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Im Namen des Volkes: Die Sicherheitskraft hatte laut Richter „ein berechtigtes Interesse, den Schadensverursacher festzuhalten.

Freispruch für 40-jährige Sicherheitskraft

„Festhalten ist kein strafbares Verhalten“

Wolfratshausen – Eine Sicherheitskraft eines Wolfratshauser Unternehmens soll einen 13-Jährigen massiv gegen das Fenster des Pförtnerhauses gedrückt, den Jungen auf den Kopf geschlagen und ihm die Jacke zerrissen haben. Deshalb musste sich die Frau jetzt wegen vorsätzlicher Körperverletzung vor dem Wolfratshauser Amtsgericht verantworten. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch.

Der Zwischenfall ereignete sich laut Anklageschrift am 31. Januar vorigen Jahres, einem Sonntag. Laut Anklage sollen drei junge Burschen am frühen Abend mit einem BayWa-Einkaufswagen durch die Pfaffenrieder Straße gezogen sein. Den Wagen ließen sie mutwillig gegen die Glasfront am Pförtnerhaus eines Pharma-Unternehmens im Wolfratshauser Gewerbegebiet krachen. Als die Sicherheitsfachkraft die Teenager zur Rede stellen wollte, eskalierte die Situation.

Laut Schilderung der 40 Jahre alten Angeklagten hat sich das Ganze allerdings anders zugetragen, als es die Schüler gegenüber der Polizei berichtet hatten. Kurz vor Feierabend sei sie in Unterlagen vertieft gewesen, als sie durch einen lauten Knall aufgeschreckt worden sei. Beim Blick aus dem Pförtnerhaus habe sie zwei Jugendliche gesehen. „Einer hielt sich den Bauch, einer hielt die Hände gegen die Brust. Ich dachte, sie seien verletzt und wollte nachsehen“, berichtete die Angeklagte. Als sie die Burschen aufgefordert habe, „ihren Scheißdreck“ wieder mitzunehmen – gemeint war der Einkaufswagen –, habe der vermeintlich Geschädigte angefangen zu pöbeln. „Ich wollte ihm erklären, dass das Diebstahl ist, wenn sie den Wagen einfach mitnehmen.“ Da habe der 13-Jährige sie gegen das Schienbein getreten. „Daraufhin habe ich ihn gepackt. Er hat getreten und geschlagen. Ich habe ihn gehalten und versucht, aus dem Schlagfeld rauszukommen. Ich habe ihn nirgendwo gegengestoßen“, beteuerte die Beschuldigte. „Das war richtig makaber. Er schaute nach links, schaute nach rechts. Dann zerriss er selbst seine Jacke.“

Ein Paar, das mit dem Auto am Tatort vorbeifuhr, wurde Augenzeuge der Situation und benachrichtigte schließlich die Polizei. „Die Dame hielt den Jungen an der Jacke fest. Er wollte sich losreißen, schlug um sich“, schilderte eine Zeugin (28) ihre Beobachtungen.

Während der Aussagen der drei Schüler wurde die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen. In seiner Vernehmung bei der Polizei sei der 13-Jährige durch „abweisende Überheblichkeit“ aufgefallen. So hat es ein Polizeibeamter in einem vor Gericht auszugsweise verlesenen Protokoll notiert. Darin heißt es weiter: „Seine Sorge galt in erster Linie dem Erhalt und der Pflege seiner zur Schau gestellten Eitelkeit.“ Während der Vernehmung habe der junge Mann aus freien Stücken eingeräumt, gelegentlich Marihuana zu rauchen. Die daraufhin von seiner Mutter geäußerten Bedenken habe er mit „augenrollender Ablehnung“ hingenommen. Vor Gericht erklärte der Schüler, er habe keine Schmerzen gehabt und keine Verletzungen erlitten.

Damit sei eine wesentliche Voraussetzung für eine Körperverletzung nicht mehr gegeben, stellte der Staatsanwalt fest. Er beantragte, die Angeklagte freizusprechen. Dem entsprach das Gericht. „Zeugen haben ausgesagt, dass der Wagen gegen die Glasfront gescheppert ist. Sie hatten ein berechtigtes Interesse, den Schadensverursacher festzuhalten“, attestierte Richter Urs Wäckerlin der Sicherheitskraft in seiner Urteilsbegründung. „Aber Festhalten ist kein strafbares Verhalten.“

rs

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