Waldemar Libotte in seiner Radl-Werkstatt
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Der Straßenfußballer unter den Zweiradmechanikern: Maschinenbaumeister Waldemar Libotte (81) schraubte schon als junger Bub nach dem Krieg an Fahrrädern herum.

Fahrradboom ist ungebrochen - doch oft kann das Wunschbike nicht geliefert werden

  • vonPeter Borchers
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Wenn die Sonne scheint, tauchen sie überall auf: Rennradler, Mountainbiker, Alltagsfahrer. Das Radeln boomt - auch in den Geschäften vor Ort. Die Kunden brauchen Geduld.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Einem Magneten gleich zieht die Sonne die Fahrräder aus Kellern und Garagen. Sie sind wieder unterwegs: Rennradler in bunten, knallengen Lycra-Outfits und Mountainbiker in lässigen Baggy Shorts. Und vor den Fahrradläden und -werkstätten drängen sich die Drahtesel. Kaum wird es warm, lechzen die Biker nach einer knackig reagierenden Schaltung und griffigen Bremsen.

Der Boom ist ungebrochen und in der Pandemie besonders ausgeprägt

Wer sich aber ein Rad kaufen will, muss Geduld mitbringen. Der Boom ist ungebrochen, durch die Pandemie sogar verstärkt worden. Die Lieferzeiten, insbesondere von E-Bikes, sind teilweise enorm lang.

Wer beispielsweise ein ganz bestimmtes E-Mountainbike mit Wunschausstattung sucht, braucht viel Glück, um es in der passenden Größe zu finden – oder Kompromissbereitschaft. Einer der Gründe: „90 Prozent der Räder und Teile werden in Fernost gefertigt, quasi am anderen Ende der Welt. Und dazwischen liegen mit den Seewegen, Warenlagern, dem Zoll so viele Dinge, an denen es haken kann“, sagt Waldemar Libotte. Hinzu komme die ungebrochene Nachfrage. „Ein neues Rad zu kaufen, kann zur Glücksache werden.“ Seit über 40 Jahren betreibt der gelernte Maschinenbaumeister gemeinsam mit seiner Frau Ute in Eurasburg ein Fahrradgeschäft samt Werkstatt. 2014 verkleinerte das Ehepaar den Laden von über 400 Quadratmeter auf etwa 70. In der Werkstatt steht der 81-Jährige immer noch. Er ist quasi der Straßenfußballer unter den Zweiradmechanikern: Schon als Kind schraubte der Eurasburger an Fahrrädern herum – mit allem, was er damals finden konnte. „Nach dem Krieg gab es ja wenig, wir mussten viel improvisieren mit dem, was da war.“

Im Frühjahr ist der Andrang in den Werkstätten riesig

Obwohl viele Menschen während der Pandemie mangels Alternativen das Radfahren für sich wiederentdeckt, teilweise ihre verstaubten Drahtesel aus den Kellern geholt haben, ging es in Waldemar Libottes Werkstatt über den Winter relativ ruhig zu. Es sei immer das Gleiche, sagt der erfahrene Mechaniker, „die Leute stellen ihre Räder im Herbst mit all ihren Macken in die Garage, und wenn es im Frühjahr drei Tage hintereinander schön ist, kommen alle auf einmal“. So war es auch Ende März, als das Thermometer die 20-Grad-Marke-knackte.

Neue Bikes sind derzeit kaum zu bekommen“

Georg Grommes

Ähnliche Erfahrungen machte Georg Grommes von GG-Radsport in Geretsried. „Wir hatten wenig Reparaturen über den Winter. Als es wärmer wurde, zog es an. Der Kunde kommt, wenn er sein Rad braucht.“ Grommes repariert aber nicht nur, er baut – seine Spezialität – normale Fahrräder zu Pedelecs um. Für 1280 Euro macht er aus einem Bio- ein Elektrobike mit Motor in der Hinterradnabe, 500-Wattstunden-Akku, wenig Kabeln und selbstverständlich mit einer EU-Zulassung. Die Probleme, die Heckmotoren insbesondere im Mountainbikebereich nachgesagt werden – rasche Überhitzung, unausgewogene Balance – hätten seine Räder nicht, sagt Grommes selbstbewusst. „Ich fahre auch so ein Rad und damit jedem Bike mit Mittelmotor davon.“ Weshalb er sich auf den Umbau fokussiert, hat zwei Gründe: Erstens verkleinerte er sich mit dem Umzug des Shops von der Böhmerwaldstraße an den Marienburgweg, „und als kleiner Laden kann man natürlich nicht mehr so große Stückzahlen ordern wie früher. Außerdem sind neue Bikes derzeit kaum zu bekommen.“

Lieferengpässe sind ein Problem für ungeduldige Radsport-Fans

Ein großer unter den Händlern in der Region mit Filialen in Wolfratshausen und Geretsried ist Oswald Bikes & Service. Deshalb hatten die Mechaniker dort schon früher mehr zu tun als die Kollegen. „Der Februar war im Vergleich zu früheren Jahren besser“, sagt Geschäftsführer Helmut Oswald. Was den Verkauf betrifft, sind aber auch dem 60-Jährigen die Hände gebunden. „Klar, der Boom ist da, er wird aber dadurch etwas verfälscht, weil die Kunden wissen, dass die Räder nicht so nachgeliefert werden, wie man es gewohnt ist.“ Einige würden deshalb auch „ein Radl akzeptieren“, das sie bei voller Auswahl vielleicht nicht genommen hätten.

Lieferengpässe gibt es insbesondere auf dem E-Bike-Sektor – erst recht, hat der Kunde ein ganz spezielles Modell im Visier. „Wenn wir es nicht im Laden haben oder zumindest in der Vororder, wird’s schwierig“, räumt Oswald ein, „da muss man dann tatsächlich bis 2022 warten.“ Er selbst hofft, die Räder zu bekommen, die er bestellt hat, aber auch hier kann er „keine exakten Liefertermine nennen“.

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Im Gegensatz zu Kollegen verkauft Helmut Oswald Pedelecs und normale Räder immer noch zu fast gleichen Teilen. Was daran liegt, dass er als „ganz klassischer Fahrradladen“ vom Kinderradl über Rennräder, Fullys, und Hardtails alles verkauft. Kindermodelle ausgeklammert liege der Verkaufsanteil an normalen Bikes vielleicht ein bisschen unter 50 Prozent. Zählt er die „Brot-und-Butter-Räder“ dazu, wie Oswald die Hardtails nennt – höchstens an der Front gefederte Mountainbikes zwischen 800 und 1000 Euro, die für Jugendliche gekauft werden –, „liegen normale Räder bei uns sogar noch leicht vorne, was die Stückzahlen betrifft“. peb

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