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Die neue Ordnungsmacht: Die erste Abteilung der amerikanischen Militärregierung in Wolfratshausen unter Leitung von Captain Bischoff (vorne Mitte) hatte sämtliche Vollmachten und war im alten Amtsgerichtsgebäude, dem heutigen Untermarkt 10, einquartiert.

Feinde, die zu Freunden wurden

Weihnacht nach dem Zweiten Weltkrieg in Wolfratshausen

Wolfratshausen - Feinde, die zu Freunden wurden: Wie lief das Weihnachtsfest 1945 in Wolfratshausen ab? Hobby-Forscher Christian Steeb hat recherchiert.

Das Jahr 2015 war in vieler Hinsicht ein besonderes – auch in historischer. Zum 70. Mal jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Frühjahr hat unsere Zeitung über das Ende der Nazi-Herrschaft in Wolfratshausen berichtet – die Stunde Null. Die Amerikaner kamen und brachten den Deutschen unter schwierigsten Bedingungen die Demokratie. Über die ersten Monate nach der Kapitulation sprach Redakteur Volker Ufertinger mit dem Heimatforscher Christian Steeb. Der war ein fünfjähriger Bub, als der große Krieg zu Ende ging. Später hat er bei der Erforschung dieser Zeit seine Eltern Else und Christian Steeb sowie weitere Zeitzeugen befragt. Außerdem sah er in die Spruchkammern im Bayerischen Staatsarchiv in München. Gute Dienste hat ihm auch das Heimatbuch von Marianne Balder geleistet.

Herr Steeb, wie muss man sich die ersten Tage und Wochen unter amerikanischer Besatzung in Wolfratshausen vorstellen?

Christian Steeb: Hobby-Heimatforscher aus Wolfratshausen

Der Einmarsch fand am Abend des 30. April statt. Die SS wollte eigentlich auch die untere Loisachbrücke sprengen, aber das ist ihnen nicht gelungen. Da die Amerikaner die untere Brücke unversehrt in die Hand bekamen, donnerten nun die Panzer und unendliche Lkw-Kolonnen tagelang über die Loisach. Ich war fünf Jahre alt und habe vom Garten aus fasziniert das Geschehen aus allernächster Nähe betrachtet.

Was machten die Einheimischen?

Von denen ging keiner auf die Straße. Manche Häuser wurden von den Amerikanern durchsucht. Am zweiten Tag des Einmarschs machte mein Vater ein klein wenig die Haustüre auf, und ich durfte durch den Schlitz die Armeekolonnen beobachten. Die Amerikaner richteten sich in Wolfratshausen, zum Beispiel beim Haderbräu, häuslich ein. Auch beschlagnahmten sie die Häuser von Parteigenossen. Im alten Amtsgericht wurde eine Militärregierung installiert. Mein Vater wurde zum Hilfspolizisten ernannt und musste mit seinem Freund Sebastian Niederreiter in der Nacht Streife gehen. Sie trugen Armbinden und hatten als „Bewaffnung“ Spazierstöcke dabei.

Wie ging die Militärregierung vor?

Nach ihrer Etablierung war ihre vordringliche Aufgabe, Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien. Es handelte sich im wesentlichen um die Entlassung von belasteten Verwaltungsbeamten wie Landräten, Bürgermeistern, Behördenleitern. Später kam es auch zu rigoroseren Maßnahmen wie der Entlassung von nichtamtlichen Personen aus der Wirtschaft, Handwerk und den freien Berufen. Die vorhandenen Strukturen wurden aber nicht zerschlagen, sondern die Posten durch Nichtparteimitglieder besetzt. Die Militärregierungen hatten unbeschränkte Vollmachten und bestimmten das öffentliche Leben total. Dies betraf Politik, Schulwesen und Verwaltung, wie Genehmigungen zur Gewerbeausübung.

Wie funktionierte in Wolfratshausen die Zusammenarbeit mit den Amerikanern?

Zeitenwende: In der ersten Ausgabe unserer Zeitung nach dem Krieg wurden die neuen Landräte, Bezirksräte und Bürgermeister bekannt gemacht.

In Wolfratshausen kam es zu einer ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen der Militärregierung unter Leitung von Captain Carl H. Bischoff und dem 1933 abgesetzten Bürgermeister Hans Winibald, welcher von den Amerikanern sofort als vorerst kommissarischer Bürgermeister wieder ins Amt eingesetzt wurde. Winibald war wegen seiner Kenntnis der Bevölkerung und seiner Kompetenz bei der Einschätzung der Belasteten – ob sie nur formelle Parteimitglieder oder fanatische Täter waren – als Gutachter für die Militärregierung und die späteren Spruchkammern unverzichtbar. Für Sicherheit und Ordnung sorgten Bischoffs Militärpolizisten. Die Amerikaner waren aber bemüht, möglichst schnell deutsche Sicherheitsbehörden, wie die Polizei und Justiz, aufzubauen. Die Schnellgerichte der Amerikaner fällten die Urteile innerhalb weniger Tage.

Wie schwer war es, das Chaos in den Griff zu bekommen?

Das Wolfratshauser Gefängnis unterstand ebenfalls der Militärregierung, die Bewachung der einsitzenden Kriminellen und Nazis erfolgte durch amerikanisches Militär. Die Kriminalität bereitete der Militärregierung in der ersten Zeit große Probleme, da eben noch keine einheimischen Polizeikräfte zur Verfügung standen. Es kam zu Plünderungen und Übergriffen.

Bis Frühjahr 1946 lagen die Entnazifizierungsverfahren in den Händen der Militärregierung. Was weiß man darüber?

