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Voll wie sonst nie: Der Sitzungssaal 1 des Wolfratshauser Amtsgerichts platzte am Samstagabend aus allen Nähten.

Ludwig-Thoma-Lesung im Amtsgericht

Als Autor brilliert, als Mensch versagt

Wolfratshausen - Es war ein toller, wenngleich sehr nachdenklich stimmender Geburtstags-Abend. Der Moderator und Journalist Michael Skasa hat im Amtsgericht Leben und Werk des Dichters Ludwig Thoma beleuchtet. 

Samstagabend im Sitzungssaal 1 des Amtsgerichts: Gegen 21.30 Uhr verkündet „Richter“ Michael Skasa am 150. Geburtstag des „Angeklagten“ das „Urteil“: „Der Försterbub Ludwig Thoma aus der Vorderriß, der berühmteste bayerische Dichter, war ein armer Kerl und ein entfesselter Spießer. Gegen Ende waren die Freunde tot, die Frau davon, und dann kam der Krieg, und der bis dahin unterdrückte Deutsch-Nationalismusbrach sich Bahn und mündete in wahrhaft ekelhafte, abstoßende Flugblätter und Texte.“ Das Urteil wurde mit Applaus aufgenommen.

Aber von Anfang an: Während das Bayerische Fernsehen das 150. Wiegenfest des Lausbuben Ludwig mit der gefühlt 134. Wiederholung der gleichnamigen Geschichten beging, hatten Assunta Tammelleo und ihr Team, Dietmar Galuschka und der in München wirkende Amtsrichter Dr. Joachim Eiden, jede Menge Besucher ins Amtsgericht gelockt. „Auf eine Sicherheitskontrolle konnten wir daher heute verzichten“, sagte Galuschka in seiner Begrüßung. Vor seinem Ruhestand war er lange Jahre am Wolfratshauser Amtsgericht tätig gewesen, zuletzt als Geschäftsleiter.

Eiden, selbst einige Jahre Richter in der Loisachstadt, führte in die juristische Karriere Thomas ein, der nicht nur seinen Doktortitel zu Unrecht führte. Die Doktorarbeit war zwar fertig, nur reichte sie Thoma nie zur Veröffentlichung ein. Das war auch damals zwingend notwendig für die Erlangung des Doktorgrades. Thoma hatte an seinem Beruf nicht allzu viel Freude und gab ihn nach wenigen Jahren als Anwalt in Dachau und München zugunsten des Schreibens – nicht zuletzt für den „Simplicissimus“ – auf. Über einen Kollegen urteilte er in „Der Vertrag“: „Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande.“

Michael Skasa, Radiomoderator, Autor und Journalist, streifte in seinem 25 Jahre jungen Vortrag alle wichtigen Stationen in Leben und Werk Thomas. Fundiert, abgewogen und mutig stellte er die Verdienste Thomas als Satiriker und Dramatiker heraus. Letztlich aber versagte Thoma sein Leben lang – als Corpsstudent, als Jurist, als Freund, als Gatte und Liebhaber, nicht zuletzt als politischer Beobachter. So groß Leistung und Verdienst als Autor sein (und bleiben) mögen – ihm blieben am Ende nur der Rückzug in die spießig-kleinbürgerliche Schein- idylle seines Hauses „Auf der Tuften“ in Rottach-Egern, wo er am 26. August 1921 starb. „Am Magenkrebs, mitverursacht durch lebenslangen Nikotinmissbrauch.“

Für Skasa fand Thoma nie zu einer authentischen Erdung, verursacht durch Verlassenheitsgefühle seit der Kindheit. Dichterkollegen sah er als Konkurrenz, Wedekind verspottete er, Ruederer mochte er nicht, Lena Christ half er nicht, obwohl er darum gebeten wurde. Nur Queri und Ganghofer ließ er gelten, weil sie ihm nicht das Wasser reichen konnten. Ludwig Thoma hielt sich an die Zeichner des „Simpl“, am Ende suhlte er sich im Stahlbad des Ersten Weltkriegs und konterkarierte damit bis seine Erfolge und Verdienste.

„Um mich ist Heimat. Und Ihre Erde kann einmal den, der sie herzlich liebte, nicht drücken.“ Das ist der Schluss der „Erinnerungen“, die Thoma zwischen Sommer 1918 und Frühjahr 1919 schrieb – für viele sein reifstes und weisestes Werk. Niemand verstand in den wenigen Jahren bis zu seinem frühen Tod mit 54 Jahren diesen Mann – auch nicht Kurt Tucholsky, der einmal zu seinen glühenden Verehrern zählte. Einsam, ohne Freunde, ohne Liebe, goss Thoma in zwei Jahren in über 100 Beiträgen für den „Miesbacher Anzeiger“ seine antisemitische, völkische braune Soße über das Oberland und zerstörte damit seinen Nimbus als großer Dichter nachhaltig. Es war die letzte Etappe in einem „ganz und gar verpfuschten Leben“, wie er sich selbst eingestand.

Der verdiente Lohn für Skasas Vortrag war kräftiger Beifall. Musikalisch untermalt wurde dieser von Heini Zapf (Klarinette und Gitarre) sowie Monika Schmidt (Akkordeon und Gitarre).

kl

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