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Bei der Abiturfeier 1959 sang Siegfried Vogt (mit Gitarre) das Lied, das er aus seiner Heimat mitgebracht hatte, am Lagerfeuer. Die anderen Abiturienten verbrannten derweil ihre alten Hefte.

„Ja, Waldram gibt’s nur einmal“

Das Rätsel ist gelöst: Das Waldram-Lied ist ein Kulturimport

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Das Rätsel um das Waldram-Lied ist gelöst. Die Hymne ist die Abwandlung eines badischen Heimatliedes.

Wolfratshausen – Wer war der Autor des Waldram-Liedes? Dieser Frage ist unsere Zeitung seit einiger Zeit auf der Spur. Dass das Lied aus dem Kreis der ersten Seminaristen von St. Matthias Ende der 1950er Jahre stammt, war bekannt. Doch wer genau hat die originellen Zeilen verfasst?

Siegfried Vogt hat das Daxlanden-Lied nach Waldram gebracht.

Zunächst fiel der Verdacht auf Alois Zaby, eine schillernde Persönlichkeit der ersten Jahre. Später hieß es, es sei eine Gemeinschaftsleistung gewesen. Jetzt scheint das Rätsel gelüftet zu sein: Es handelt sich offenbar um ein Lied aus dem Badischen. Seminarist Siegfried Vogt hat es einst aus seiner Heimat, dem Karlsruher Stadtteil Daxlanden, an die Isar mitgebracht. Und die jungen Männer von St. Matthias haben dann noch ein paar Strophen hinzugedichtet.

Den entscheidenden Hinweis verdanken wir der ehemaligen Kreisheimatpflegerin Maria Mannes, die uns den Kontakt zu Siegfried Vogt (83) hergestellt hat. Er lebt inzwischen wieder in seiner Heimat Karlsruhe als Ruhestandsgeistlicher der Erzdiözese Freiburg. „Ich besaß damals eine Gitarre und hatte das Lied im Kopf“, erinnert er sich. Er habe es dann in Waldram zum Besten gegeben. Nur dass eben Daxlanden – ein uraltes Fischerdorf unweit des Rheins – durch Waldram ersetzt worden sei. So weiß Vogt, dass man gemeinsam um das Lagerfeuer gesessen sei und das Lied gesungen habe. Übrigens: Vogt gehört zum Waldramer Jahrgang 1959, in dessen Abiturzeitung das Lied erstmals abgedruckt war.

Tatsächlich ist das Daxlanden-Lied, das übrigens auch im Internet zu finden ist, unverkennbar die Vorlage für das neuerdings wieder so viel gesungenen Waldram-Lied. Die Melodie ist dieselbe (auch bekannt als „Mariechen saß weinend im Garten“). Und die erste Strophe entspricht quasi 1:1 der Waldram-Hymne. Dort heißt es: „Es gibt im Badner Lande / Ein kleines Fleckchen Erd’ / Das ist unser Daxlanden / das uns so lieb und wert.“ Refrain: „Daxlanden gibt’s nur einmal / Auf dieser schönen Welt. / Der Herrgott hat’s auf jeden Fall / Nur einmal hergestellt.“ Daxlanden ist einfach durch Waldram ersetzt worden. Und Badner Land durch Bayernland.

Franz-Xaver Schmid weiß, dass weitere Strophen von Walter Dressel stammen.

Und was ist mit den anderen Strophen? Das Daxlanden-Lied hat noch sieben weitere, mit lokalen Besonderheiten gespickte Strophen, die nicht so ohne Weiteres zu übertragen waren. Für den Abdruck in der Abiturzeitung mit fünf weiteren Strophen, die um die Isar, die Föhren und die „schmucken Häuser“ kreisen, muss es noch einen kreativen Kopf gegeben haben. Ein anderer Seminarist aus dem Jahr 1959, Franz-Xaver Schmid, mittlerweile Ruhestandsgeistlicher der Diözese Rottenburg, bezeugt, dass diese Strophen auf Walter Dressel zurückgehen. Vogt, der Importeur des Lieds, kann sich daran nicht erinnern, Schmid dafür umso besser. Schließlich war er es, der den technischen Teil der Abiturzeitung betreut hat.

Genau genommen, handelt sich es bei den vier Strophen um ein Mittelding zwischen Einzelleistung und Gemeinschaftsleistung. „Der Walter Dressel hat eine erste Fassung gemacht, zu der wir alle dann ein bisschen was dazu gedichtet haben“, erzählt Franz-Xaver Schmid. „Und am Schluss hat er alles zusammengefügt für die Abiturzeitung.“ Der angehende Geistliche Dressel war quasi der Redakteur der Schlussfassung. Überhaupt sei der gebürtige Erlanger der maßgebliche Macher der Abiturzeitung gewesen. Öffentlich gesungen wurde das Lied angeblich zum ersten Mal im Fasching 1958.

Mit dem Jahrgang von 1959 hatte es laut Schmid eine besondere Bewandtnis. Alle hatten Sehnsucht nach dem Schloss Fürstenried, das die Seminaristen im Herbst 1957 zugunsten des neuen Schulstandorts Waldram verlassen mussten. Die Folge: Es gab einen extrem starken Zusammenhalt. „Wir haben uns geschworen, dass keiner von uns durchfällt und uns gegenseitig Nachhilfe gegeben.“ Und tatsächlich, alle schafften das Abitur. Das war im Seminar, das Kardinal Faulhaber 1927 in München gegründet hatte, seit 27 Jahren nicht mehr dagewesen. Besonders gut gelitten waren die Seminaristen anfangs nicht unter der heimischen Jugend. Deshalb versuchten die Waldramer Burschen im April 1958 auch, den Maibaum der Spätberufenen zu stehlen. Das verhinderte Franz-Xaver Schmid im letzten Moment, indem er den Maibaum des Seminars vom Bulldog der Burschen abkoppelte. „Danach haben wir alle gemeinsam 150 Liter Bier getrunken – und alles war gut.“

Walter Dressel war der kreative Kopf der Abizeitung 1959.

Und wer war nun Walter Dressel? Persönlich war er offenbar eher ein introvertierter Typ. „Ein ruhiger Vertreter“, erinnert sich Schmid. Das Archiv des Erzbistums Bamberg, wo er später tätig war, hat einiges für unsere Zeitung herausgefunden. Demnach wurde er 1937 in Erlangen geboren. Sein Abitur absolvierte er am Ludwigsgymnasium in München/Sendling. Nach seinem Abschluss 1959 in Waldram studierte er in Bamberg Theologie und erhielt dort 1965 die Priesterweihe. Ab September 1972 wirkte er als Pfarrer in Eckersdorf bei Bayreuth. Er starb am 13. Februar 1992 im Alter von 55 Jahren. In seinem kleinen Nachlass finden sich einige künstlerisch gestaltete Weihnachtskarten, er blieb offenbar ein schöpferischer Mensch. Was er wohl dazu sagen würde, dass sein besonderes Vermächtnis, das Waldram-Lied, wieder so beliebt ist?

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Die Seminaristen von einst, die heute noch leben und die von unserer Recherche erfahren haben, freuen sich sehr, dass ihr Produkt von einst so Karriere gemacht hat. „Großartig, daran hätte niemand von uns zu denken gewagt“, sagt Schmid. Damals habe man sich über das Lied wenig Gedanken gemacht. Man hat es einfach gesungen – und fertig. „Wenn man uns am Tag nach dem Abitur gefragt hätte, wir hätten es nicht sagen können.“

vu

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