„Hoffentlich kommt so etwas nie wieder“: Wolfratshauserin erzählt vom Ende des zweiten Weltkriegs
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„Da haben wir das Laken rausgehängt“: Inge Michlbauer erlebte als Achtjährige die Befreiung von den Nazis.

Inge Michlbauer erinnert sich...

„Hoffentlich kommt so etwas nie wieder“: Wolfratshauserin erzählt vom Ende des Zweiten Weltkriegs

  • vonRudi Stallein
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Als die Amerikaner in Wolfratshausen einmarschierten, war sie gerade acht Jahre alt. An der Hand ihrer Großmutter, die am 30. April 1945 wie etliche andere Bürger ein weißes Laken aus dem Fenster gehängt hatte, erwartete Inge Michlbauer die Befreiung von der Nazi-Herrschaft. Unserer Zeitung erzählte die heute 82-Jährige, wie sie das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat.

Wolfratshausen „Hier“, sagt Inge Michlbauer und zeigt auf ein vergilbtes Foto von damals, „da haben wir das Laken rausgehängt.“ Dann beginnt sie zu erzählen: „Wie der Tag genau abgelaufen ist, das weiß ich heute nicht mehr. Ich war ja immer bei meiner Oma gewesen. Bei ihr bin ich aufgewachsen. Ihr hat das Haus gehört. Es gab wohl so was wie eine Anregung, das zu tun. Und meine Oma war ja eine absolute Nazi-Gegnerin, also hat sie das gleich gemacht und die weiße Fahne rausgehängt. 

30. April 1945: Amerikaner marschierten in Wolfratshausen ein

Die Amis sind vom Markt gekommen, dort am Schwankl vorbei. Wir waren froh, dass die da waren, weil dann ist Ruhe eingekehrt. In der ganzen Straße haben sie Fahnen rausgehängt, weil wir froh waren, dass die Braunen weg waren. Aber es hat auch viele Leute gegeben, die durch ihre Berufe mit denen haben zusammenarbeiten müssen. Aber meine Oma war immer ein freier Mensch. Der Opa ist 1933 gestorben und hat ihr an seinem Totenbett gesagt: Oide, geh nicht zu einer Partei, weil jetzt kimmt nix gscheits. Die haben das alle kommen sehen.“

„Die haben das alle kommen sehen“

Noch heute, 75 Jahre später, kämpft die inzwischen hochbetagte Unternehmerin mit den Bildern jener Zeit, die mit ungewohnter Heftigkeit zurückkehren. „Ich kann im Augenblick oft nächtelang nicht schlafen, weil mir das alles im Kopf rumgeht. Es wühlt mich dermaßen auf. Aber da wird es mehreren so gehen“, sagt sie. Dabei schienen die negativen Erinnerungen überwunden zu sein.

75 Jahre später: Unternehmerin kämpft noch immer mit Bildern jener Zeit

Jahrzehntelang war in der Familie kaum über den Krieg gesprochen worden. „Mein Mann war aus Altötting. Die haben ja die absolut heile Welt gehabt. Durch ihre Madonna – und die Klöster waren alle Lazarette. Somit hat der nix mitgekriegt. Und wenn ich davon angefangen habe, wurde es abgetan, man hat nicht lange darüber geredet.“

Schreckliche Szenarien wechseln mit schönen Erinnerungen

Ende August vorigen Jahres verstarb ihr Ehemann Rudolf Michlbauer im Alter von 87 Jahren. Seither drängt die Vergangenheit wieder massiv ins Bewusstsein, besonders in diesen Tagen, wo sich das Kriegsende zum 75. Mal jährt. Im Gespräch kommen und gehen die Gedanken wie Puzzleteile. Schreckliche Szenarien wechseln mit schönen Erinnerungen. Auch die gab es. Vor allem an die Großmutter. „Es war für mich zu ertragen in der Zeit, im Schlepptau meiner Oma, die sehr resolut war. Und hungern mussten wir auch nicht.“

„Ich habe immer Angst gehabt um meine Oma“

Die Oma habe überall bei den Bauern verglast. Die Bauern bezahlten nicht mit Geld, sondern haben der Oma immer etwas mitgegeben. Sie selbst war meist mit dabei, mit dem Radl, nach Ambach, Ammerland, Degerndorf. Wo die Oma war, war auch die kleine Enkelin. „Ich habe hier im Haus die ganze Nazizeit miterlebt und immer Angst gehabt um meine Oma. Die wäre fast ins KZ gekommen. 

Es war eine Frau da, zum Sammeln fürs Winterhilfswerk. Die Oma hat ihr gesagt: Es gibt nichts, das ist nur dafür, um den Krieg zu verlängern. Die Frau hatte nichts Wichtigeres zu tun, als zum Bürgermeister Jost zu gehen und die Oma hinzuhängen. Da wäre sie beinah nach Dachau gekommen. 

Großmutter wäre beinahe nach Dachau gekommen

Es gab damals eine Molkerei Metzger, zwei Häuser weiter, der Metzger war, glaube ich, Zweiter Bürgermeister. Der hat sich eingesetzt für sie. Die Oma war die einzige, die noch hat glasen können. Wir hatten ja eine Glaserei, und die Buben waren im Krieg, alle zwei. Und so hat die Oma dann das Ding weggehabt.“

Ihr ganzes Leben hat Inge Michlbauer (re.) im Haus ihrer Großmutter am Obermarkt 37 verbracht. Heute führt sie mit Unterstützung ihrer Tochter Susanne Drechsel das Haushaltswarengeschäft.

