einräumt“, sagt Sesto. Amtsinhaber Trump machte dazu allerdings bislang keine Anstalten.

An eine normale Übergabe glaubt keiner

„Ich fand es sehr spannend zu sehen, wie Leute, die sich gar nicht für Politik interessieren, auf einmal zusahen, wie korrupt Amerika ist“, sagt Kiernan Leahy aus Bad Tölz. Er sei sehr erleichtert, dass Biden gewonnen hat, „jedoch drei Millionen Stimmen sind nicht viel, und es ist schon erschreckend, wie viel Trump bekommen hat“. Er bezweifle allerdings stark, dass Trump Bidens Sieg tatsächlich anfechtet. Die meisten republikanischen Politiker hätten sich zurückgezogen, er habe keine politische Unterstützung mehr. „Aber da es Trump ist, kann ich mir vorstellen, dass er kurz vor Ende seiner Amtszeit noch irgendwas macht, das Joe Biden sehr behindert oder es ihm schwerer macht“, mutmaßt Leahy.

Michelle Calabro aus Wackersberg vermutet, dass Donald Trump noch Theater machen wird.

Vor der Wahl hatten einige Beobachter damit gerechnet, dass sich extremistische Trump-Anhänger aufgerufen fühlen könnten, heftigen Widerstand gegen das Wahlergebnis zu leisten, sollte der Präsident abgewählt werden. „Ich habe auch befürchtet, dass es schlimme Ausschreitungen geben könnte“, sagt Angelika Sesto. Bislang sei die Lage aber relativ friedlich. Im Fernsehen sind vor allem die ausgelassenen Feierlichkeiten von Biden-Fans zu sehen. Sorgen um ihre Verwandtschaft im nördlichen Ostküsten-Bundesstaat Maine – Biden gewann hier die Wahlmännerstimmen mit komfortablem Abstand – macht sich die Waldramerin nicht.

Ein Präsident, der ganze Sätze spricht

Auch Michelle Calabro, die Verwandtschaft in New York hat, sorgt sich nicht. Dafür war das Wahlergebnis pro Biden auch in diesem Bundesstaat zu deutlich. „Aber ich kann mir vorstellen, dass die momentane Ruhe sich verändert“, sagt die Wackersbergerin, die seit über 30 Jahren in Deutschland lebt. „Ohne einen großen Krach wird Donald Trump nicht abtreten.“ Dennoch blickt sie mit Vorfreude auf die Präsidentschaft des Demokraten Biden: „Es ist unglaublich erleichternd, wieder einen Präsidenten zu haben, der in ganzen Sätzen sprechen kann.“ Auch wenn das Wahlergebnis „unglaublich knapp“ ausgefallen ist: „Es war ein wichtiges Signal für die USA und für die Demokratie.“ Der zum Amtsantritt 78-jährige Biden werde vermutlich „nicht der allerbeste Präsident in der Geschichte“ sein, „aber ein riesiger Fortschritt“.

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Den erhofft sich auch die Tölzerin Carmen Feliciano. Die erste Rede des designierten Präsidenten nach Bekanntwerden des Siegs von Joe Biden verfolgte sie „sehr zufrieden und erleichtert“. Dass der Wahlsieger ankündigte, „vereinen zu wollen und nicht weiter zu spalten und ein Präsident für alle Amerikaner sein möchte“ erfülle sie „mit großer Hoffnung“. Auch, dass sich der ehemalige Vize-Präsident bereits jetzt an die Sacharbeit mache und beispielsweise an der Corona-Politik plane, „lässt mich auf eine gute Präsidentschaft hoffen“.

Während des Auszählungsmarathons in den Staaten – „ich habe alle paar Minuten auf mein Handy geschaut, ob es Neues gibt und in der Nacht noch den Fernseher eingeschaltet“ – hatte Feliciano immer wieder befürchtet, dass Amtsinhaber Trump weiterregieren darf. Die Wähler haben anders entschieden, und ihr „ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen“. Dominik Stallein / Melina Staar

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