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Will Herzen erreichen und eckt oft an : Imam Ahmad Popal bezeichnet sich selbst als „liberalen Moslem“. Dem Gespräch mit Pfarrer Florian Gruber wohnten 50 Zuhörer bei.

Frauen in der Moschee: „Kein Weltuntergang“

Imam und Pfarrer tauschen sich über Muslime in Deutschland aus

Wer sind die Muslime in Deutschland? Das wollten Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde St. Michael und interessierte Zuhörer aus erster Hand erfahren. Pfarrer Florian Gruber hatte dazu den deutsch-afghanischen Imam Ahmad Popal aus München eingeladen.

Wolfratshausen –  Der Kontakt kam zustande, weil der 26-Jährige derjenige war, der die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Wolfratshausen seelsorgerisch begleitet hat, als vergangenes Jahr einer ihrer Kameraden in der Isar ertrunken war.

Popal hat in Südafrika und Ägypten Islamwissenschaften studiert. In München besucht er aktuell die Akademie für Betriebswirtschaft und betreut nebenbei als Streetworker junge Muslime in Neuperlach. Der äußerst belesene Popal bezeichnet sich selbst als „liberalen Moslem“. Der Islam, das Judentum und das Christentum seien „drei Strahler vom selben Leuchter“, sagte er bei dem Diskussionsabend unter dem Motto „Zeitfragen“ mit rund 50 Besuchern. Ein Unterschied bestehe allerdings darin, dass die katholischen Christen einen „Tonangeber“ hätten, nämlich den Papst.

Das Wichtigste im Zusammenleben der Religionen sind für den jungen Geistlichen Respekt, Toleranz und Humor. Doch dafür sei Aufklärung notwendig. Innerhalb des Islams gebe es so viele Richtungen, dass ein Außenstehender schwer durchblicke. Es gebe den Kampf zwischen Sunniten und Schiiten, der laut Popal nicht sein müsste („Warum streiten über einen toten Kalifen, wenn doch die Lebendigen vor mir stehen?“). Es gebe verschiedene Rechtsschulen und noch viel mehr verschiedene Auslegungen des Koran. Die Palette reicht von sehr konservativen, wörtlichen Deutungen bis hin zu sehr liberalen. Für den Imam etwa wären Frauen in der Moschee, selbst als Vorbeterinnen, „kein Weltuntergang“. Er ruft auf zu Toleranz gegenüber Homosexuellen und „Ungläubigen“.

Eine Gefahr sieht er in den rund 8000 in Deutschland lebenden Salafisten. Auch den Einsatz von streng konservativen, meist nicht Deutsch sprechenden Imamen in Deutschland durch die türkische Regierung nennt er problematisch. „Wir Muslime in Deutschland und Europa leben anders als unsere Brüder und Schwestern in den muslimisch geprägten Ländern, und wir sind glücklich so“, sagt Ahmad Popal. Er sehe es als seine Aufgabe an, mit Gesprächen wie dem in St. Michael, mit Facebook- und Youtube-Beiträgen „Herzen zu erreichen“. Oft ecke er mit seiner Einstellung an. Er merke das auch bei der Arbeit mit Jugendlichen auf der Straße: „Sie fragen mich um Rat, wenn sie Ärger mit ihrem Vater haben oder wenn sie heiraten wollen. Aber sie lassen sich nicht gerne mit mir sehen.“

Die Deutschen wiederum beobachten den Deutsch-Afghanen mit dem langen Bart und der schwarzen Gebetskappe skeptisch: „Ich werde angestarrt in der U-Bahn. Selbst wenn ich blind wäre, würde ich diese Blicke spüren.“ Die Anschläge durch den IS in der Vergangenheit hätten das Misstrauen verstärkt. Deshalb sei Aufklärung so wichtig. Der Islam sei schön. Er beinhalte Ethik und Moral und er habe Vorbildcharakter, sagt der Imam voller Überzeugung. 

Tanja Lühr

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