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„Vorher langweilig und langsam gespielt“: Trainerin Silvia Klein legt Wert auf schnellen, offensiv ausgerichteten Handball und gibt ihrer Mannschaft Hausaufgaben mit in die Vorbereitung.

Porträt der Woche

Offensiv und ehrgeizig: Silvia Klein ist die neue Trainerin der HSG-Damen

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Silvia Klein ist nach 20 Jahren zum Handball zurückgekehrt. Jetzt trainiert sie die HSG-Frauenmannschaft – und hat schon viel erreicht.

Wolfratshausen/Geretsried – Handball hat sich rasant entwickelt. Diese Erfahrung musste Silvia Klein beim ersten Training bei den Frauen der HSG Isar-Loisach machen. „Als ich für eine Übung erklärt habe, dass es um einen Steildurchbruch geht, sie den Ball tippen und dann schießen sollen, haben sie mich nur mit großen Augen angeschaut“, erzählt die 54-Jährige und lacht. Die Spielerinnen erklärten, dass sich während ihrer fast 20-jährigen Auszeit vom Handball die Begriffe geändert haben: Der Steildurchbruch heißt nun Gegenstoß, der Ball wird nicht mehr getippt, sondern geprellt, und Tore nicht geschossen, sondern geworfen.

Dass die vierfache Mutter und Diplom-Pädagogin zum Handball zurückfindet, ließ sich anhand ihrer Vita erahnen. In München geboren, in Königsdorf und Geretsried aufgewachsen, kam sie durch ihre Eltern Günter und Ursel Bonse mit dem in den 1970er-Jahren aufblühenden Hallensport beim TuS in Berührung. „Meine beiden Schwestern und ich verbrachten die Sonntage oft in der Turnhalle“, berichtet Klein über die Zeit, als Vater und Mutter aktiv waren. Sie durchlief in Geretsried alle Nachwuchsteams, viele Jahre mit Eva Döbler als Trainerin. Als A-Juniorin spielte sie zwei Jahre in München, kehrte dann zum TuS zurück. Nicht zuletzt wegen Reinhard Seiwerth, langjähriger Frauen-Coach, einst im Trainerstab der schwedischen Nationalmannschaft und später Berater bei der HSG. „Der beste Trainer, den ich je hatte. Ein toller Motivator“, schwärmt die damalige Rückraumspielerin. Das Aus kam mit 21: Klein zog sich einen Kreuzbandriss zu, das Knie wurde nie wieder ganz gut.

„Ich war oft bei den Spielen und habe mich über den Trainer geärgert“

Sie legte ihre Karriere ad acta, heiratete mit 25 Jahren, bekam zwei Buben und zwei Mädchen. Weil ihr Mann in der Automobilbranche tätig ist, verbrachte die Familie zwölf Jahre im Ausland. Während der Zeit in Österreich gab es wieder Kontakt mit dem Handballsport, als Tochter Tamara – damals elf – im Verein spielte. 2004 kehrten die Kleins nach Deutschland zurück und wurden in Dietramszell sesshaft. Die jüngere Tochter Mona warf beim TV Bad Tölz ihre Bälle; die älteren Brüder verlegten sich aufs Eishockeyspielen.

Über Nachwuchstrainerin Ulli Newel kam der Kontakt zur HSG zustande, wo Mona – mittlerweile in der Alpenvorland-Auswahl – zwischenzeitlich im Nachwuchs gespielt hatte. Die Rückkehr erfolgte just in der Saison, als die Frauen aus Wolfratshausen und Geretsried mit dem SV Pullach eine Spielgemeinschaft eingingen. Ein Projekt, das nach einem Jahr wieder begraben wurde. „Ich war oft bei den Spielen und habe mich über den Trainer geärgert“, berichtet Klein. Als der gegen Ende der Saison häufiger absent war, übernahm sie ersatzweise das Training.

Es lag auf der Hand, dass HSG-Präsident Peter Seemann auf der Trainersuche bei der Dietramszellerin vorstellig wurde. Sie selbst hatte Zeit und Lust – fehlte noch die Absprache mit der Familie und den Töchtern, mittlerweile 22 und 27 Jahre alt. „Das war nicht so klar, dass beide gerne die Mutter als Trainerin wollten“, verrät Klein. Und das Verhältnis war nicht ganz ungetrübt, die vielen Korrekturen, die die neue Trainerin einbrachte, stießen nicht unbedingt auf Gefallen. „Das hat sich aber mit der Zeit gebessert.“

„Lieber spiele ich offensiv und kassiere dafür ein paar Gegentore mehr“

Dies traf auch auf die Leistung des elfköpfigen Kaders zu – obwohl man mit Torhüterin Sabrina Schicktanz, Daniela Kurka (beide Kreuzbandriss) und Selina Mikulla (Knochenverletzung) drei Verletzte zu beklagen hatte. „Vorher hat das Team langweilig und langsam gespielt“, moniert die Trainerin. Sie bevorzugt ein schnelles Spiel und Steildurchbrüche, pardon: Gegenstöße, legt Wert auf gute Kondition. „Wir haben nur wenige Spielzüge einstudiert.“ Die Ideen für Übungsbetrieb und Taktik hat sie aus ihrer aktiven Zeit übernommen. „Lieber spiele ich offensiv und kassiere dafür ein paar Gegentore mehr“, betont Klein, die sich Anregungen aus dem Internet holt.

Der Erfolg gibt der 54-Jährigen recht: Die HSG kam nach holprigem Start in Schwung und sicherte sich als Tabellensiebter früh den Klassenerhalt in der Bezirksoberliga. „Und den Mädchen hat es Spaß gemacht.“ Geärgert hat sich die ehrgeizige Trainerin nur zum Saisonende über drei Niederlagen gegen schlechter platzierte Gegner. Für die kommende Spielzeit möchte sie sich mit ihrer Mannschaft um ein paar Plätze verbessern. „Wir waren nah dran, haben oft nur mit einem oder zwei Toren Unterschied verloren.“

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Personell sieht es derzeit nicht sehr rosig aus. Die Rückkehr von Daniela Kurka ist offen, Sabrina Schicktanz beendet wohl ihre Karriere ebenso wie Nadine Ankershoffen. Klein setzt auf Kräfte aus dem eigenen Nachwuchs. „Ich hoffe, dass ich mit einigen A-Junioren planen kann und freue mich auf die derzeitigen B-Juniorinnen, die sehr gut spielen.“ Möglicherweise gibt es zwei Neuzugänge beziehungsweise Rückkehrer. „Wir sind offen für Zugänge, auch wenn jemand eine Weile nicht gespielt hat“, sagt die 54-Jährige, die keinen Trainerschein besitzt und keine Ambitionen an einer Tätigkeit bei einem anderen Verein hat. Was für sie an ihrem Sport so faszinierend ist, erklärt sie kurz und knapp: „Handball ist immer ein Kampf, bei dem man seine Aggressionen rauslassen kann.“

Allerdings müssen sich die Einsteiger auf eine harte Vorbereitung gefasst machen, die die HSG mannschaftsübergreifend mit Konditionstrainer Hermann Ferstl absolviert. „Die Mädels bekommen Trainingspläne mit und ich überprüfe, ob sie ihre Hausaufgaben machen“, sagt Klein. Auch in diesem Bereich hat sich der Handball weiterentwickelt: Die Laufeinheiten werden heutzutage mithilfe einer Smartphone-App dokumentiert. tw

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