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Ein deprimierender Anblick: Ines Boodevaar (re.) betreibt ihr gleichnamiges Modehaus vis-à-vis der der Isar-Kaufhaus-Ruine in der Wolfratshauser Altstadt.

Landratsamt stoppt Abbrucharbeiten

Wolfratshausen: Galgenhumor im Schatten der Kaufhaus-Ruine

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Mutmaßlich müssen die Wolfratshauser monatelang mit einer Ruine mitten in der Innenstadt leben. Ein Anblick und eine Aussicht, die viele schmerzt.

Wolfratshausen – Das Isar-Kaufhaus in der Altstadt hatte goldene Zeiten. In seiner Blüte ernährte es Dank hoher Kundenfrequenz benachbarte Geschäfte in der Marktstraße mit. Tempi passati, alles längst Geschichte.

Seit Dezember 2012 stand

der prominente Gebäudeblock leer, die vielversprechende geplante Wiederbelebung nahm ein jähes – vorläufiges – Ende. Den Abbruch der maroden Immobilie stoppte das Landratsamt, den Neubau eines Geschäfts- und Wohnhauses legten Nachbarn mit Hilfe des Münchner Verwaltungsgerichts auf Eis (wir berichteten). Mutmaßlich werden die Wolfratshausermonatelang mit einer Ruine im Herzen ihrer Stadt leben müssen. Ein Anblick und eine Aussicht, die viele schmerzt.

Ines Boodevaar reagiert mit Galgenhumor

Ines Boodevaar betreibt ihr gleichnamiges Modegeschäft vis-à-vis der Kaufhausruine. „Der Anblick tut weh“, sagt sie. „Er löst ein morbides Gefühl aus.“ Mit Galgenhumor hat sie eine Zeitungsanzeige gestalten lassen: „Ruinen-Woche mit Hammerpreisen im Modehaus Boodevaar. Direkt gegenüber dem Ruinenfeld in der historischen Altstadt.“ Sie mutmaßt, dass alle, die in den vergangenen Monaten an dem Großprojekt beteiligt waren, Fehler gemacht haben. „Und jetzt haben wir das Schlamassel.“ Ein nur zum Teil abgebrochener Gebäudekomplex, „eine katastrophale Optik“ – und kein Außenstehender wisse, ob und wann das Vorhaben weitergeht.

Boodevaar hofft, dass die schriftliche Begründung der Entscheidung des Münchner Verwaltungsgerichts sehr bald vorliegt – und der Investor dann endlich darauf reagieren könne. Und: „Ich hoffe, dass die Nachbarn noch einmal in sich gehen“, und es doch noch zu einer gütlichen Einigung komme.

Aufbruchstimmung zum großen Teil verpufft

Tag für Tag auf die verwaiste Großbaustelle schauen zu müssen, „ist für mich zum einen etwas sehr Emotionales“, sagt Boodevaar. Auf der anderen Seite „muss ich ein Unternehmen mit 25 Mitarbeitern führen“. Die Negativschlagzeilen, die der Baustopp produziert hat, „schreckt zusätzlich potenzielle Kunden vom Besuch Wolfratshausens ab“. Dass „Baustellen-Touristen“ in der Flößerstadt für Umsatz sorgen, hält sie für eine Mär. Die für sie schwerwiegendste Folge der jüngsten Ereignisse sei „die Ungewissheit, die herrscht“. Die Aufbruchstimmung, die das Vorhaben der Untermarkt 7-11 GmbH ausgelöst habe, sei zum großen Teil verpufft. Noch sei die Grenze ihrer persönlichen Leidensfähigkeit nicht erreicht, betont die Kauffrau. „Doch ich weiß natürlich nicht, wie es meinen Kollegen geht.“

1992 übernahm Boodevaar das renommierte Modehaus in der Innenstadt von ihren Eltern, dazu ein Jeans-Geschäft. Vor neun Jahren hob sie darüber hinaus das „Poco-Loco“ am Obermarkt aus der Taufe. Der Optimismus, den sie stets versprüht, ist derzeit ein wenig getrübt: „Das ungewisse Projekt Isar-Kaufhaus, die Erschließung des Kraft-Areals am S-Bahnhof und die geplante Aufwertung der Altstadt: Ich rechne die nächsten fünf Jahre mit Großbaustellen.“ Zwar stimme sie mit dem erklärten Ziel, der Attraktivitätssteigerung Wolfratshausens, überein, doch für Gewerbetreibende sei eine Bauphase stets gleichbedeutend mit Umsatzverlust.

