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Besorgt, aber nicht verzweifelt: Die Flößer Josef Seitner (re.) und Michael Angermeier haben in der für ihr Betriebe schwierigen Lage durch die Corona-Pandemie den Optimismus nicht verloren.

Von der Pandemie ausgebremst

Flößer im Corona-Strudel

  • vonPeter Borchers
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Der Lockdown trifft auch die Flößer. Die drei Traditionsbetriebe im Landkreis stehen vor einer ungewissen Zukunft

Bad Tölz-Wolfratshausen – Einzelhändler, Gastronomiebetriebe, Touristikunternehmen – sie alle trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Aber: Auch wenn der eine oder andere Laden bedauernswerterweise auf der Strecke bleiben dürfte, wird es nach der Krise Geschäfte, Gaststätten und Reisebüros geben. So einfach lässt sich das von einem seltenen Traditionshandwerk nicht behaupten. Nur drei Flößereibetriebe gibt es im Landkreis: die beiden Wolfratshauser Unternehmen der Cousins Josef Seitner und Franz Seitnersowie jenes des Arzbachers Michael Angermeier. Sie alle stehen für gelebtes Brauchtum und bayerische Lebensart. Eine Schande wäre es, würde das Virus dieses uralte Handwerk ausrotten.

Noch hat die Saison nicht begonnen, die ersten Flöße rutschen normalerweise am 1. Mai in die Loisach respektive Isar, im Fall von Franz Seitner erst am 9. Mai. Angermeier mit drei Mitarbeitern und Josef Seitner mit zwei Festangestellten bereiten ihre Gefährte derzeit ganz normal vor – wohl wissend, dass sie im Mai, vielleicht sogar auch im Juni auf dem Trockenen sitzen (müssen). Angermeier zeigt dafür sogar Verständnis: „Das Allerwichtigste ist erst einmal, dass wir alle gesund bleiben.“

Wie sich die Beschränkungen auf sein Einkommen, auswirken – er verdient ausschließlich mit der Flößerei, mittlerweile in der fünften Generation, seinen Lebensunterhalt –, kann Angermeier „jetzt noch gar nicht abschätzen“. Die Kunden seien verständlicherweise unruhig, „die eine oder andere Stornierung kommt schon rein“. Ob in dieser Saison überhaupt ein Floß unterhalb der Nantweiner Marienbrücke ablegen darf? Der Arzbacher ist skeptisch: „So lange es kein wirksames Medikament gibt, wird es schwierig werden, das normale Leben wieder aufzunehmen.“ An der Welt verzweifelt Angermeier deshalb noch lange nicht, „es nutzt ja auch nix“. Er sei „ein grundsätzlich optimistischer

Monika Heidl-Seitner, Tochter von Flößermeister Franz Seitner

Mensch“ und setze große Hoffnung in Wissenschaft und pharmazeutische Industrie, sprich in die baldige Entwicklung eines Medikaments zur Behandlung von Covid-19-Patienten. „Denn einen Impfstoff zu finden, wird wohl länger dauern.“

Monika Heidl-Seitner arbeitet im Büro der kleineren der beiden Wolfratshauser Flößereien – aber nicht nur. Wie ihr Bruder Andreas und früher ihr Vater Franz hat sie ein zweites berufliches Standbein – in ihrem Fall die Arbeit in der Wolfratshauser Stadtverwaltung. Bei Hochbetrieb im Sommer hat sie „die Doppelbelastung oft verwünscht, aber jetzt bin ich froh um meinen Job im Rathaus“, sagt sie. Und das aus einem weiteren Grund: „Weil ich bei der Stadt bin, habe ich es federführend übernommen, all das auszudeutschen, was derzeit von der Regierung in Sachen Corona kommt.“ Darüber tauscht sie sich mit Angemeier und Martina Seitner vom benachbarten Betrieb in einer flößereigenen WhatsApp-Gruppe regelmäßig aus. Da hält man eisern zusammen. Fakt sei, sagt Heidl-Seitner, „dass wir vorerst nur bis 3. Mai stornieren können“ – so lange gilt die aktuelle Verordnung. „Die anderen zwei trifft’s also schon, wir fangen ja erst am 9. Mai an.“ Sie habe ihre Mai-Kunden allerdings schon kontaktiert und darauf hingewiesen, dass der gesamte Monat aller Voraussicht nach ausfallen wird. „Wir brauchen aber die rechtliche Grundlage einer Verordnung, um höhere Gewalt geltend machen zu können.“ Ihre „ganz lieben Kunden“ zeigten Verständnis in dieser Hängepartie. Seit dieser Woche informiert die Wolfratshauserin auf der Firmen-Homepage eigens über das Thema Corona und Floßfahrten (www.flossfahren.de/in-eigener-sache/Seite). Regelmäßig sollen Updates folgen. Die Infos gelten auch für die beiden anderen Betriebe.

Um staatliche Hilfen hat sich Heidl-Seitner bislang nicht bemüht, „bis zur Bekanntgabe der jüngsten Verordnung war ich relativ gechillt“. Diese Woche wolle sie mal nachhaken, „ob uns überhaupt etwas zusteht“. Ihre „ganz persönliche Meinung: Es gibt jetzt andere, deren Existenz wirklich gefährdet ist, die nichts verkaufen können, Mieten zahlen müssen, da braucht man nur durch Wolfratshausen zu laufen.“ Ebenfalls verstehen können sie die Sorgen ihrer Kollegen, „die von Mai bis September das Geld ranschaffen müssen, um übers Jahr zu kommen. Wenn wir jedoch die ganze Saison nicht fahren dürften, wäre das auch für uns ein derber Einbruch.“

Schwierig sei es zudem für die, die an ihrem Unternehmen dranhängen. „Unsere Flößer verdienen nichts, der Caterer verdient nichts,“ Auch das Langholz-Unternehmen, das im Winter Heizöl ausfahre und im Sommer die Flöße von München zurück nach Wolfratshausen, verdiene nichts. „An uns hängt ein Rattenschwanz.“

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Josef Seitner arbeitet derzeit mit zwei Mitarbeitern an den Flößen. „Hilft nichts, wir müssen vorbereitet sein, sollte es losgehen.“ Kurzarbeit sei bisher kein Thema gewesen, „aber wenn es so in den Mai hinein weitergeht, wird es wahrscheinlich darauf hinauslaufen“. Für schlechte Zeiten hat er Rücklagen gebildet, „wir nagen jetzt noch nicht am Hungertuch, und der Mensch kann ja einiges aushalten“. Aber er müsse natürlich für vieles wie zum Beispiel die Floßbäume in Vorleistung gehen. Zudem ärgerlich: „Das Finanzamt wollte von uns schon die Steuer-Vorauszahlung. Das geht natürlich nicht, wenn man noch gar kein Geschäft gemacht hat. Diese Beträge kann ich nicht stemmen. Ich muss schauen, dass mein Steuerberater das abbiegen kann.“

Seitner fürchtet, dass die „Durststrecke“ bis Ende Juni/Anfang Juli andauern wird. „Auf einem Floß mit 60 Leuten ausreichenden Abstand zu wahren, das geht halt leider nicht.“ Stornierer und Standhafte halten sich bei ihm bisher die Waage. Einige wollten noch abwarten, anderen sei die Lage zu unsicher – „wofür ich Verständnis habe“. „Allerdings: Wer einmal absagt, der kommt auch nicht mehr.“ Sein Fazit: Es wird mit Sicherheit ein hartes Jahr werden. Aber wir Flößer lassen den Kopf nicht hängen.“

peb

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