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Impfen, Testen und der Alltag: So erlebt ein Hausarzt die Corona-Krise

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Von: Dominik Stallein

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Die Spritze ist bereit: Dr. Klaus Röttger impft und testet in seiner Praxis – und berichtet im Interview mit unserer Zeitung über den immensen Aufwand, den die Pandemie den Hausärzten beschert.
Die Spritze ist bereit: Dr. Klaus Röttger impft und testet in seiner Praxis – und berichtet im Interview mit unserer Zeitung über den immensen Aufwand, den die Pandemie den Hausärzten beschert. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Das Telefon klingelt nonstopp, die Patienten stehen Schlange. Wie es in einer Hausarztpraxis zugeht, erklärt Allgemeinmediziner Dr. Klaus Röttger aus Wolfratshausen.

Herr Dr. Röttger, wie genervt sind Sie vom Läuten der Telefone in Ihrer Hausarztpraxis?

Klaus Röttger: Ich kann – zum Glück – bei geschlossener Tür das Telefon nicht hören. Die Frage müssten Sie unseren Mitarbeiterinnen stellen. Ich weiß, dass sie sehr, sehr, sehr genervt vom Telefon sind. Es klingelt wirklich durch. Egal, wann man in die Praxis kommt: Mindestens eine Kollegin ist zu jeder Zeit im Telefongespräch.

Wer ruft Sie denn derzeit vor allem an?

Röttger: Im Moment melden sich sehr viele Infektpatienten, die sich auf Corona testen lassen wollen. Außerdem rufen seit einigen Wochen unglaublich viele Impfwillige an, um einen Impftermin zu vereinbaren. Und natürlich muss auch der normale Alltag weitergehen: Menschen, die eine Vorsorgeuntersuchung möchten oder an Krankheiten leiden, die mit Corona nichts zu tun haben, behandeln wir schließlich auch.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie groß ist der Anteil, den Corona an Ihrer Arbeit einnimmt?

Röttger: Neun.

Wie fangen Sie die ganze Arbeit auf?

Röttger: Wir haben eigene Infektionssprechstunden eingeführt, in denen sich die vielen Patienten auf das Coronavirus testen lassen können. Die Impfungen verabreichen wir in eigens dafür eingeführten Impfsprechstunden.

Sie haben vor Corona sicher nicht Däumchen gedreht. Bleibt von Ihren anderen Aufgaben etwas auf der Strecke?

Röttger: Wir versuchen natürlich, dass nichts liegen bleibt. Aber durch die zusätzlichen Aufgaben sind wir zeitlich ziemlich eingeschränkt. Das führt dazu, dass Patienten mit Routineuntersuchungen oder Vorsorgeterminen länger warten müssen – übrigens auch am Telefon. Wir hören immer wieder, dass Patienten Probleme haben, durchzukommen, weil die Kollegen mit Detailrückfragen zu Corona, zur Impfung oder den Infektsprechstunden beschäftigt sind.

Wie lange muss ich auf einen Termin warten, wenn ich mich heute wegen einer Vorsorgeuntersuchung melde?

Röttger: Das kann schon zwei, drei Wochen dauern.

Und wenn ich unter akuten Bauchkrämpfen leide?

Röttger: Dann kriegen Sie selbstverständlich zeitnah einen Termin. Die verhältnismäßig langen Wartezeiten gelten nur bei planbaren, nicht akuten Angelegenheiten. Kranke werden weiterhin wie immer versorgt.

Wie groß ist der Anteil an Corona-Verdachtsfällen unter den Kranken?

Röttger: Das ist der überwiegende Teil. Das ist aber auch der Jahreszeit geschuldet. Neben Corona gibt es ja weiterhin Erkältungen, Grippe, Mandelentzündungen – also saisonal auftretende Krankheiten, die zu dieser Zeit im Jahr verbreitet sind und ähnliche Symptome haben.

Diese Patienten müssen alle in die Infektsprechstunde?

Röttger: Richtig.

Das ist vermutlich nicht ganz so einfach für die Patienten wie vor dem Ausbruch der Pandemie.

Röttger: Wir versuchen, es einfach zu gestalten. Die Patienten bekommen einen Termin, weil sie mit Symptomen nicht in die Praxis laufen dürfen. Sie müssen vor der Tür warten, bis wir sie hereinrufen.

Mit einer Mandelentzündung ist das bei Novemberwetter nicht sonderlich angenehm.