Boodevaar: Das Image Wolfratshausens hat „Dellen“

Wichtig wäre, dass sich in puncto Isar-Kaufhaus-Projekt ein konkretes Zeitfenster öffnet, meint Boodevaar. Das würde die Kaufleute nach ihrer Einschätzung motivieren, „ihre Geschäfte zu modernisieren oder das Sortiment umzukrempeln“. Denn unterm Strich wäre es in Boodevaars Augen fatal, wenn das neue Geschäftshaus am Untermarkt 7-11 steht und Besucher in die Innenstadt lockt – laut Investor hat die Drogeriemarktkette Müller als Ankermieter zugesagt –, aber einige Geschäfte links und rechts die Zeichen der Zeit verschlafen. Ausdrücklich lobt sie in diesem Kontext die Familie Kratzmeir, die ihr Wohn- und Geschäftshaus am Obermarkt aufwendig hat sanieren lassen (wir berichteten).

Wolfratshausen (auch beworben als „die Einkaufsstadt“) schlecht zu reden, liegt Boodevaar fern. „Es gibt viele tolle Geschäfte, wir haben eigentlich eine sehr schöne Altstadt, Wolfratshausen ist einen Besuch wert.“ Doch das Image habe „Dellen“, räumt sie ein. Noch sei das Wirtschaften in der Loisachstadt ertragreich, „doch mit jedem Tag schmilzt das Fettpölsterchen“. Von Wolfratshausen müsse schnellstmöglich „ein positives Signal ausgehen“. „Ansonsten“, sagt Boodevaar – ohne den Satz zu beenden.

„Fürs Stadtbild eine Katastrophe“

„Fürs Stadtbild ist die Kaufhausruine eine Katastrophe“, konstatiert Eisdielen-Betreiber Maurizio Faganello. Im November feiert der Familienbetrieb am Obermarkt den 30. Geburtstag, Faganello ist Zeuge vieler Höhen und Tiefen, die die Innenstadt erlebte. Das Einkaufsverhalten, das durch das Internet auf den Kopf gestellt wurde, Supermärkte, die auf die grüne Wiese zogen, die demografische Entwicklung, die auf eine Überalterung der Gesellschaft hinweist: „Vieles hat sich gewandelt“, bilanziert Faganello. Dass zahlreiche Einzelhändler in der Innenstadt ihr Wohl und Wehe mit dem Projekt der Untermarkt 7-11 GmbH verknüpfen, hält er für „zu kurz gesprungen“. Eigeninitiative sei gefragt, zudem nimmt Faganello die Kommune in die Pflicht: „Wo bleibt das Parkhaus, das die Stadt uns Geschäftsleuten seit vielen Jahren verspricht?“

Frederik Holthaus schloss das Isar-Kaufhaus im Dezember 2012 ab. Vorausgegangen war ein wochenlanger öffentlicher Streit zwischen ihm, dem langjährigen Mieter, und der Immobilieneigentümerin. Im März 1966 hatte Frederiks Vater, Otto-Ernst Holthaus, das Kaufhaus in Wolfratshausen mit Glanz und Gloria eröffnet – gut 50 Jahre später erinnert zwischen verrosteten Eisenstangen, die aus Betonbrocken starren, zersprungenen Schaufensterscheiben und einer blauen Baustellen-Toilette nichts mehr daran.

Frederik Holthaus: „Anblick tut wirklich weh“

„Ich gehe oft mit meinen Kindern durch die Stadt, der Anblick tut wirklich weh“, sagt Frederik Holthaus. „Genau genommen fehlen mir die Worte, um zu beschreiben, was ich empfinde. Das Kaufhaus war über Jahrzehnte mein Arbeitsplatz und der meiner Mitarbeiter.“ Geblieben ist ein Trümmerfeld sowie ein verblasster, nur zur Hälfte abgebrochener Schriftzug „Isar-Kaufhaus“. Holthaus: „Es stimmt mich sehr traurig, das sehen zu müssen.“

Für Holthaus ist es nicht nachvollziehbar, dass das Projekt, das nach seinem Dafürhalten „sehr erfahrene Leute“ entwickelt haben, dieses – zumindest vorläufige – Ende genommen hat. „Ich habe die Pläne gesehen“, sagt er und bescheinigt dem Investor, ein „sehr gutes Konzept“ erarbeitet zu haben. Auch den Ankermieter Müller hält Holthaus für perfekt: „Der Drogeriemarkt Müller in der angekündigten Größenordnung: Das wird ein Magnet.“

Es gilt das Prinzip Hoffnung: „Gebaut wird das neue Geschäfts- und Wohnhaus auf jeden Fall“, ist Ines Boodevaar sicher. „Die Frage ist nur wann.“ „Leider“, bilanziert die Geschäftsfrau, „hängen wir alle im Moment in der Luft.“ Eingetreten sei „der Worst Case“, der schlimmste Fall. Boodevaar wünscht sich, dass die Kommune und die Grünwalder Projektgesellschaft zeitnah zumindest mit Kosmetik für Linderung sorgen: „Die Straße muss man wieder freigeben und die Schutthaufen verdecken.“ cce

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