Dekan Thomas Neuberger, Kardinal Reinhard Marx
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Da war die Welt noch in Ordnung: Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, weihte am 18. April den neuen Altar in der Pfarrkirche St. Peter und Paul.

Wir haben uns beim Gottesdienst umgehört

Es brodelt an der Basis: Marx-Rückzug treibt die Gläubigen um

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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Am Freitag hat Kardinal Reinhard Marx den Papst gebeten, ihn von seinem Amt zu entbinden. Die Gläubigen in seiner Diözese ringen immer noch um Fassung.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Mehrfach war Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, in den vergangenen Wochen im Landkreis zu Gast. Genauer: in Beuerberg. Am 18. April weihte er den neuen Altar von St. Peter und Paul ein, am 2. Mai wohnte er dem Patronatstag der Bayerischen Gebirgsschützen bei. Es waren Termine, bei denen man alle Sorgen, die die Kirche momentan umtreiben, für einen Moment vergessen konnte. Doch am vergangenen Freitag waren sie wieder da. Der Kardinal hat dem Papst wie berichtet seinen Rücktritt angeboten, auch, um „Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“. Die Kirche sei an einem „toten Punkt“ angelangt.

Seither brodelt es an der Basis noch mehr als zuvor. Spürbar wurde das gleich am Samstag, bei der Vorabendmesse in St. Josef der Arbeiter in Waldram. Eigentlich ein ganz normaler Termin im Wochenplan der Stadtkirche Wolfratshausen. Doch an diesem Samstagabend war alles anders. Draußen tobte ein heftiges Gewitter, drinnen schwebten weiße Papiertauben über dem Altar als Zeichen des pfingstlichen Friedens und der Erleuchtung durch den Heiligen Geist.

Bei den Fürbitten stellt sich die Gemeinde hinter den Kardinal

Die Messe hielt Ruhestandspfarrer Lorenz Poschenrieder. Er wurde für seine Verhältnisse sehr deutlich. In der Predigt thematisierte er eine Ehe, in der die Mutter alkoholabhängig und der Vater gewalttätig gegen die Kinder ist. „Der Buhmann ist dann oft der, der das Ganze zur Anzeige bringt, und das darf nicht sein“, sagte Poschenrieder. Der Bezug zu den Geschehnissen vom Vortag drängte sich den Kirchgängern förmlich auf. Noch direkter wurde es in den Fürbitten: Hier stellte sich die Gemeinde geschlossen hinter ihren Hirten, Kardinal Reinhard Marx, und gelobte, treu an seiner Seite zu stehen.

Der Paukenschlag vom Freitag war auch Thema nach der Kirche. Viele Gläubige standen beisammen und diskutierten: Was ist vom überraschenden Marx’schen Vorstoß zu halten? Lektor Leonhard Hohenadl und Pfarrgemeinderatsvorsitzender Martin Melf waren sich einig, dass es ein „ganz mutiger und honoriger Schritt“ sei, dem Heiligen Vater in Rom seinen Rücktritt anzubieten. Auch waren sie sich einig, dass im Grunde der Falsche zum Rückzug bereit ist. Konsequenter wäre es, wenn Rainer Maria Kardinal Woelki. Erzbischof von Köln, sein Amt niederlegt. Wölki gilt als der große Gegenspieler von Marx. Beide sind die einzigen Kardinäle in Deutschland bei 27 Diözesen. Während der Kölner dafür in die Kritik geraten ist, den Aufklärungsprozess zu verschleppen, gilt der Münchner als einer, der sich der Verantwortung und Schuld der Vergangenheit stellen will.

Grüppchen diskutieren vor der Kirche

Wie es jetzt weitergeht? Martin Melf ist keineswegs sicher, dass Papst Franziskus dem Gesuch des Kardinals entsprechen wird. Das würde heißen: Marx bleibt im Amt. Hohenadl mahnte zur Ruhe: „Es ist noch zu früh für Entscheidungen, man muss einen Schritt nach dem anderen machen.“ Bemerkenswert fanden beide, dass der Papst die Erlaubnis zur Veröffentlichung von Marx’ Brief gegeben hat. Das beweise, wie groß die Krise und wie brennend die Sorge sei. Nicht nur im Vatikan, sondern auch bei den Gläubigen in der Loisachstadt.

Gerhard Beham, Dekan und Stadtpfarrer in Wolfratshausen

Unter den Geistlichen zwischen Isar und Loisach ist das Meinungsbild nicht einheitlich. Dekan Gerhard Beham, Pfarrer der Stadtkirche Wolfratshausen, sagt: „Ich persönlich bedauere das Angebot des Amtsverzichts von Kardinal Marx. Unser Erzbischof ist für mich ein Motor in der Aufarbeitung der Missbrauchskrise.“ Ein Beispiel dafür seien die mittlerweile vollzogenen Schulungen aller Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Prävention von Missbrauch sowie die Konzepte im Bereich der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit. Dazu gehöre auch die Beauftragung von Anwaltskanzleien, die von der Kirche unabhängig agieren, und Ansprechpartner bei Verdachtsfällen. Beham: „Ich frage mich immer wieder, egal ob bei politischen, gesellschaftlichen oder kirchlichen Verantwortungsträgern, die für Versäumnisse, Fehler und Schuld ihrer jeweiligen Institution einstehen: Wann nützt es wem, dass Köpfe rollen, ohne dass wir am Ende kopfloser dastehen als zuvor?“

Pfarrer sind über den Zeitpunkt sehr verwundert

Konsterniert, zumindest über den Zeitpunkt des Rücktritts-Ersuchens, zeigt sich der Eglinger Pfarrer Manfred Wurzer. „Man hätte doch erwartet, dass seine Eminenz die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der Erzdiözese abwartet, die er ja wesentlich initiiert hat, und dann darauf reagiert, was meiner Ansicht nach mehr Sinn ergeben würde und auch die Verantwortlichkeit noch einmal deutlich gemacht hätte.“

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Die Aussage über den „toten Punkt“ hat den Eglinger Geistlichen „ehrlich gesagt schockiert“. Schließlich sei Kardinal Reinhard Marx einer der führenden Köpfe in der katholischen Kirche in Deutschland. „Wenn diese an einem toten Punkt angelangt sein soll, kann man ihn deshalb von einer Mitverantwortung nicht freisprechen.“ Im übertragenen Sinne sei es doch befremdlich, wenn ein Hirte seine Herde in genau diesem Moment einfach verlässt. Dennoch findet es Wurzer ein „starkes Zeichen, das mir allen Respekt abnötigt, dass selbst ein Kardinal zugeben kann, nur ein Mensch zu sein und Fehler gemacht zu haben“. Mitarbeit: Dieter Klug

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