Wider die Sinnkrise

Rente nicht in Sicht: Immer mehr Senioren im Landkreis arbeiten länger 

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Immer mehr Menschen arbeiten auch noch nach der Rente. Das hilft den Senioren, die sich ein bisschen Geld hinzuverdienen. Genauso hilft es aber auch den Arbeitgebern, die dringend Fachkräfte brauchen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Sei es im Verkauf, im Nahverkehr oder sogar auf der Baustelle: Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht, dass immer mehr im Alter gearbeitet wird. Gibt es dazu Zahlen? Ja, die gibt es. „Wir können Ihre These bestätigen, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen nach Vollendung des 65. Lebensjahres gearbeitet haben“, erklärt Silke Stichaner von Agentur für Arbeit in Rosenheim. Für den Landkreis gilt: Im Jahr 2013 waren es 300 Bürger, die im Rentenalter noch sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben, 2017 waren es 440. Gleiches gilt für Jobs mit geringfügiger Entlohnung: Hier hat sich die Zahl von 1730 im Jahr 2013 auf 1890 im Jahr 2017 erhöht. Betroffen sind alle möglichen Branchen, von der „Unternehmensführung“ (sprich Manager) über „Gesundheitsberufe“ (sprich Ärzte) bis zu Hausmeistern, Busfahrern, Verkäufern und Heizungsbauern. Es ist ein allgemeiner Trend.

Reinhold Krämmel: Regionalvorsitzender der IHK.

Reinhold Krämmel, Vorsitzender des Regionalausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK), erkennt darin eine Win-Win-Situation für beide Seiten. „Es zeichnet sich ein Umdenken seitens der Arbeitgeber ab, was die Beschäftigung der älteren Generation anbelangt“, sagt er. Ursache sei in erster Linie der sich zunehmend verschärfende Fachkräftemangel. So wie in der gesamten Gesellschaft würde sich auch in der Industrie die Erkenntnis durchsetzen, dass die Generation 60 plus körperlich und geistig fit ist. Und noch eine andere Tendenz hat Krämmel ausgemacht: „Durch den mehrmaligen Berufswechsel während eines Erwerbslebens ist es durchaus möglich, auch nach dem Eintritt des Rentenalters noch in eine andere Branche zu wechseln.“ Sprich: Flexibilität ist für viele normal.

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Was die Arbeitnehmer angeht, ist ihm das Stichwort „Altersarmut“ viel zu plakativ. „Die ausschließliche finanzielle Situation halte ich für eine Verkürzung der Ursachen.“ Vielmehr hätten viele ältere Menschen nach dem Eintritt ins Rentenalter den Wunsch nach sinnvoller Weiterbeschäftigung, sei es in einer Erwerbstätigkeit oder in einem Ehrenamt. Krämmels Schlussfolgerung: „Eine florierende Volkswirtschaft wie die unsere kann und sollte es sich nicht mehr leisten, auf gut ausgebildete ältere Menschen in den Betrieben zu verzichten.“

Kilian Willibald: Unternehmer aus Lenggries

Einer, der nicht darauf verzichtet, ist Kilian Willibald vom gleichnamigen Lenggrieser Unternehmen, spezialisiert auf Tief- und Straßenbau sowie Kanalbau. Er hat schon früher festgestellt, dass seine Arbeiter „in ein Loch fallen“, wenn sie mit 65 in Rente gegangen sind. Das hat sich verschärft, als vor einigen Jahren die Rente mit 63 eingeführt wurde. Die anfängliche Euphorie weicht nach seiner Erfahrung sehr bald einer Sinnkrise. „Wir hatten den Fall, dass einer unserer Mitarbeiter sich mehr als ein Jahr auf die Rente mit 63 freute, und einen Monat nach Renteneintritt wieder als Vollzeitbeschäftigter in unser Unternehmen zurückkehrte“, erzählt er.

„Das wertvolle Wissen und Können geht nicht verloren“

In dem Lenggrieser Unternehmen arbeiten, je nach Arbeitsanfall, zwischen zwei und sieben Männer und Frauen jenseits der Rentengrenze, einer davon in Vollzeit, alle anderen als Geringverdiener. Und das ist gut so, findet Willibald: „Das wertvolle Wissen und Können dieser altgedienten Mitarbeiter geht nicht verloren und kann unkompliziert und zielgerichtet weiter genutzt werden.“

Die aktuelle Gesetzeslage hält er für völligen Unsinn. „Das Gesetz zur Rente mit 63 war ein Fehler, ein nicht bis zum Ende durchdachtes Wahlkampfgeschenk der SPD an Wähler, die es vielleicht gar nicht haben wollten.“ Dabei könnten die letzten Arbeitsjahre in einem Unternehmen die schönsten sein, wenn man ein hohes Monatseinkommen erwirtschaftet, nicht mehr jede Arbeit selbst ausführen muss und seinen Wissensvorsprung an die Jüngeren weitergeben kann. vu

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Rubriklistenbild: © dpa / Jan Woitas

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