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Spannender Ausflug in die Vergangenheit: Annekatrin Schulz (li.) zeigte den Besuchern ein Herbarium, einen Band mit getrockneten Pflanzen, der sich sonst im Heimatmuseum befindet. 

Tag des offenen Denkmals

Blick in die Happ‘sche Apotheke: Tinkturen aus dem Giftraum

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Die Happ’sche Apotheke in der Wolfratshauser Altstadt öffnete zum ersten Mal am „Tag des offenen Denkmals“. Das Interesse war sehr groß.

Wolfratshausen – „Bei Verstopfung und Korpulenz, gegen Gallen- und Leberstörungen“ steht in schwarzen Buchstaben auf der weißen Leuchtreklame oberhalb des massiven, dunkelbraunen Verkaufstisches. Dagegen sollen die „Dragees Neunzehn“ helfen, ist auf dem Schild weiter zu lesen. Das, und noch vieles mehr, erfuhren die Besucher der Happ’schen Apotheke, die erstmalig am „Tag des offenen Denkmals“ ihre Pforten geöffnet hatte.

Mitstreiter des Historischen Vereins boten am Sonntag Führungen durch die geschichtsträchtige Apotheke am Untermarkt an, und das Interesse war groß. „Anstatt der drei geplanten Führungen sind es sechs mit jeweils 25 Personen“, sagte Ludwig Gollwitzer, der die Einführung draußen vor dem Haus übernahm. Bei ungemütlichen Temperaturen und im strömenden Regen hörten ihm die Besucher dennoch aufmerksam zu.

Die Geschichte des Hauses lässt sich bis ins Jahr 1633 nachweisen. „Damals war es als ,Bräubehausung‘ eingetragen“, berichtete Gollwitzer im weißen Apotheker-Kittel. Mehrere Generationen gehörte das Gebäude einer Familie Forster. Mitte des 18. Jahrhundert brannte das Haus nieder. 1810 errichtete Wilhelm Semmelbauer dort ein Wohnhaus mit Apotheke. Ihm gelang es, die ehemalige „Kloster-Gerechtigkeit“, also das Recht, eine Apotheke zu führen, vom aufgelösten Nonnenkloster in Geisenfeld bei Ingolstadt für 1300 Gulden zu erwerben und zu übertragen. „So baute Herr Semmelbauer die ehemalige Klosterapotheke ab und brachte sie nach Wolfratshausen.“ Anschließend wechselten die Besitzer und Apotheker mehrmals, bis 1889 Dr. Josef Happ die Immobilie erwarb. Seine Familie führte die Apotheke bis ins Jahr 2006. „Annemarie Eichner-Happ musste die erste Apotheke Wolfratshausens schweren Herzens aufgeben, aus Altersgründen und weil sich kein Nachfolger mehr fand“, erklärte der Wolfratshauser. Ende 2016 erwarb die Stadt Wolfratshausen das Kleinod. Die letzte Apothekerin des Hauses hat Wohnrecht auf Lebenszeit.

Im Inneren der Apotheke durften sich die Besucher im ehemaligen Verkaufsraum mit seinem antiken Mobiliar umschauen und auch einen Blick in den Herbarienraum werfen – dort wurden Bände mit konservierten Pflanzen aufbewahrt. „Hier durften man als Kunde früher nicht rein“, sagte Annekatrin Schulz. Zusammen mit Bernhard Reisner ging es weiter in den Giftraum, in denen Salben und Tinkturen hergestellt wurden.

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Alte, unbenutzte Abholscheine, ein künstliches Blumenarrangement und viele weitere liegen gebliebene Dinge zeugen davon, dass die Apotheke vor 13 Jahren einfach ihre Pforten schloss. Der Historische Verein wünscht sich, dass die Happ’sche Apotheke aus ihrem „Dornröschenschlaf“ geholt wird. „Man muss nur den gemeinsamen Willen haben, dieses Kleinod wieder zum Leben zu erwecken“, appellierte Vereinsvorsitzende Dr. Sybille Krafft an die Besucher und auch die Stadt.

Die „Dragees Neunzehn“ gibt es übrigens immer noch in Apotheken zu kaufen. Das pflanzliche Abführmittel wird aus Früchten der Alexandrinischen Senna gewonnen, eine Pflanze, die in den Tropen wächst.

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