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Die rund 250 Zuhörer in Wolfratshausen hängen Autor Rafik Schami (re.) gebannt an den Lippen. Statt aus seinem neuen Buch zu lesen, erzählte er davon.

Liebe, Verrat, Verfolgung

Wolfratshauser Buchvorstellung mit Rafik Schami

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Wolfratshausen - Der deutsch-syrische Schriftsteller Rafik Schami stellt seinen neuen Roman vor. Das Besondere: Er erzählt nicht aus dem Buch, sondern über das Buch.

Rafik Schami schreibt Bücher. Das auch. Immerhin zählt er zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, seine Werke wurden in 28 Sprachen übersetzt. Vor allem ist der 69-Jährige aber Geschichtenerzähler. Statt aus seinem neuen Roman „Sophia oder Der Anfang aller Geschichten“ zu lesen, erzählt er lieber am Mittwochabend in der Buchhandlung Rupprecht in Wolfratshausen.

Er erzählt von seinen Romanfiguren: Wie sie sind, wie sie so geworden sind, und warum sie so handeln müssen, wie sie handeln – oft viel ausführlicher als im Buch. Er erzählt, als wären Sophia, Salman und Karim nahe Verwandte von ihm oder liebe Freunde. Die rund 250 Gäste in Wolfratshausen hängen an seinen Lippen, werden hineingesogen in die Geschichten von Liebe, Verrat und Verfolgung. Immer wieder garniert Schami seine Erzählungen mit Episoden aus seinem eigenen Leben.

1946 in Damaskus geboren, wanderte er ähnlich wie sein Romanheld Salman 1971 nach Deutschland aus. Allerdings floh der Journalist und Schriftsteller nicht vor politischer Verfolgung, sondern vor der Zensur. Doch was Salman erlebte, als er nach 40 Jahren Exil wieder in seine Heimatstadt kam, hätte vielleicht auch Rafik Schami so passieren können: Er erhoffte sich Wiedergutmachung und fand sich stattdessen in den Fängen der Geheimdienste wieder, musste noch einmal unter Lebensgefahr fliehen.

Anders als Salman kehrte der Exilant Schami aber nie in sein Heimatland Syrien zurück – obwohl ein Staatsvertreter, sagt er, nach der Generalamnestie für alle Exilsyrer 2009 auch ihn persönlich eingeladen hatte: „Ich hätte nicht als Privatmann reisen dürfen, sondern sollte nur das Image der Diktatur aufpolieren.“ Trotzdem denkt der promovierte Chemiker auch heute noch jeden Morgen an Damaskus, wie er einmal schrieb. Sein Name Rafik Schami ist ein Pseudonym, das übersetzt etwa „Damaszener Freund“ bedeutet. Heute lebt er in Marnheim in der Pfalz. Mehrere seiner Geschwister harren als Angehörige der christlich-aramäischen Minderheit noch in Syrien aus.

In fast allen seinen Büchern geht es um seine arabische Heimat und um Migration. Und – natürlich – um die orientalische Tradition des Erzählens, der er sich verpflichtet fühlt. Mit der Lebens- und Liebesgeschichte von Salmans Mutter Sophie erfährt der Zuhörer in der Flößerstadt auch viel über die Geschichte Syriens und die arabische Gesellschaft. Charmant und unterhaltsam erklärt Schami die Hintergründe orientalischer Gastfreundschaft, die Bedeutung der Sippe und weshalb gebildete, weltoffene Männer plötzlich zum Ehrenmord aufrufen: „Loyalität um jeden Preis ist in der Sippe ein heiliges Prinzip. Oppositionelle sind traditionell Verräter.“ Das Gesicht zu verlieren, sei das Allerschlimmste – „das ist heute ein großes Problem“. Im Roman sagt Salmans Tante Amalia: „Ohne die Sippe zu zerstören, gibt es keine Chance auf Zivilisation.“ 31 Revolutionen in Syrien, so Schami, hätten keine wirklichen Veränderungen gebracht.

Bei all seinen Anspielungen auf die aktuellen Zustände in seiner Heimat bleibt der Geschichtenerzähler Rafik Schami immer im lockeren Plauderton. Krieg und Vertreibung macht er an diesem Abend nicht zum Thema. Erst ganz zum Schluss wird er plötzlich ernst: „Die wahren Verlierer des Kriegs sind die syrischen Kinder“, betont er und verweist auf den von ihm initiierten Verein „Schams“. Er hilft in der Türkei, dem Libanon und Jordanien minderjährigen Kriegsflüchtlingen aus Syrien durch Schulbildung und psychotherapeutische Betreuung: „Es ist wichtig, dass diese Kinder nicht vergessen werden.“ cw

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