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Mit einer Schreckschusspistole schoss der Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts vom Balkon.

Angeklagter soll Schützen beleidigt haben

Hilfeschreie und ein Schuss vom Balkon: Wüster Streit beschäftigt das Gericht 

Hilferufe einer Frau alarmieren einen Mitarbeiter der Sicherheitswacht. Dieser schießt wortwörtlich übers Ziel hinaus. Die Situation eskaliert. Vor Gericht steht jedoch ein anderer Mann (20). Er soll den Hilfssheriff wüst beleidigt haben.

Wolfratshausen – Der Notruf – als Aufnahme im Gerichtssaal zu hören – ging gegen 23.15 Uhr bei der Polizei ein: „Ein Mann in Unterhose schießt mit einer Pistole vom Balkon“, teilte der Anrufer aufgeregt mit. Wenig später riefen weitere Anwohner der Wolfratshauser Badstraße in der Einsatzzentrale an, berichteten von „Riesengeschrei“ und einer lautstarken „Auseinandersetzung, wahrscheinlich mit Gewalt“.

Für einen 20-jährigen Wolfratshauser hatte das nächtliche Theater, das sich am 13. März dieses Jahres an der Badstraße abgespielt hat, nun eine Fortsetzung vor Gericht. Er soll eine Plastik-Wasserflasche nach dem Mann mit der Pistole geworfen und diesen mit Sprüchen wie „Fick dich, Du Hurensohn“ beschimpft haben. „Die Beleidigungen können schon passiert sein“, räumte der Angeklagte ein. Die Flasche aber habe er lediglich wütend auf den Boden geworfen.

Vorfall ereignete sich in der Nähe des Campingplatzes in Wolfratshausen

Dann schilderte der Beschuldigte das Geschehen aus seiner Sicht. Die Kurzform geht so: Vier junge Männer sind nachts in der Nähe des Campingplatzes unterwegs. Eine Frau kommt ihnen entgegen. Sie spannt einen Regenschirm auf und versteckt sich dahinter. Der 20-Jährige will wissen, „was das soll“. Plötzlich schreit die Frau um Hilfe. „Keiner hat sie angerührt“, beteuert der Angeklagte. „Dann steht plötzlich der Typ mit der Waffe da, hält uns die Pistole vors Gesicht.“

Diesem Teil des Stückes konnten die Anwesenden im Gerichtssaal wieder live beiwohnen. Denn auch der Anwohner mit der Schreckschusspistole, Typ Heckler & Koch P30, hatte mit der Notrufzentrale Kontakt: Er stellte sich als Mitarbeiter der Sicherheitswacht vor und berichtete hektisch, er „werde gerade von vier Leuten angegriffen und übelst beschimpft“. Die Zuhörer wurden auch Zeuge, wie er dem Angeklagten mit einer Taschenlampe gegen das Bein schlug. „Oh, jetzt hab’ ich einen verletzt“, rief der Anrufer ins Telefon. Aber auch die Flüche und Beleidigungen des Angeklagten waren deutlich zu vernehmen.

„Was Sie hier geboten haben, war ziemlich daneben“, ließ Richter Urs Wäckerlin den Angeklagten wissen, der wegen Drogenbesitzes und Bedrohung bereits vorbestraft ist. „Ich empfehle Ihnen dringend, in Zukunft einen Gang zurückzuschalten.“ Dennoch regte Wäckerlin an, das Verfahren einzustellen. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen muss der Wolfratshauser demnächst einen zweiwöchigen Ungehorsamsarrest antreten. Eine weitere Ahndung falle daneben nicht erheblich ins Gewicht. Zum anderen werfe auch das Auftreten des Waffenbesitzers „gewisse Zweifel auf“, so der Richter. „Vier Leuten den Lauf zeigen: Ich bin der Meinung dass er da deutlich übers Ziel hinausgeschossen ist.“

Schütze quittiert Dienst bei der Sicherheitswacht

Nach Informationen unserer Zeitung ist der Mann inzwischen auf eigenen Wunsch aus der Sicherheitswacht ausgeschieden. Er sei von einer Bedrohungslage und der Vergewaltigung einer unbekannten Frau auf dem Nachbargrundstück ausgegangen. Deshalb habe er einen Warnschuss abgegeben, hatte der Mann laut Einsatzprotokoll der Polizei sein Eingreifen begründet.

Die Frau, die den Mann durch ihre Hilferufe auf den Plan gerufen hatte, war in dem Tumult unerkannt verschwunden. Ein zwischenzeitig eingeleitetes Verfahren wegen versuchter Vergewaltigung wurde eingestellt.

Rudi Stallein

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