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Im Wolfratshauser Stadtrat sitzen künftig nur noch sechs Frauen. 

„In alten Denkmustern verhaftet“

Das schwach vertretene Geschlecht: Nur noch sechs Frauen Stadtrat

Im neuen Wolfratshauser Stadtrat sitzen nur noch sechs Frauen – unter 18 Männern. Vier Stadträtinnen versuchten, dieses Ergebnis zu analysieren. 

Wolfratshausen – Veranstaltungen am Weltfrauentag, Solidaritätsbekundungen weiblicher Kommunalpolitiker, paritätisch besetzte Kandidatenlisten: Viele Beobachter hatten damit gerechnet, dass im neuen Wolfratshauser Stadtrat mehr Frauen vertreten sind als die bislang acht. 

Stadtrat Wolfratshausen: Sechs Frauen - 18 Männer

Das Gegenteil ist der Fall. Es sind nur noch sechs von 24. Es handelt sich um Annette Heinloth, Assunta Tammelleo und Jennifer Layton (alle Grüne), sowie Ulrike Krischke (Bürgervereinigung Wolfratshausen/BVW), Susanne Thomas (CSU) und Gerlinde Berchtold (SPD).

Dr. Ulrike Krischke, BVW

Dr. Ulrike Krischke (BVW) prophezeit: „Man wird das Fehlen von Frauen in der Stadtratsarbeit bestimmt merken.“ Zum einen, weil die Lebenssituationen von Frauen in Wirtschaft, Familie und Alltag noch immer „nicht deckungsgleich mit der eines Mannes“ seien. Mütter, die wegen ihrer Kinder weniger arbeiten, „sehen zum Beispiel eher, dass es eine Gefahrenstelle auf dem Schulweg gibt, die man beheben könnte“. Mit dem geringen Frauenanteil von einem Viertel „fehlt ein Stück Lebenswirklichkeit in der Debatte“.

Es „fehlt ein Stück Lebenswirklichkeit in der Debatte“

Ein weiterer Aspekt: „Auch wenn alle Stadträte zum Wohle der Stadt agieren, ist das Kommunikationsverhalten nachweislich ein anderes“, sagt Krischke. Männer würden eher zu Konfrontation und Abgrenzung neigen, während Frauen eher konsens- und lösungsorientiert arbeiten würden. „Und ich würde mir eine stärker an Lösungen ausgerichtete Politik wünschen. Eine Politik mit harten Konfliktlinien wird Wolfratshausen nicht nach vorne bringen.“ 

Schwacher Frauenanteil: in alten Denkmustern verhaftet

Krischke vermutet, dass der schwache Frauenanteil damit zusammenhängt, „dass wir immer noch in alten Denkmustern verhaftet sind“. Männer könnten sich durch „ihre Präsenz im öffentlichen Leben noch deutlich mehr als Macher etablieren“.

Annette Heinloth, Grüne

Die Analyse von Bürgermeisterkandidatin Annette Heinloth (Grüne) fällt ähnlich aus: „Scheinbar gibt es viele Wähler, die einem Mann mehr Kompetenz zutrauen als einer Frau.“ Heinloth, die sich schon lange mit dem Thema auseinandersetzt, sieht in der Art und Weise, wie Kommunalpolitik in der Realität abläuft, ein Hinderungsgrund für Frauen, sich zu engagieren. 

„Frauen sind davon abgeschreckt, dass es oft einen scharfen Ton, Grabenkämpfe und Profilierungssucht gibt.“ Die Frage, wie man sich verkauft habe, sei manchen nach einer Sitzung wichtiger als die Frage, was denn eigentlich erreicht wurde.

Frauen vom scharfen Ton und Profilierungssucht „abgeschreckt“

„Schockierend“ findet Heinloth, „dass ein großer Teil der Gesellschaft nicht ausreichend repräsentiert ist“. Ihre Vermutung: „Der Wähler macht sein Kreuz vor allem bei bekannten Namen.“ Die Folge: „Wenn bislang viel mehr Männer als Frauen im Stadtrat sitzen, landen dann logischerweise wieder mehr Männer im Gremium.“

Susanne Thomas, CSU

Für die CSU sitzt ein weiblicher Neuling im künftigen Stadtrat: Susanne Thomas. „Ich finde es schön, dass ich es geschafft habe, aber es ist sehr schade, dass so wenig andere Frauen vertreten sind“, sagt sie über das Wahlergebnis. Thomas setzt auf Solidarität: „Wir Frauen sollten eine gute Zusammenarbeit pflegen.“ Durch ein solches Signal könnte es gelingen, so ihre Hoffnung, dass künftig noch mehr Frauen den Sprung in das politische Ehrenamt wagen. 

„Ich sehe die Politik noch immer als Männerdomäne“

„Ich sehe die Politik noch immer als Männerdomäne“, sagt Thomas. Und als Frau sei es oftmals ungleich schwieriger, sich darin durchzusetzen. Aber die CSU-Politikerin hat auch festgestellt, dass es „honoriert wird, wenn man als Frau gute Arbeit leistet“.

Gerlinde Berchtold, SPD

Beim Blick auf das Wahlergebnis kommt Gerlinde Berchtold (SPD) zu dem Schluss: „Die viele Werbung für mehr Frauen in der Politik war anscheinend für die Katz.“ Wie man es künftig schaffen könnte, dass die Geschlechter gleichermaßen in Gremien vertreten sind? „Ich bin im Moment ein bisschen ratlos.“

Werbung für mehr Frauen in der Politik „für die Katz“

Immerhin hätten sich bei der jüngsten Kommunalwahl einige Frauen für den Stadtrat beworben. „Ausgeglichen war das Verhältnis aber trotzdem nicht.“ Berchtold möchte sich in der anstehenden Amtsperiode von der Unterrepräsentation zumindest nicht beeindrucken lassen: „Wir werden uns hinter den Männern sicher nicht verstecken.“

Doch nicht nur im die Frauenquote ist es im Wolfratshauser Stadtrat schlecht bestellt: Der Jugend eine Chance, heißt es immer. Genau das ist in Wolfratshausen nicht passiert. Hier sind die drei jüngsten Mitglieder nicht mehr ins Gremium gewählt worden.

dst

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