+
Der Filmemacher und der Flößer: Regisseur Walter Stef fen (re.) mit Floßmeister Josef Seitner bei der Johanni-Floßprozession Ende Mai in Wolfratshausen. 

„Fahr ma obi am Wasser“

Flößerfilm schwimmt auf Erfolgswelle

  • schließen

Den Stein ins Rollen brachte Gabriele Rüth, Vorsitzende des Vereins Flößerstraße. Zunächst war der Drehbuchautor und Regisseur Walter Steffen von ihrer Idee, einen Dokumentarfilm über die Flößerei zu produzieren, wenig begeistgert. Doch der Streifen „Fahr ma obi am Wasser“ entpuppte sich als großer Erfolg. Heute ist Steffen „froh und glücklich“.

Wolfratshausen– Vor wenigen Tagen fiel in Großweil im Landkreis Garmisch-Partenkirchen der letzte Vorhang. Steffens Film über das uralte Handwerk der Flößerei wird öffentlich nicht mehr zu bewundern sein. Sieht man vom Filmfestival „Mensch! Natur!“ in Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern) ab. Dort läuft „Fahr ma obi am Wasser“ Mitte Oktober als Eröffnungsfilm. Wie oft der 90-Minüter seit seiner Premiere im Oberland über diverse Leinwände flimmerte? Der 62-jährige Seeshaupter weiß es nicht genau. Nur so viel: „Bei rund 50 Aufführungen war ich persönlich dabei“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Kannte die Flößerei nur als Gaudi“

„Ich kannte die Flößerei nur als Gaudivergnügen für Touristen“, sagt der renommierte Dokumentarfilmer. Das war der Grund, warum er vor einigen Jahren auf den Vorschlag der Vorsitzenden des Wolfratshauser Flößerstraßen-Vereins so reserviert reagiert habe. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Thema Stoff für einen abendfüllenden Film bietet.“ Doch Gabriele Rüth ließ nicht locker – und Steffen sich schließlich erweichen. Nicht zuletzt, nachdem er von Wolfratshausens Bürgermeister Klaus Heilinglechner zusätzlich motiviert wurde. „2015 habe ich Bürgermeister Heilinglechner interviewt, als die Flößerei von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe erklärt worden ist.“ In dem Gespräch habe der Rathauschef verraten, dass die Loisachstadt „schon immer mal einen Film über das Flößerei-Handwerk machen wollte“, erinnert sich Steffen. Damit nicht genug: Als Heilinglechner vom Projekt des Seeshaupters und des Flößerstraßen-Vereins erfuhr, stellte er 10 000 Euro Zuschuss in Aussicht – die der Stadtrat im Herbst 2015 bewilligte. „Das war der Anfang“, sagt Steffen.

Nachdem der Bayerische Rundfunk kein Interesse an dem Vorhaben zeigte, begann für den Freiberufler Steffen ein steiniger Weg. Summa summarum kostete der Film rund 140 000 Euro, 70 000 Euro gaben Sponsoren. Deren finanzielle Unterstützung „habe ich vor allem Gabi Rüth zu verdanken“, betont der 62-Jährige. Sie habe unermüdlich nach Geldquellen gegraben – und sie gefunden. Steffen und sein Team verzichteten für das Projekt auf einen Teil ihres Honorars.

Im Februar 2016 allerdings stand das Ganze auf Messers Schneide. Das Budget reichte hinten und vorne nicht – „ich hab’ der Gabi gesagt: ,Vergiss es.‘“ Die rührige Vereinsvorsitzende und ihre Mitstreiter ließen sich jedoch nicht ins Bockshorn jagen – zwei Monate später hatten sie die benötigte Summe eingesammelt. Trotzdem wurde es noch einmal eng: „Wir hatten 23 Drehtage geplant. Doch 2016 hat’s ja leider nur geregnet. Am Ende waren’s 39.“

Regisseur Steffen und sein Team folgten bei der Spurensuche dem Verlauf der Isar und der Loisach und begleiteten die Floßmeister Franz und Josef Seitner aus Wolfratshausen sowie Michael Angermeier aus Arzbach bei ihrer Arbeit. Dass beim Dreh „etwas Außergewöhnliches“ entstanden ist, spürte Steffen beim Betrachten einzelner Sequenzen. Cutterin Maren Unterberger pflichtete ihm bei. „Sie kommt aus dem Oberland, lebt mittlerweile in Köln und ist für unser Projekt in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Sie hat mir immer wieder gesagt, wie begeistert sie von den Aufnahmen ist.“

Weltpremiere von „Fahr ma obi am Wasser“ war Anfang Mai in Bozen. Ob er mit einem flauen Magen nach Südtirol gefahren ist? „Nein, für Aufregung war keine Zeit“, sagt Steffen und lacht. Denn die Aufführung des Films in Bozen kam für den Seeshaupter und seine Mannschaft genau genommen vier Wochen zu früh. „Wir hielten die erste Kopie erst einen Tag vor der Weltpremiere in den Händen.“

