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Zwei vor, eins zurück: Rita Kräh (blaue Bluse) lädt im AWO-Demenzzentrum einmal im Monat zu einem Tanznachmittag ein. Die Wolfratshauserin ist eine von 25 Helfern, die sich dort ehrenamtlich engagieren. 

„Jeder Beitrag ist wertvoll“

Mit Musik und Tanz bringen diese Menschen Alltag und Freude ins Demenzzentrum

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Die ehrenamtlichen Helfer im AWO-Demenzzentrum in Wolfratshausen bringen ein Stück Alltag und Freude an einen Ort, an dem den Menschen oft nicht zum Lachen zumute ist.

Wolfratshausen – „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ schallt es mehrstimmig durch den Speisesaal des AWO-Demenzzentrums am Paradiesweg. Die Esstische sind dicht an die orangefarbenen Wände gerückt. Mit wenigen Handgriffen wird der gelbe PVC-Boden zur Tanzfläche umfunktioniert. An der Theke gibt es Fruchtsäfte und alkoholfreien Sekt. Ein paar Frauen und Männer sitzen am Rand, klatschen im Takt, prosten sich zu oder beobachten einfach nur die Tänzer.

Eine davon ist Rita Kräh. Zu den Akkordeonklängen von Anton Würmseer, der im Seniorenzentrum nebenan wohnt, dreht sich die 77-Jährige mit einem Mann im gestreiften Hemd im Kreis. Die Wolfratshauserin ist eine von 25 Frauen und Männern, die sich ehrenamtlich im Demenzzentrum engagieren. Kräh entlastet die Pflegekräfte im AWO seit 14 Jahren. Sie organisiert Gottesdienste, Ausflüge und eben den Tanznachmittag, der einmal im Monat stattfindet. „Von einer Bekannten habe ich zufällig davon erfahren“, erinnert sich Kräh. „Ich habe es ausprobiert – und bin geblieben.“ Die Seniorin lächelt. „Die Super-Tänzerin bin ich zwar nicht, aber es geht eher darum, dass sich die Bewohner ein bisschen bewegen.“ Alte Volkslieder und Schlager wecken in vielen von ihnen Erinnerungen an Tanzschritte und Liedtexte, die sie von früher kennen. Ihr Tun sieht Kräh pragmatisch: „Wer weiß, ob ich nicht in ein paar Jahren auch hier bin.“ Es sei eine schöne Geste, den Menschen einen angenehmen Nachmittag zu bereiten.

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Ähnlich sieht das Karin Schneider. Die 56-Jährige hat sich schon früher in der Penzberger Selbsthilfegruppe „Spaßvögel“ engagiert. Mittlerweile wohnt Schneider in Ebenhausen und bekommt Erwerbsunfähigkeitsrente. Im Sommer hilft sie zwar zwei Tage die Woche in einem Biergarten. „Aber im Winter macht sich manchmal Langeweile breit.“ Also sah sich Schneider nach einem sinnvollen Zeitvertreib um, und wurde fündig.

Seit Anfang des Jahres kommt sie ein bis zwei Mal pro Woche in die Einrichtung am Paradiesweg. Zusammen mit ihrer Kollegin Monika Leopoldsberger bietet Schneider leichtes Yoga an, Konzentrations- und Meditationsübungen mit Klangschalen. „Wir machen es vor, viele beteiligen sich. Andere sitzen einfach nur dabei.“

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Auch Singen, Basteln und Malen stehen hoch im Kurs. Bei der Motivauswahl lässt sich Schneider von der Jahreszeit inspirieren. Zu Palmsonntag wurden Palmbuschen gebunden, kürzlich hat die Ebenhausenerin mit einigen der 68 Heimbewohner Styroporkugeln bunt bemalt und zu einem sommerlichen Bild zusammengefügt, das nun im Speisesaal hängt. „Doch man muss gar nicht immer etwas tun. Manchmal reicht es, einfach zuzuhören und die Menschen erzählen zu lassen“, sagt Schneider. Ein Besuch im AWO sei bereichernd. „Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass an diesem Tag niemandem langweilig war.“

Dieter Käufer freut sich über das Engagement der 25 Helfer. „Wir müssen nicht aktiv um Interessierte werben, das passiert über Mundpropaganda.“ Der Heimleiter des Demenzzentrums ist dankbar für die Unterstützung der 93 festangestellten Pflegekräfte. „Egal ob Spazieren gehen, Vorlesen, Gottesdienste feiern oder eben Singen, Tanzen und Musizieren – jeder Beitrag ist wertvoll.“ mh

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