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So weit ist das Oberland auf dem Weg zur Energiewende

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Von: Volker Ufertinger

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Photovoltaik als relevante Größe im Strom-Mix der Zukunft
Die Kraft der Sonne: Erneuerbare Energien - hier eine Freiflächen-Photovoltaikanlage - sind unverzichtbar, um von Öl und Gas wegzukommen. Diese Einsicht breitet sich immer mehr aus. © Deutsche Werte Holding AG

Die Energiewende ist in aller Mund - auch wegen des Ukraine-Kriegs. Stefan Drexlmeier von der Bürgerstiftung „Energiewende Oberland“ über die aktuelle Lage.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Viele Jahre kam die Energiewende – sprich die landkreisweite Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen bis 2035 – nur mühsam voran. Das Bild hat sich in jüngster Zeit komplett gewandelt, das Thema Energie ist in aller Munde. Darüber und über den Ukraine-Krieg als mögliche Ursache für den Bewusstseinswandel sprach Redakteur Volker Ufertinger mit Stefan Drexlmeier, Vorstandsvorsitzender der Energiewende Oberland.

Herr Drexlmeier, es vergeht fast kein Tag ohne Schlagzeilen über Solarparks, Dorfheizungen und anderes. Täuscht der Eindruck oder kommt gerade richtig Fahrt in das Thema Energiewende?

Drexlmeier: Ja, in der Tat ist viel los. Wobei man ehrlicherweise zugeben muss, dass Energiewende-Projekte wie Dorfheizungen oftmals einen längeren Vorlauf haben und wir bereits seit 2020 einen Anstieg an Anfragen verzeichnen. Die aktuellen Krisen leisten dazu sicherlich auch ihren Beitrag, dass sich viele privat oder beruflich mit dem Thema Energiewende auseinandersetzen.

Stefan Drexlmeier
Stefan Drexlmeier, Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung „Energiewende Oberland“. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Hat der Krieg in der Ukraine die Menschen maßgeblich für das Anliegen sensibilisiert?

Drexlmeier: Bereits vor der Corona-Pandemie waren die Fördermittel so attraktiv wie selten zuvor, um beispielsweise die eigene Heizung auszutauschen. Durch Ausgangssperren und Homeoffice haben sich viele mit ihren eigenen vier Wänden beschäftigt. Durch den Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise und Angst um die Versorgung rufen uns viele Ratsuchende an und erklären, dass sie sich unabhängig machen möchten und deshalb für eine Solaranlage oder eine Heizung auf Basis von erneuerbaren Energien interessieren.

Wie hoch ist momentan der Beratungsbedarf in Ihrem Büro in Penzberg? Kommen Sie noch hinterher?

Drexlmeier: Wir tun unser Bestes, um die gewünschte Information bereits telefonisch oder auf unserer Webseite zu bieten. Eine persönliche Beratung ist aktuell leider kaum mehr möglich. Sollte dennoch eine persönliche Beratung notwendig sein, gibt es Webinare, zu denen man sich anmelden kann. Die Termine findet man auf unserer Webseite.

Kommen die Anfragen aus allen vier Landkreisen, die der Energiewende Oberland angehören? Und was wollen die Leute von Ihnen in erster Linie wissen?

Drexlmeier: In der Region sind wir mittlerweile als neutrale Beratungsstelle bekannt und bekommen aus allen vier Landkreisen Anfragen. Ganz oben stehen aktuell zwei Themen: Heizungstausch und Solarenergie. Die wichtigsten Fragen haben wir auf wärmewende-oberland.de zusammengetragen und zum Teil mit Videos erklärt. Im sogenannten Heizungsrechner kann man beispielsweise den aktuellen Heizenergie-Verbrauch eingeben, Angaben zum Gebäude machen. Am Schluss erhält man eine grobe Kalkulation der geschätzten Kosten für eine Heizung, die mit erneuerbaren Energieträgern funktioniert. Beim Thema Photovoltaik wollen viele wissen, ob das eigene Dach dafür geeignet ist. Alle Landkreise im Oberland verfügen glücklicherweise über ein sogenanntes Solarkataster. Dort können Interessierte kostenfrei prüfen, ob ihr Dach für Solarenergie geeignet ist und ob sich eine Anlage lohnt. Das System bietet auch die Möglichkeit, einen Batteriespeicher oder ein Elektroauto zu berechnen und gibt einen groben Kostenrahmen aus.

Energiewende Oberland

Die Energiewende Oberland, gegründet 2005, ist eine der größten Bürgerstiftungen zum Thema Energiewende in Deutschland. Mitglieder sind die vier Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach und Weilheim-Schongau sowie zahlreiche Kommunen, Organisationen, Unternehmen sowie Bürger. Das Zuständigkeitsgebiet umfasst 450 000 Einwohner in 94 Kommunen auf knapp 4000 Quadratmeter. Die Stiftung unterstützt und berät bei dem Ziel, bis 2035 die Region vollständig mit erneuerbaren Energien zu versorgen.

Mit Blick auf den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Wie ist der Sachstand? Wo liegt das meiste Potenzial?