Steffen gibt zu, dass es für einen Regisseur „einer der schlimmsten Momente ist“, seinen Film dem Publikum vorzustellen. „Ich kenne Kollegen, die flüchten an einem solchen Tag lieber in die Ferne, als persönlich mit im Kinosaal zu sitzen.“ Wie reagierte das Publikum in Bozen? „Es hat kräftig applaudiert. Ich war verblüfft, dass unser Film, der genau genommen ein sehr regionales Produkt ist, in Südtirol so gut angekommen ist.“

Der Kinosaal war jeden Abend voll

In Wolfratshausen, der internationalen Flößerstadt, war der Dokumentarfilm unter anderem im Biergarten des Wirtshauses Flößerei zu sehen. Pächter Dominik Tabak sei zunächst skeptisch gewesen, ob sich genug Besucher einfinden. Doch bei insgesamt fünf Aufführungen zählten Filmemacher und Wirt rund 800 Zuschauer. „Für einen Dokumentarfilm ist das ein grandioses Ergebnis.“ Nicht zu vergessen: Im Wolfratshauser Kino lief der Streifen zusätzlich – „und der Saal war jeden Abend voll“, freut sich Steffen. Das Gros der „Fahr-ma-obi-am-Wasser“-Fans sei die Generation 50plus, hat der Regisseur festgestellt. Aber: „Es waren auch zahlreiche Familien mit jüngeren Kindern im Publikum.“

Etwa 50 Drehbücher für TV-Produktionen hat der Seeshaupter bereits geschrieben. Ein Dokumentarfilm, „das ist immer ein Spagat“, sagt er. Denn sein Anspruch sei es, „70 Prozent Emotion und 30 Prozent Information“ in ein Werk einfließen zu lassen. Beim Flößerfilm „waren es am Anfang 70 Prozent Information“, urteilt er rückblickend mit einem Augenzwinkern. Doch Steffen wäre kein Profi, wäre es ihm nicht gelungen, das Ungleichgewicht noch einmal zu ändern.

Anfang Oktober gibt’s eine DVD

Das „tolle Feedback“, das er in den vergangenen Monaten erfahren habe, „hat mich sehr berührt“, räumt Steffen ein. Vor allem eine Begebenheit in Starnberg hat sich ihm eingeprägt. „Dort ist nach der Aufführung eine Dame von ihrem Platz aufgestanden, hat sich für den Film bedankt und gesagt, dass sie die vergangenen 90 Minuten sehr glücklich gemacht hätten. Und dann hat sie geweint.“

Zeitnah wird „Fahr ma obi am Wasser“ nun den Weg in zahlreiche Schulen im Oberland finden. „Wir haben Schulen südlich von München angeschrieben und gefragt, ob sie Interesse haben“, berichtet Steffen. In der Regel, das weiß er aus Erfahrung, „sagen fünf bis zehn Prozent Ja.“ Beim Flößerfilm ist das anders – schon 50 Prozent der angeschriebenen Schulen reagierten positiv.

Für die, die keine öffentliche Filmvorführung besuchen konnten, hat der 62-Jährige eine gute Nachricht: „Fahr ma obi am Wasser“ wird’s als DVD fürs Heimkino geben. Offiziell vorgestellt wird sie Anfang Oktober.

Infos im Internet:

www.isarfloesser-film.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Stoiber über CSU-Ergebnis: „Das ist eine historische Niederlage“
Die CDU/CSU geht aus der Bundestagswahl zwar erneut als Sieger hervor, muss jedoch herbe Verluste einstecken. Was sagen örtliche CSU-Größen zum Wahlausgang? 
Stoiber über CSU-Ergebnis: „Das ist eine historische Niederlage“
„Starke Stimme für den Rechtsstaat“: Geretsrieder zieht in Bundestag ein
Über Platz sechs der Landesliste wird der Geretsrieder Andreas Wagner einen Platz im neuen Bundestag erhalten und dort künftig die Interessen der Linken vertreten.
„Starke Stimme für den Rechtsstaat“: Geretsrieder zieht in Bundestag ein
Minutenprotokoll: Geretsrieder Wagner zieht für die Linke in den Bundestag ein
Wann gibt‘s die ersten Ergebnisse in der Region Wolfratshausen? Wie haben unsere Wähler abgestimmt? Was sagen die Kandidaten und Parteien? Alle Infos, Ergebnisse und …
Minutenprotokoll: Geretsrieder Wagner zieht für die Linke in den Bundestag ein
Wolfratshauser „Late Night“ lockt viele Besucher an
Nachdem die Kunstmeile sechs eröffnet worden war, zog es die Besucher zur „Late Night“ in die Altstadt. Gäste, Aussteller und Veranstalter zeigten sich sehr zufrieden.
Wolfratshauser „Late Night“ lockt viele Besucher an

Kommentare