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Führerschein modern: Der Geretsrieder Fahrlehrer Florian Funke (li.) erklärt seinem Schüler Maxi Schuster eine Verkehrssituation – interaktiv via Apps.

Jeder Dritte scheitert

Fahrlehrer erklären, warum immer mehr Schüler durch die Prüfung rasseln

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Immer mehr Fahrschüler rasseln durch die Führerscheinprüfung. Die Fahrlehrer in der Region bestätigen den Negativtrend – und erklären, woran das liegt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Meldung lief vor einiger Zeit über den Ticker: Seit zehn Jahren sind in Bayern nicht mehr so viele Fahrschüler durch die Führerscheinprüfung gerasselt wie im vergangenen Jahr. Fast 25 Prozent scheiterten in der Praxis, nahezu 34 Prozent bestanden den Theorie-Test nicht. Und damit liegen die Fahranfänger im Freistaat noch unter dem bundesweiten Schnitt.

Georg Meier bestätigt den Trend, auch wenn es in seiner Fahrschule nicht „ganz so gach“ ist. Der Wolfratshauser erklärt die Entwicklung unter anderem damit, dass für mehr Schüler als früher „Deutsch nicht die Muttersprache ist“. Zudem, und darin stimmt er mit dem Geretsrieder Kollegen Fabian Funke überein, habe sich die Einstellung der jungen Leute geändert. „Früher wollte jeder den Führerschein unbedingt machen“, sagt der 35-jährige Funke, „heutzutage macht man ihn, weil man ihn halt macht. Sein Wert ist längst nicht mehr so groß.“

Auch die Motivation spiele eine große Rolle. Funke erzählt von einem Schüler, der das Plastikkärtchen unbedingt vor seinem Urlaub in der Tasche haben wollte. „Der hat in der Früh die Theorie bestanden, eine Stunde später die Praxis und ist mit einem VW Bus dann nach Frankreich gefahren.“

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Andere Fahrschüler sehen das laxer – gehen vor allem in die erste Theorieprüfung schlecht vorbereitet. Verbreitet sei die Devise, „erst mal zu sehen, wie weit ich es schaffe, ohne groß zu lernen“, sagt Funke. „No risk, no fun“, nennt sein Kollege Meier diese sich „einschleichende Sorglosigkeit“, mit der die jungen Schüler in der Prüfung sitzen – und mit der sie auch ihr erstes Scheitern quittieren: „Mei, hab’ ich halt zu wenig getan.“ Diesen Satz hört der 58-Jährige oft. Und weil er ihm absolut nicht gefällt, steuert er dagegen: „Wer nix lernt, den stelle ich halt nicht zur Prüfung vor.“

Meier und Funke hilft dabei ein Programm auf ihrem Tablet oder Laptop, das – gekoppelt mit einer App auf den Smartphones der Schüler – deren Wissensstand gläsern macht. Längst passé sind die Zeiten, in denen der Autor dieser Zeilen noch alle Testfragen per Bleistift auf Papierbögen ankreuzte; und dessen Vater noch einmal 35 Jahre zuvor gar nur läppische zweimal um den Block kurven musste, um seinen – damals grauen – Lappen zu erhalten. Der moderne Fahranfänger lernt und kreuzt digital – unter voller Kontrolle seines Lehrers. Der nämlich sieht in Echtzeit, wie viel sein Eleve gelernt, welche Fehler er gemacht und welche Vorprüfungen er versaut hat, wo es noch hakt und – in Rot, Gelb oder Grün sowie Prozentangaben – was ihm zur Prüfungsreife fehlt.

Eine vergeigte Prüfung ist nicht billig

Eine vergeigte Theorieprüfung, dazu reichen zehn Fehlerpunkte, ist nicht billig. Der TÜV verlangt für die Wiederholung laut Meier etwa 22 Euro. Dazu kommen zwischen 60 und 80 Euro, die die Fahrschule zur Wiedervorstellung verlangt. Wer in der Praxis durchfliegt, muss vor der Wiederholung an den TÜV gar gut 90 Euro zahlen.

Doch die zusätzlichen Kosten schrecken einige Prüflinge offensichtlich nicht davon ab, erst einmal zu denken: Ich schaffe den Stoff in zwei Tagen. Das funktioniere in den meisten Fällen nicht, warnt Georg Meier. „Auch wenn es ein paar Clevere gibt, die mit wenig Aufwand doch durchkommen.“

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Etwas anders verhält es mit den vielen Migranten, die inzwischen hier die Fahrerlaubnis anstreben. Unter ihnen gibt es jene, die, sagt Florian Funke, „noch vor der ersten Praxisstunde oder bevor sie die ersten Theoriefragen gesehen haben, ungeduldig fragen, ob sie bald die Prüfung machen können“. Was nicht von ungefähr kommt: „In ihren Heimatländern kennen sie vorgeschriebene Fahrstunden oft gar nicht.“ Und dann gibt es die, so die Erfahrung des Geretsrieders, „die so gut vorbereitet sind, dass sie die Theorie mit null Fehler bestehen“.

Mit der Praxis tun sich die Schüler oft leichter als mit der Theorie – auch weil die TÜV-Prüfer laut Meier heutzutage „fair und freundlich“ sind. Damit falle schon einmal Druck von den Führerscheinanwärtern. Dass ein Prüfer beispielsweise den Notschalter des Motorrads während einer Standpause heimlich auf Off stellt und den aufgeregten Schüler beim Wiederanlassen der Maschine ins offene Messer und damit durchrasseln lässt, derart fiese Gemeinheiten kommen eigentlich nicht mehr vor. „Um was geht’s uns denn?“, fragt Meier und gibt die Antwort selbst: „Doch nicht darum, den Fahrschüler scheitern zu lassen. Es geht um die Frage, ob ich ihn ruhigen Gewissens in den Straßenverkehr entlassen kann.“ peb 

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