Drexlmeier: Das meiste Potenzial in der Region liegt im Bereich Strom aus der Solarenergie. Nur ein Bruchteil der geeigneten Dachflächen – zwischen sechs bis sieben Prozent – werden im Oberland dafür genutzt, sauberen Strom aus der Sonne zu produzieren. Das ist noch deutlich zu wenig. Doch wenn wir nur die Solaranlagen ausbauen, haben wir im Sommer große Überschüsse und im Winter zu wenig. Die Inola-Studie von 2019 zeigt, dass wir einen Mix aus Wasserkraft, Windkraft, Bioenergie, Erdwärme und Solarenergie brauchen, um das Ziel 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035 zu erreichen.

Lesen Sie auch: Was stoppt die Windkraft im Oberland?

Ist das denn überhaupt zu schaffen?

Drexlmeier: Ja! Weil alle Regelungen, die uns aktuell davon abhalten, das Ziel zu erreichen, von Menschen gemacht sind und zum Glück keine Naturgesetze sind. Im Oberland scheint genug Sonne, fließt genug Wasser die Bäche hinab, weht genug Wind und wächst nachhaltig genug nach, damit der Strombedarf gedeckt werden kann. Jedoch muss man ehrlicherweise sagen, dass der Landkreis auf die großen Entscheidungen wie zum Beispiel Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien und eine realistische CO2-Besteuerung keinen Einfluss hat. Diese Entscheidungen werden in Berlin getroffen. Das im Koalitionsvertrag der Bundesregierung formulierte Ziel, 80 Prozent des Stroms im Jahr 2030 aus erneuerbaren Energien zu produzieren, weist aber in die richtige Richtung.

Wie schaut es beim Thema Heizen aus?

Drexlmeier: Hier haben wir einen noch größeren Aufholbedarf. Aktuell wird nur jeder fünfte Privathaushalt mit erneuerbaren Energien beheizt. Das Ziel 100 Prozent ist beim Heizen allerdings nicht zu erreichen, wenn wir nicht auch den Wärmebedarf deutlich reduzieren. Wenn beispielsweise doppelt so viele Gebäude saniert würden, könnten wir den Wärmebedarf bis 2035 um etwa 20 Prozent verringern.

Was raten Sie Bürgern und Kommunen, die jetzt möglichst schnell wegwollen von russischem Gas und Öl?

Drexlmeier: Bürger sollten sich natürlich möglichst schnell auf unserer Website informieren und bei einem Heizungsbauer anmelden, um das Projekt dieses oder nächstes Jahr umzusetzen. Auch Kommunen sind von den hohen Energiepreisen betroffen und möchten auf erneuerbare Energien umstellen. Wir raten dazu, sich rasch einen Überblick über den Energiebedarf der Gebäude zu verschaffen, falls es das noch nicht gibt. Oftmals macht es Sinn, nicht jedes Gebäude einzeln zu denken, sondern eventuell ein kleines Nahwärme-Netz zu entwickeln. Daraus entsteht mancherorts auch eine Dorfheizung. Das ist zwar ein höherer Aufwand am Anfang, alle unter einen Hut zu bekommen, rentiert sich aber am Ende für alle. Kurzum, in einer Kommune kommt man um ein kleines Konzept meist nicht herum.

Was halten Sie von der Debatte um die Atomenergie als mögliche Brückentechnologie?

Drexlmeier: Die aktuell hohen Energiepreise wurden unter anderem dadurch erzeugt, dass Frankreich einen Teil seiner Atomkraftwerke im Herbst 2021 in Wartung schicken musste. Da viele französische Haushalte mit Strom heizen, ist damit die Nachfrage am europäischen Strommarkt stark gestiegen und hat zum ersten Preisschock geführt. Selbst wenn man die nicht geklärte Thematik der Endlagerung außer Acht lässt, hätten wir auch beim Uran das Problem, dass wir wieder von politisch instabilen Ländern abhängig werden könnten. Das wäre ein eindeutiger Rückschritt aus aktueller Sicht.

Vor Kurzem haben Landwirte in Manhartshofen (Dietramszell) ihren Bauantrag für einen Solarpark zurückgezogen, weil sie angefeindet worden sind. Was sagen Sie dazu?

Drexlmeier: Ich bin sehr bedrückt über die Tatsache, dass das Projekt aufgrund des gesellschaftlichen Drucks vor Ort zurückgezogen worden ist. Wer uns als Energiewende Oberland kennt, weiß, dass wir die Dringlichkeit sehen, dass Solaranlagen auch auf dem freien Feld entstehen. Ohne Freiflächen-Solaranlagen werden wir das Ziel 2035 nicht erreichen. Wichtig ist zu betonen: Wir leben in einem Rechtsstaat, und wir haben Gesetze und Verordnungen, die regeln, wie im Falle eines Bauleitverfahrens vorgegangen werden muss. Darin ist auch festgeschrieben, dass die Öffentlichkeit ausreichend und umfassend in einem solchen Fall beteiligt werden muss. Hier hätte jeder und jede seine Bedenken äußern können, und der Gemeinderat hätte die verschiedenen Interessen abwägen müssen. Es darf meiner Meinung nach nicht sein, dass sozialer Druck hier bereits Projekte im Keim erstickt.

www.energiewende- oberland.de

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