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Geplante Surfwelle im Süden Münchens: Stadt trifft nach „Schock“ folgenschwere Entscheidung

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Von: Carl-Christian Eick

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Stadtrat in Wolfratshausen stimmt ab
Aus und vorbei: Mit 23:0 Stimmen lehnte es der Wolfratshauser Stadtrat in seiner Sitzung am Dienstag ab, für die geplante künstliche Surfwelle eine weitere Finanzspritze aufzuziehen. Die Entscheidung markiert das Ende des vor acht Jahren begonnenen Projekts. © Hans Lippert

Seit gut acht Jahren wird in Wolfratshausen über den Bau einer Surfwelle diskutiert. Nun spricht der Bürgermeister von einem „Schock“ - und der Stadtrat zieht die Reißleine.

Wolfratshausen – Nach gut acht Jahren kontroverser Diskussionen, nach Dutzenden Beschlüssen und gut 200 000 Euro Planungskosten hat der Stadtrat am Dienstag die Reißleine gezogen: Angesichts einer erneuten Preissteigerung ist das Projekt Surfwelle beendet. Der Beschluss fiel mit 23:0 Stimmen. Dem Verein „Surfing Wolfratshausen“ zollten die Räte für dessen Engagement höchsten Respekt, für das Münchner Planungsbüro Fichtner, Water, Transportation GmbH hagelte es dagegen harsche Kritik.

Surfwelle in Wolfratshausen: Erst im Dezember Finanzspritze aufgezogen

Erst Mitte Dezember hatte sich der Stadtrat zähneknirschend mit 15:10 Stimmen dazu durchgerungen, weitere 172 000 Euro für den in Weidach geplanten Bau der künstlichen Welle zur Verfügung zu stellen (wir berichteten). Summa summarum hätte das Vorhaben somit knapp 970 000 Euro gekostet – zuzüglich mindestens 225 000 Euro für die stählerne Wellenkonstruktion.

Doch schon am 31. Januar legten das Planungsbüro sowie die in Köln beheimatete Firma „Dreamwave“ (Traumwelle), der Hersteller der Stahlwelle, neue Zahlen vor. Gesamtkosten jetzt: fast 1,4 Millionen Euro. Und: Statt wie bislang vorgesehen müsste die Stadt nicht 5000 Euro, sondern gut 8500 Euro jährlich an Wartungskosten schultern.

Die erneute Kostenexplosion sei für ihn „ein Schock“ gewesen, sagte Rathauschef Klaus Heilinglechner (BVW) in der Stadtratssitzung. Es sei „jedem bekannt“, wie sehr er sich für das ambitionierte Vorhaben „mit überregionaler Strahlkraft“ eingesetzt habe. Doch die Fortführung des Projekts sei nicht für ihn, nicht für die Stadtverwaltung und auch nicht für den Surferverein „tragbar“. Die Preissteigerung belaufe sich inzwischen „auf 175 Prozent“, sein Vertrauen in das Planungsbüro tendiere dagegen mittlerweile „gegen Null“. Es tue ihm „unsäglich leid“, doch einer erneuten Finanzspritze „kann ich nicht mehr zustimmen“.

Surfwelle nahe München: Vize-Bürgermeister spricht von „Pleiten, Pech und Pannen“

Vize-Bürgermeister Günther Eibl (CSU) betonte, dass es sich bei den 1,4 Millionen Euro „um reine Planungskosten handelt, wir haben nicht einmal ausgeschrieben“. Das heiße: Das Ende der Fahnenstange sei längst nicht erreicht. Eibl bilanzierte, dass das Surfwellen-Projekt von „Pleiten, Pech und Pannen“ gekennzeichnet gewesen sei.