Immer wieder wirkt Inge Michlbauer im Gespräch übermannt von den Erinnerungen. Und der Tatsache, dass die Gedanken daran zwischenzeitig „nicht mehr im Kopf waren“, wie weggesperrt, achtlos aufbewahrt in einer vergessenen Schublade, die nun nach langer, langer Zeit wieder geöffnet wurde. 

Zeitzeugin im Gespräch immer wieder von Erinnerungen übermannt

„Jetzt habe ich es natürlich wieder voll vor Augen. Den Todesmarsch zum Beispiel. Wir sind nachts raus, weil’s durchgeschlurft sind. Mit ihren Holzschuhen. Das Geräusch hat nicht mehr aufgehört, dann sind wir aufgestanden und sind runter und haben geschaut und haben das Elend gesehen, dass gar nicht aufgehört hat. Ich glaube, dass die eineinhalb Tage lang durch Wolfratshausen gegangen sind. Bei uns sind sie Richtung Beuerberg rauf. 

„Jetzt habe ich es natürlich wieder voll vor Augen“

Es gab aber auch welche, die haben andere Wege genommen. Die haben die aufgeteilt. Ganz schlimm sind die Bilder von den Juden aus dem Zug, die sich an die Gefängnismauer gelehnt haben, weil sie vor Erschöpfung nicht mehr stehen konnten. Die sehe ich dauernd vor mir.“ Eigentlich könne sie jetzt, mit 82 Jahren, ruhig zurückblicken. „Aber es regt mich heute buchstäblich auf – die Zeit war grauenvollst und unglaublich. Und wir mitten drin…“.

Begegnungen mit amerikanischen Soldaten

Nach einem längeren Moment der Stille lacht die Erzählerin plötzlich laut auf, als eine schöne Szene durch ihre Gedanken huscht. „Viele amerikanische Soldaten waren dunkelhäutig. Und ich war als Kind braun, brauner, am braunsten. Da kamen die alle zu mir und sagten: ,You are my daughter.‘ Dann haben sie mich mit einem Boot über die Loisach gefahren. Die Brücke war ja gesprengt, aber auf der anderen Seite war der Bäcker, da habe ich hingemusst. Bananen haben sie mir geschenkt, die habe ich hinterm Busch weggeschmissen, weil ich gar nicht gewusst hab, was man damit macht. Wahnsinn.“

Die Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte

Über solche Anekdoten kann Inge Michlbauer heute herzhaft lachen. Aber im Augenblick überwiegen die traurigen Erinnerungen, die Schreckensbilder. Und die Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte. Sie sei als Mensch „immer gradaus“ gewesen. Aber sie habe immer im Hinterkopf gehabt, was sein könnte. „Das war so bedrohlich, das glaubt man nicht. Und es ist mir ganz wichtig, dass man sich daran erinnert.“ 

„Hoffentlich kommt so etwas nie wieder“

Während sie erzählt, ist sie für einen Moment wieder das kleine Mädchen von 1945. „Mir läuft’s kalt runter. Das ist furchtbar. Und das machst du alles mit, mit acht Jahren, und fürchtest dich. Das ist so bedrückend. Ich kann nur sagen: Hoffentlich kommt so etwas nie wieder“, sagt die 82-Jährige und betont energisch: „Mit einem Fliegenschiss, wie der Alexander Gauland von der AfD gesagt hat, hat das nix zu tun. Einen Fliegenschiss kannst du wegputzen.“

Zur Person: 

Inge Michlbauer wurde am 13. Dezember 1937 in Wolfratshausen geboren. Ihr ganzes Leben verbrachte sie im Haus ihrer Großmutter Susanna Breitsamer am Obermarkt 37, wo sie auch den Zweiten Weltkrieg miterlebte. 

Nach der Schule erlernte sie den Beruf der Einzelhandelskauffrau. Anschließend arbeitete sie im Laden ihrer Oma, die das Glasergeschäft ihres Ehemanns Thomas Breitsamer nach dessen frühem Tod (er starb 1933 im Alter von 49 Jahren) allein weiterführte. 

1959 lernte die Enkeltochter ihren späteren Ehemann Rudolf Michlbauer, einen Altöttinger Glasermeister, kennen. Zwei Jahre später, nach dem Tod der Oma im Juli 1961, heirateten die zwei und übernahmen das Geschäft. 

Ab Mitte der 1980er-Jahre war Inge Michlbauer für lange Jahre Vorsitzende des 1976 gegründeten Wolfratshauser Werbekreises. Sie war bei den Freien Wählern aktiv zu Zeiten, als die CSU noch von Franz Josef Strauß angeführt wurde. Zudem engagierte sie sich bei den „Soroptimisten“, einem sozial engagierten Verein berufstätiger Frauen, sowie beim Barbezieux- Partnerschaftsverein. 

Bis heute arbeitet Inge Michlbauer jeden Tag (außer an Sonn- und Feiertagen) mit Unterstützung ihrer Tochter Susanne Drechsel in ihrem Haushaltswarengeschäft am Obermarkt.

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