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Nicht allein: Mit Unterstützung des Frauenhauses konnte Ava Navid ein neues Leben beginnen. 

„Aus diesem Albtraum bin ich erwacht“

Das Leben nach der Angst: Ehemalige Frauenhaus-Bewohnerin erzählt ihre Geschichte

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Jede vierte bis fünfte Frau in Bayern erlebt Gewalt in der Partnerschaft. Hilfe finden sie in Einrichtungen wie dem Frauenhaus im Landkreis. Eine ehemalige Bewohnerin erzählt ihren Weg aus der Angst.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ava Navid ist eine Löwin. Jahrelang hat die 35-jährige Frau mit dem dunkelbraunen Bob gekämpft. Für ihre Töchter, für ihr Leben, für ihre Freiheit. Gegen ihren Ex-Mann. Gegen den Mann, der sie geheiratet hat, mit dem sie zwei Kinder hat. Gegen den Mann, der ihr gedroht, sie beschimpft und geschlagen hat. Und der ihre ältere Tochter entführt hat, um sie zu erpressen. Ava Navid schluckt, als sie davon erzählt, doch ihre Stimme ist fest. „Aus diesem Albtraum bin ich endlich erwacht – dank dem Frauenhaus.“

Ava Navid ist eine von vielen Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. Vor zehn Jahren ist sie mit ihren Kindern aus Furcht vor ihrem Mann aus dem Iran nach Deutschland geflohen. In einem Frauenhaus im Landkreis hat die junge Frau Zuflucht gefunden und sich ein selbstbestimmtes, friedliches Leben erkämpft. Vor fünf Jahren konnte sie die Einrichtung verlassen, seitdem arbeitet sie als Kinderpflegerin und ist stolz auf ihre Töchter, die gute Noten nach Hause bringen. Sie ist sich sicher: „Ohne das Frauenhaus hätte ich das nie geschafft.“

Ava Navid heißt nur in dieser Geschichte Ava Navid. Niemand soll wissen, wer sie ist und woher sie kommt, vor allem, um ihre Kinder zu schützen. „Angst habe ich nicht mehr“, sagt sie selbstbewusst. Ihr Ex – sie nennt ihn nur so, nie beim Namen – existiere für sie nicht mehr, das Kapitel sei abgeschlossen. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Formale Hürden wie Pass, Dokumente, Arbeitserlaubnis hat Ava Navid mithilfe der Mitarbeiterinnen im Frauenhaus überwunden. Sie halfen der Iranerin aber auch, die emotionalen Hürden zu bewältigen. „Die Angst zu nehmen, ist ein langwieriger Prozess“, erklärt Sozialpädagogin Nicoline Pfeiffer. Neben verschiedenen Methoden, wie beispielsweise der Ausarbeitung eines Schutzplans, sei es wichtig, sehr genau hinzuschauen und immer wieder zwischen der realen Bedrohung und dem Gefühl der Angst zu differenzieren.

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Mit ihren eigenen Sorgen umzugehen, lernt Ava Navid mit der Zeit. Sie ist entschlossen, ruhig, rational. Ihre Töchter kämpfen länger damit, werden von Albträumen geplagt. Die Große leidet nach der Entführung durch den Vater an einem Trauma, in dutzenden Therapiestunden lernt sie, das Erlebte zu verarbeiten. „Sie wollte nicht allein über die Straße gehen, hat im Schlaf nach meiner Hand gegriffen. Zu groß war die Angst, mich noch einmal zu verlieren“, sagt Ava Navid.

Seit sie mit ihren Kindern im Landkreis lebt, hat ihr Ex ab und zu versucht, Kontakt aufzunehmen. Doch seit über einem Jahr ist Funkstille. „Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich“, sagt Sozialpädagogin Pfeiffer. In jedem Fall sei jedoch klar, dass Kontakt meist Rückschläge und neue Probleme hervorrufe. „Der Stabilisierungsprozess, in dem sich Frau und Kinder befinden, wird unterbrochen“, sagt Pfeiffer. Und: „Männer, die gewalttätig sind, sind meist auch machtorientiert – nicht nur gegenüber ihrer Frau, sondern auch gegenüber den Kindern.“

Ava Navid hat ihren Töchtern den Kontakt zum Vater nicht verboten. „Doch als er ihnen geschrieben hat, dass sie für ihn gestorben sind, wollten beide nichts mehr mit ihm zu tun haben.“ Er gehört nicht mehr in das Leben der drei Frauen. Ava Navid hat ihre Wünsche und Ziele im Frauenhaus neu ausgerichtet. Sozialpädagogin Pfeiffer betont: „Das ist ein Ort, an dem die Frauen nachdenken können, was sie sich selber wünschen.“

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Ava Navid hat sich entschieden: Sie möchte mit ihren Töchtern hier in Frieden leben, arbeiten, glücklich sein. Sie möchte Zeit mit ihnen verbringen und ihnen beim Erwachsenwerden zusehen. Für heuer hat sie noch ein Ziel: ihre Familie im Iran zu besuchen, die sie immer unterstützt hat. Ihr größter Wunsch ist schon in Erfüllung gegangen: Sie hat die Angst hinter sich gelassen. mh

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