Kurz nach dem Einmarsch war vordringlichste Aufgabe der Gerichtsoffiziere die Jagd auf Parteigenossen. Man war in den Besitz der Parteilisten gekommen und hatte so leichtes Spiel. Außerdem stellten sich unter Hitler Verfolgte mit Hinweisen zur Verfügung. Es kam auch zu Denunziationen, wobei alte Rechnungen beglichen wurden. Einige wurden sofort verhaftet, ohne Anhörung in den „Automatic Arrest“ genommen und in das Internierungslager Nummer sechs der dritten US Armee in Moosburg verbracht. Die Amerikaner waren teilweise überfordert und setzten auch Unschuldige fest. In dem Lager herrschten grauenvolle Zustände.

Eine besondere Rolle spielte das Lager Föhrenwald. Wie verhielten sich die Amerikaner den Displaced Persons gegenüber?

Im Camp Föhrenwald befanden sich im Jahr 1945 zunächst ungefähr zwei Drittel Staatenlose und ein Drittel Juden. Erst im September wurde daraus ein rein jüdisches Lager gemacht, wobei man versuchte, so schnell wie möglich eine eigene Lagerpolizei aufzubauen. Eine riesige Herausforderung bedeutete es, die immer größer werdende Anzahl von Menschen einigermaßen ausreichend zu versorgen. Eine wichtige Aufgabe der Amerikaner und der jüdischen Organisationen war die Führung des Lagers und die so genannte Repatriierung der Insassen, also die Rückführung in deren Heimat. Nicht zu unterschätzen bei der Betreuung der DP-Lager und der Besatzungszonen ist die Rolle der UNNRA, eine Hilfsorganisation der UN. Für jedes Lager wurde eine eigene Behörde der UNNRA aufgestellt, die der örtlichen Militärkommandatur unterstellt war, in diesem Fall Captain Bischoff.

Wie muss man sich das den Alltag der Amerikaner vorstellen?

Die Amis lebten im Überfluss. Zigaretten wurden nur mit einem Zug angeraucht und wieder weggeworfen. Wir stürzten uns auf der Straße immer auf diese Zigaretten und machten uns bei den Erwachsenen beliebt, weil sie daraus wieder neue Zigaretten drehen konnten. Die Schwarzen waren mir unheimlich, obwohl sie nett waren. Ich hätte aber keinem die Hand gegeben, da ich Angst hatte, sie wären rußig und würden abfärben. Zu Hause gab es mieses Essen. Ich denke immer noch ungern an eine Gerstenschleimsuppe, die ich trotz Hunger nicht essen konnte. Als ich von einem Amerikaner eine Banane geschenkt bekommen hatte, warnte mich unsere Untermieterin, dass man vom Berühren der ungewaschenen Schale Lepra bekommen könne.

Wie war das Verhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Amerikanern?

Die Amerikaner kamen nicht als Besatzer, sondern als Befreier. Sie kamen, um Deutschland den Weg in die Demokratie zu zeigen und Deutschland nach dem Albtraum des Zweiten Weltkriegs wieder aufzubauen. Sie waren sehr hilfsbereit. Man profitierte von der Normalisierung der Verhältnisse. Es entstanden Freundschaften, Liebschaften und Ehen. Nicht wenige Frauen gingen mit ihren amerikanischen Ehemännern später nach Übersee.

Wie lange sind die Amerikaner in Wolfratshausen geblieben?

Die Militärregierung arbeitete in Wolfratshausen bis 1949, danach wurde sie im Landkreis durch einen Gouverneur ersetzt. Captain Bischoff hatte sein Amt bis November 1946 inne. 1952 endete das Besatzungsregime.

Wie haben Sie Weihnachten 1945 erlebt?

Sehr bescheiden. Es gab keine Geschenke, und meine Eltern waren froh, in diesen Hungerzeiten etwas zu Essen zu haben. Mit gehamstertem Mehl hat meine Mutter Plätzchen gebacken, welche mit Sacharin gesüßt wurden. Der Christbaum hat mir sehr gefallen, da mein Vater von einem Bauern eine Fichte ergattern konnte. Der Schmuck war noch aus der Vorkriegszeit vorhanden.

Sie waren 1945 fünf Jahre alt. Erinnern Sie sich an eine besonders dramatische Situation in diesen Tagen?

Beinahe wäre mein Vater als Nichtparteimitglied im Lager Moosburg gelandet. Einige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner tauchte eine Frau auf und erklärte, dass am Rathaus ein Aufruf hängen würde, der besagt, dass sich alle männlichen Einwohner von Wolfratshausen am Bahnhof zu melden hätten. Mein Vater ging nichtsahnend zum Bahnhof und wurde sofort von den Amerikanern verhaftet und auf einen offenen Lastwagen verfrachtet. Er war die erste Verhaftungswelle der Amerikaner, welche Sammeltransporte mit aufgespürten Nazis für das Lager Moosburg zusammenstellten. Da die anderen Gefangenen lauter Nazis waren, verlangte mein Vater sofort einen Dolmetscher. Zuerst wurde ihm der Wunsch verweigert, aber er ließ sich nicht abweisen.

Was passierte dann?

Zum Glück hatte er seinen Werksausweis als Munitionsfabrikarbeiter dabei. So konnte er nachweisen, dass er kein Parteibonze war. Aufgrund dieser Legitimation kam er frei. Im Lager Moosburg wurde drastisch mit den Nazis umgesprungen. Es war nicht sicher, ob er das Lager aufgrund seines Gesundheitszustandes lebend verlassen hätte. Nach einiger Zeit tauchte mein Vater wieder wohlbehalten daheim auf – der Aufruf hatte nur für Nazifunktionäre gegolten. Meine Mutter war vollkommen fertig.

Das Interview führte Volker Ufertinger

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