Er habe schon an der Kompetenz des Planungsbüros gezweifelt, „als Netto- mit Brutto-Zahlen verwechselt wurden“. Heute sehe er sich mit einer „14-fachen Kostensteigerung“ konfrontiert, „das schafft nicht mal die Deutsche Bahn“. Eibls Fazit: „Das Projektmanagement ist suboptimal gelaufen.“ Der Surferverein, das betonte der Vize-Bürgermeister, sei „der tragische Held“. Nicht zuletzt durch große Spendenaktionen – der Verein trieb gut 125 000 Euro ein – habe er „viele Fehler der Planer wieder ausgebügelt“.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Fritz Schnaller (SPD)

„Es ist viel Vertrauen verloren gegangen“, ließ Dritte Bürgermeisterin Annette Heinloth (Grüne) die Planer in München sowie den Wellen-Hersteller wissen. Ihre Fraktion habe die Welle stets „als große Chance für unsere Stadt gesehen“. Doch angesichts der erneuten Preissteigerung sei es „nicht mehr vertretbar“, das Projekt fortzuführen. Einen „herzlichen Dank“, sagte Heinloth dem Surferverein für dessen unermüdlichen Einsatz: „Ich ziehe meinen Hut.“

Surfwelle in Wolfratshausen: „Es ist viel Vertrauen verloren gegangen“

„Es geht einfach nicht, wie es geplant war“, stellte Fritz Schnaller (SPD) fest. Er erinnerte daran, dass vor acht Jahren von einem 100 000-Euro-Zuschuss aus dem Stadtsäckel die Rede gewesen sei. Nun würden 1,4 Millionen Euro auf der vorläufigen Rechnung stehen. Laut Stadtverwaltung würde sich der Anteil der Kommune auf fast 550 000 Euro belaufen.

„Nebenanlagen“ wie Sanitärräume und ein Parkplätze „sind da noch nicht drin“, sagte Schnaller. Er halte es für nicht ausgeschlossen, dass sich die Investitionssumme auf zwei Millionen Euro in die Höhe schraubt. Deswegen: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“

Er sei „entsetzt“ gewesen, als er von der neuerlichen Kostensteigerung erfahren habe, sagte Dr. Patrick Lechner (FDP). „Ich habe das Vertrauen ins Projektmanagement verloren.“ Lechner mahnte, aus dem leidvollen Prozess Lehren zu ziehen. Wenn neue Projekte angepackt würden, müsse eine „fundierte Kostenschätzung“ auf dem Tisch liegen, die einen „ausreichenden Sicherheitspuffer“ beinhalte. Und: Der Stadtrat müsse „agiler und schneller“ entscheiden, denn jede unnötige Verzögerung koste Geld. Selbstredend müsse eine reifliche Beratung den Beginn markieren, doch in der Folge müsse das Gremium „zu einem Beschluss auch stehen“.

Surfwelle in Wolfratshausen: Ex-Bürgermeister fällt vernichtendes Urteil

Zu einem vernichtenden Urteil kam der Fraktionssprecher der Wolfratshauser Liste, Helmut Forster: „Das Planungsbüro hat katastrophal gearbeitet“, sagte der Ex-Bürgermeister. Der Fraktionschef der BVW, Josef Praller, nahm ebenfalls kein Blatt vor den Mund: „Mir fehlen die Worte. Wie kann man so ein Projekt versenken?“

Er hege inzwischen „in höchsten Maße“ Zweifel an der Kompetenz der Planer und des Wellen-Produzenten. Zumal die Firma „Dreamwave“ der Stadt ein Angebot unterbreitet habe, das nicht mit den Leader-Fördervorgaben vereinbar sei, sekundierte Rathauschef Heilinglechner. Wie berichtet hatte die EU der Kommune gut 270 000 Euro Zuschuss aus dem Leader-Programm für die Surfwelle in Aussicht gestellt.

Was im Frühsommer 2013 seinen Anfang nahm, endete am 15. Februar 2022: Mit 23:0 Stimmen schloss der Stadtrat die Akte Surfwelle. Ausdrücklich dankte Rathauschef Heilinglechner der Initiatorin des Vorhabens, Stefanie Kastner, die die Sitzung in der Loisachhalle als Zuschauerin verfolgte. Die Stadträte bekräftigen das Dankeschön mit kräftigem Applaus. Kaufen kann sich Kastner für das Lob nichts. Auch keine Surfwelle. (cce)

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