+
Volle Kraft voraus: Die Arbeitsgruppe, bestehend aus (v. li.) Annekatrin Schulz, Justine Bittner, Klaus Lüth, Sybille Krafft, Bernhard Reisner, Hannelore Greiner und Anja Brandstäter recherchiert mit Hochdruck. 

Zeitzeugen und Dokument dringend gesucht

Historischer Verein plant große Revue über die Stunde Null 

  • schließen

Heuer jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Anlass genug für den Historischen Verein, eine Revue zu diesem Thema zu veranstalten. 

Wolfratshausen – Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation von Nazi-Deutschland. Der Tag markierte eine Stunde Null – auch im Isartal. Die Amerikaner übernahmen das Kommando, das Leben änderte sich von Grund auf.

75 Jahre ist das alles her. Der Historische Verein Wolfratshausen nimmt die Wiederkehr dieses bedeutsamen Datums zum Anlass, im kommenden Herbst, genauer am 21. November, in der Loisachhalle wieder eine Revue zu veranstalten. Der Titel: „Als die Amerikaner ins Isartal kamen.“ Kürzlich tagte der Arbeitskreis im Gasthaus Löwenbräu und erläuterte im Anschluss der Presse, wie man vorzugehen gedenkt.

Zunächst richtete Vorsitzende Dr. Sybille Krafft einen Appell an alle Bürger des Altlandkreises: „Ich möchte alle aufrufen, uns ihre schönste und interessanteste Begegnung und Erfahrung mit Amerikanern zu schildern.“ Der Historische Verein ist an allem, wirklich allem aus der damaligen Zeit interessiert, seien es Erinnerungen, Fotos, Kleider oder sonstiges. Während sie dies sagte, hielt sie ein Care-Paket in der Hand. Gespendet hatte es Ex-Stadträtin Roswitha Beyer. Kraffts Stellvertreter Bernhard Reisner berichtete, dass derzeit „tief ins Stadtarchiv abgetaucht“ wird. Es gibt viele Fragen, auf die der Arbeitskreis dort eine Antwort zu finden hofft. Etwa: Wer hatte damals wirklich das Sagen? Sicher, es wurde Johann Winibald wieder eingesetzt, der Wolfratshauser Bürgermeister aus der Zeit vor 1933. Doch die eigentliche Macht lag in den Händen der fünf Offiziere, die die Militärregierung bildeten. Wie näherten sich Sieger und Besiegte an? Wie war der Kontakt zum Lager Föhrenwald, wo „Displaced Person“, also Überlebende des Holocaust, Unterschlupf gefunden hatten? Wie änderte sich das Leben? „Wir nehmen die Jahre bis 1955 in den Fokus“, sagte Reisner.

Fest steht: Die Amerikaner brachten ihre Kultur mit nach Deutschland. Vieles wurde anders: die Essgewohnheiten, das Freizeitvergnügen, der Sport, die Mode und einiges andere mehr. Plötzlich erklang in den Gastwirtschaften Boogie-Woogie, Swing und Jazz. Man kam sich näher, auch Ehen wurden geschlossen. Speziell dafür interessiert sich der Historische Verein außerordentlich. Wer Hochzeitsfotos von amerikanischen Soldaten und deutschen Frauen aufbewahrt und vielleicht eine Geschichte dazu zu erzählen hat, wird dringend gebeten, sich zu melden.

Lesen Sie auch: Polizeipräsident besucht den Erinnerungsort Badehaus

Daneben gibt es auch tragische Aspekte, vor denen niemand die Augen verschließen kann, der sich ernsthaft dem Thema nähern möchte. Inzwischen ist bekannt, dass viele Frauen Opfer von Vergewaltigungen wurden. Das No-Fraternization-Gesetz verbot den amerikanischen Soldaten den Verkehr mit Deutschen, auch wenn es allmählich in Vergessenheit geriet. Die Entnazifizierung zwang die Deutschen, sich mit ihrer Schuld zu befassen. „Die Revue wird sich in einem Spannungsfeld zwischen ernsten und soften Themen bewegen“, sagt die Vorsitzende. Die Regie für das anspruchsvolle Unterfangen übernimmt Claus Steigenberger.

Lesen Sie auch: Das plant der Historische Verein 2020

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe widmen sich verschiedenen Schwerpunkten. Justine Bittner beschäftigt sich mit dem Thema Mode und Frisuren, „Lifestyle im weiteren Sinne“. Hannelore Greiner befasst sich mit der Musik und der Situation der Frauen. Zum Aufkommen US-amerikanischer Sportarten wie Basketball recherchiert Klaus Lüth. Und Anja Brandstäter hat sich erzählen lassen, dass die US-Amerikaner vor allem die Kinder geliebt hätten, Erwachsenen hingegen begegneten sie reserviert und misstrauisch – verständlicherweise.

Wer die Aufführung am 21. November in der Loisachhalle besuchen möchte, sollte sich jetzt schon Karten sichern. Möglich ist dies über München-Ticket oder bei der Stadt Wolfratshausen. „Sie gehen weg wie die warmen Semmeln“, weiß Reisner.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Polizei stoppt Verwirrten mit Schuss auf Reifen - er hatte zwei Menschen angegriffen
Getreten, beleidigt und einen Reifen zerstochen hat ein offenbar geistig verwirrter Mann am Sonntag. Die Polizei nahm ihn fest.
Polizei stoppt Verwirrten mit Schuss auf Reifen - er hatte zwei Menschen angegriffen
Wolfratshauser Liste sammelt Unterschriften gegen „überzogenen Ausbau“
Die Wolfratshauser Liste will die historische Altstadt schützen. Damit wehrt sich die neue Gruppierung gegen einige Vorschläge zu deren Aufwertung.
Wolfratshauser Liste sammelt Unterschriften gegen „überzogenen Ausbau“
Egling trauert um Georg Bichlmayr
Egling trauert um Georg Bichlmayr. Der Neufahrner war Erster Bürgermeister der Großgemeinde. 
Egling trauert um Georg Bichlmayr
„Dürfen Menschen nicht elendig ertrinken lassen“
Die Grüne Jugend Bad Tölz-Wolfratshausen lädt für Donnerstag, 27. Februar, zu einem Benefizkonzert ein. Der Münchner Musiker Roland Hefter und die Geretsrieder Band …
„Dürfen Menschen nicht elendig ertrinken lassen“

Kommentare