Homeoffice, Symbolbild
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Homeoffice ist in vielen Betrieben und Verwaltungen im Landkreis längst Praxis. Für die meisten Unternehmen dürfte sich kaum etwas ändern.

Arbeitgeber sollen stärker in die Pflicht genommen werden

So reagiert die Wirtschaft im Landkreis auf das Homeoffice-Gebot

  • Volker Ufertinger
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Das Homeoffice-Gebot der Bundesregierung hat vergangene Woche für viel Aufregung gesorgt. Im Landkreis dürfte sich wenig ändern. Homeoffice ist längst normal.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Am vergangenen Dienstag haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten beschlossen, beim Thema Homeoffice die Arbeitnehmer stärker in die Pflicht zu nehmen. Zwei Tage danach erreichen wir Bernhard Pfreundner von Sitec Aerospace, seit Jahrzehnten renommierter Zulieferer der Luftfahrtindustrie in Bad Tölz. Er ist mäßig begeistert.

„Es trifft wie so oft die Falschen“, sagt er. Er erinnert an all die Anstrengungen, die Sitec unternommen hat, um Covid 19 vom Produktionsgelände fernzuhalten – was bis jetzt auch gelungen ist. Fertigung in Heimarbeit sei sowieso ein Ding der Unmöglichkeit. „Wir können die Teile ja nicht nach Hause liefern“, sagt er. Und wenn jetzt Homeoffice verstärkt werden soll, dann ist es zwingend nötig, sichere Leitungen aufzubauen, die sich nicht hacken lassen. Er atmet tief durch, bevor er sagt: „Wir schauen uns erst einmal an, der Bundesarbeitsminister in die Verfügung reinschreibt.“

Eine Woche später sieht man etwas klarer. Andreas Roß, Wirtschaftsförderer des Landkreises, verweist auf die Seite des Bundeswirtschaftsministeriums, auf der darauf hingewiesen wird, dass es ausschließlich um Büroarbeit geht – also nicht um Fertigung. „Der Arbeitgeber soll dazu verpflichtet werden, dem Arbeitnehmer Homeoffice anzubieten, sofern keine betriebsbedingten Gründe dagegen stehen“, erläutert er. Wie viel sich konkret mit der neuen Verordnung ändert, mit der Ross Ende des Monats rechnet, bleibt abzuwarten. Nach seiner Einschätzung werden wenige Unternehmen betroffen sein. „Viele haben das ohnehin schon vorbildlich gemacht.“

Andreas Roß, Wirtschaftsförderer des Landkreises

So etwa das Landratsamt. „Bei uns gibt es bereits seit März 2020, als die Pandemie begann, eine entsprechende Dienstanweisung“, erläutert Landratsamtssprecherin Marlis Peischer. Die Möglichkeit von Homeoffice dient explizit dem Zweck, eine Doppelbelegung in kleinen Büros zu vermeiden und Kontakte zu verringern. „Zusätzlich arbeiten einige Sachgebiete im Schichtdienst, um Kontakte im Büro zu minimieren.“ Derzeit arbeiten insgesamt knapp 20 Prozent der 530 Mitarbeiter im Homeoffice.

Ähnlich verhält es sich in den Rathäusern. Etwa in Geretsried, wo man bestrebt ist, die Kontakte so weit wie irgend möglich zu minimieren. Dazu zählt unter anderem der Zwei-Schicht-Dienst, sodass sich die Kollegen im Büro nicht begegnen. Freilich lässt sich nicht alles von zu Hause aus erledigen, erläutert Pressereferent Thomas Loibl. So am Bauhof. „Den Schnee kann man eben nicht von zu Hause aus von der Straße schippen“, sagt er. Auch dürften verschiedene Dokumente das Rathaus gar nicht verlassen – ein Beispiel, warum die persönliche Anwesenheit von Mitarbeitern trotz allem erforderlich sein kann. Nach seiner Auffassung hat sich Homeoffice bewährt, auch wenn es hin und wieder Reibungsverluste gibt. „Wir ziehen ein positives Zwischenfazit“, sagt er.

Auch im Tölzer Rathaus ist Homeoffice für die Mitarbeiter längst normal. Die Stadt habe ein „ganzes Bündel an Maßnahmen“ umgesetzt, so Sprecherin Birte Otterbach. So konnte sehr vielen Mitarbeitern ein Einzelbüro angeboten werden. In anderen Fällen, in denen sich zwei oder mehr Mitarbeiter einen Raum teilen, ist in der Regel ein Teil der Belegschaft von zu Hause aus tätig. Von Vorteil ist auch, dass die meisten Mitarbeiter aus der unmittelbaren Umgebung kommen und nicht mit auf den Öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. „Schon dadurch reduzieren sich Kontakte.“

Christian von Stülpnagel, Vorsitzender der Unternehmervereinigung Wirtschaftsraum Wolfratshausen.

Christian von Stülpnagel, Vorsitzender der Unternehmervereinigung Wirtschaftsraum Wolfratshausen (UWW) appelliert an die Politik, das unternehmerische Handeln nicht mehr einzuschränken als unbedingt notwendig. Homeoffice sei ein probates Mittel, aber bitte nur da, „wo es passt“. Eine Verpflichtung fände er „unsinnig“. Denn Homeoffice bringe auch Nachteile mit sich. „Der Flurfunk, das kreative Miteinander geht verloren“, sagt er. Die Wirtschaft – der UWW gehören 130 Unternehmen an – habe sowieso schwer zu kämpfen. Die kolportierte Zahl von minus 5 Prozent Wirtschaftswachstum hält von Stülpnagel für schöngerechnet. „Ich gehe von 20 bis 30 Prozent aus.“

Bei Weber Schraubautomaten am Hans Urmiller-Ring wird Homeoffice seit Beginn der Pandemie praktiziert. Freilich nicht in der Fertigung der Schraubautomaten, wo die Mitarbeiter FFP2-Masken tragen und Abstand halten, sondern in der Verwaltung. „Das funktioniert überraschend gut“, erklärt Sprecher Michael Steidl. Wenn jemand reinkommen muss – etwa, um ein Musterteil abzuholen oder eine Unterschrift zu leisten – trägt man sich im Kalender ein. Kommuniziert wird über Microsoft Teams. Damit hat man bei Weber die besten Erfahrungen gemacht. „Erst kürzlich habe ich mit einem Kollegen in China gesprochen“, so Steidl. „Es war fast so, als wenn er mir gegenüber säße.“

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Bei Tyczka Energy in Geretsried hat man den Beschluss vom vergangenen Dienstag zum Anlass für einen Appell genommen. „Wir haben alle Mitarbeiter gebeten, über die Nutzung des Homeoffice-Angebots nachzudenken, sofern sie von diesem bisher keinen Gebrauch machen haben“, erklärt Marketingchef Ulrich Hanke. Allerdings ist man bei Tyczka schon lange bemüht, die Anwesenheit der Mitarbeiter an den Standorten stark zu reduzieren, um das Ansteckungsrisiko gering zu halten. „Das Angebot, geeignete Tätigkeiten im Homeoffice auszuführen, besteht seit vielen Monaten und wird in der Tat auch intensiv genutzt“, so Hanke.

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