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„Liebeswahn“: Prominente Grünen-Politikerin mit 9.978 E-Mails bombardiert

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Von: Rudi Stallein

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Mit sage und schreibe 9.978 E-Mails bombardierte ein 56-Jähriger die Grünen-Landespolitikerin Katharina Schulze. © Symbolfoto/Fabian Sommer/dpa

Eine Gutachterin attestierte ihm Liebeswahn: Ein 56-Jähriger aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bombardierte eine prominente Landtagsabgeordnete mit fast 10.000 E-Mails.

Wolfratshausen – In E-Mails schilderte er detailliert sexuelle Abenteuer mit einer Landtagsabgeordneten, die einzig seiner Fantasie entsprungen waren. Weil er seine erotischen Fantasien Politikern vom Kreistag bis zum Deutschen Bundestag sowie diversen weiteren Empfängern zukommen ließ, musste sich ein Diplom-Ingenieur aus Wackersberg (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) wegen Verleumdung gegen eine Person des politischen Lebens in drei Fällen vor dem Amtsgericht Wolfratshausen verantworten. Dazu kamen 14 Verstöße gegen das Gewaltschutzgesetz. Der 56-Jährige wurde zu 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Erotische Fantasien: Prominente Grünen-Politikerin mit 9.978 Mails bombardiert - 56-Jähriger vor Gericht

„Das stimmt so. Aber das war ein Spaß, nicht ganz ernst gemeint“, erklärte der Angeklagte, der amüsiert wirkte, als der Staatsanwalt aus den ersten zwei pornografisch eingefärbten E-Mails zitierte, die der Beschuldigte am 30. Juni 2016 verfasst und in die weite Welt gesendet hatte. Ganz und gar nicht amüsant fand die Geschädigte, Katharina Schulze, die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag und zentrales Objekt der erotischen Fantasien, die Märchen, die der Mann frei erfunden hatte. Sie erstattete Strafanzeige gegen den Wackersberger und erwirkte einen Beschluss nach dem Gewaltschutzgesetz.

Was das für eine Frau, die in großer politischer Verantwortung steht, bedeutet, kann man sich nicht ausmalen.

Prof. Dr. Heinz Schöch 

Das hindert den Mann nicht, ihr weiter E-Mails zu senden. Am 25. Dezember 2019 landete eine weitere E-Mail mit derben pornografischen Schilderungen im elektronischen Postfach der Politikerin Schulze, wieder konnten zwei Dutzend weitere Empfänger, darunter zahlreiche ihrer Parteifreunde sowie Journalisten, an den Fantasien des Absenders teilhaben.

Eine Fachärztin für forensische Psychiatrie, die den Angeklagten auf seine Schuldfähigkeit untersucht hatte, attestierte dem Wackersberger eine „narzisstische Persönlichkeitsstruktur“ und stellte zudem eine „wahnhafte Störung“ fest. Die sei jedoch auf ein Thema begrenzt. In diesem Fall handele es sich offensichtlich „um einen Liebeswahn“, der zu einem regelrechten Bombardement mit E-Mails an die prominente Grünen-Politikerin ausgeartet war. Sage und schreibe 9.978 E-Mails zählte Prof. Dr. Heinz Schöch, der die Nebenklägerin Schulze vor Gericht vertrat. „Was das für eine Frau, die in großer politischer Verantwortung steht, bedeutet, kann man sich nicht ausmalen“, so Schöch.

Gutachterin erkennt beim Angeklagten Merkmale einer wahnhaften Störung

Die Gutachterin erklärte, ein Merkmal einer wahnhaften Störung sei: „Der Betroffene ist überhaupt nicht einsichtig, weil sein Wahn auf ein Thema beschränkt ist. Darüber hinaus können diese Menschen völlig unauffällig sein.“ Zudem sehe sie bei dem Angeklagten auch „Hinweise auf Größenwahn“. So habe er im Rahmen einer Exploration, der qualifizierten Gesprächsführung im Rahmen der psychologischen Diagnostik, geäußert: In der Partei, die ihn vor einigen Jahren ausgeschlossen hat, übe er immer noch eine „inoffizielle Beraterfunktion“ aus. Abschließend stellte die Psychologin die Prognose auf: „Er wird weiter E-Mails schreiben, wenn er nicht behandelt wird.“ Das verweigerte der Angeklagte: „Eine Behandlung brauche ich nicht, weil es nichts bringt.“

Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung

Richter Helmut Berger verurteilte den Diplom-Ingenieur zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung. Der Anklagevertreter hatte drei Monate mehr beantragt. Strafmildernd wertete der Richter am Amtsgericht Wolfratshausen die lange Verfahrensdauer sowie eine nicht auszuschließende verminderte Steuerungsfähigkeit beim Angeklagten. Als Auflage muss der Verurteilte 1500 Euro an den Verein „Frauen helfen Frauen“ zahlen. Zudem ordnete Berger ein Kontaktverbot zu der Geschädigten an. „Es liegt an Ihnen, wie es mit Ihrer Freiheit weitergeht“, gab der Richter dem Verurteilten mit auf den Weg. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (rst)

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