Röttger: Wir tun unser Bestes, um die Termine so genau wie möglich einzuhalten. Kein Kranker soll eine halbe Stunde in der Kälte stehen. Aber wir müssen die Gefahr minimieren, dass ein Corona-Positiver die anderen Patienten ansteckt.

Wen testen Sie in Ihrer Praxis?

Röttger: Wir machen nur noch PCR-Tests bei symptomatischen Patienten. Menschen, die sich aus der Quarantäne freitesten lassen, müssen zum Testzentrum in Bad Tölz fahren. Auch Schnelltests, die man für die 3G-Bestimmungen benötigt, können wir nicht anbieten.

Wieso nicht?

Röttger: Der Zeitaufwand für die vielen Tests ist jetzt schon enorm. Mehr geht nicht.

Ein Beispiel: Ich habe Husten. Ich mache bei Ihnen einen Termin aus, komme zum Abstrich – und dann?

Röttger: Dann müssen Sie erst einmal warten. Wegen der vielen Tests sind die Labore ziemlich überlastet, da kann es im Moment schon drei Tage dauern, bis das Ergebnis da ist. Unsere Patienten können ihr Testergebnis selbst im Internet abrufen. Sollte es positiv sein, ist das Gesundheitsamt in Bad Tölz am Zuge.

Und wenn ich negativ bin? Muss ich dann einen neuen Termin ausmachen, um eine Diagnose zu bekommen?

Röttger: Im Rahmen der Infektionssprechstunde kriegen alle Patienten auch eine Behandlung und eine Diagnose.

Wie viele Abstriche werden täglich in Ihrer Hausarztpraxis durchgeführt?

Röttger: Ganz konstant ist das nicht, aber um die 30 bis 40 Corona-Tests pro Tag sind die Regel.

Das alleine bedeutet einen immensen Zeitaufwand – das Impfen kommt noch dazu. Wie groß ist der Andrang?

Röttger: Der ist ähnlich wie bei der Infektsprechstunde. Es ist leider so, dass im Sommer fast niemand zur Impfung gekommen ist. Wir hatten zwischenzeitlich sogar aufgehört, Impfdosen zu bestellen, weil wir sie nicht wegwerfen wollten. Erst in den vergangenen Wochen hat die Nachfrage enorm angezogen.

Wer kommt zu Ihnen zur Impfung?

Röttger: Der Anteil der Booster-Impfungen ist sehr groß. Aber es gibt auch ein paar vereinzelte, die zum ersten Mal kommen. Die wollten sich vielleicht anfangs nicht impfen lassen, aber jetzt wird es sozial ungemütlich. Wenn ich nicht mehr wie gewohnt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, nicht mehr ins Restaurant essen gehen oder ins Schwimmbad darf, weil ich nicht geimpft bin, ist das schon ein Faktor bei der Entscheidung.

Medizinisch betrachtet ist das doch gut, oder?

Röttger: Ja, natürlich.

Und wie bewerten Sie diese Maßnahmen aus ethischer Sicht?

Röttger: Das ist eine schwierige Frage. Ich finde aus professioneller Sicht, dass sich jeder impfen lassen sollte. Diese Regelungen sind etwas, was die Entscheidung vielleicht erleichtert.

Mutmaßlich hilft ja auch Aufklärung. Wie begegnen Sie Menschen, die skeptisch sind?

Röttger: Ich frage die Patienten immer, ob sie geimpft sind. Das „Nein“ fällt einigen schwer zu sagen. Ich versuche dann herauszufinden, woher ihre Skepsis kommt. Ich kann versuchen, die Menschen mit Argumenten zu überzeugen. Aber wenn jemand für sich ganz persönlich entschieden hat, dass er keine Impfung möchte, dann ist das eben seine persönliche Entscheidung. Dann führt auch eine Diskussion zu nichts.

Einige Menschen wollen mit einem Antikörper-Test herausfinden, ob eine Auffrischung sinnvoll ist. Was halten Sie davon?

Röttger: Wir empfehlen das ausdrücklich nicht. Man kann diese Blut-Bestimmung schon machen. Aber man kann daraus keine Empfehlung ableiten, ob man sich wieder impfen lassen sollte oder nicht. Das einzige, was man durch diesen Test herausfinden kann, ist, ob der Körper überhaupt auf die Impfung reagiert hat oder nicht. Das macht allenfalls bei Menschen Sinn, die gerade eine Chemotherapie machen oder ein Organtransplantat im Körper tragen – und deren Immunsystem dadurch supprimiert ist.

Wie finde ich heraus, wann eine Auffrischungs-, eine Booster-Impfung sinnvoll ist?

Röttger: Durch einen Blick in den Kalender: Fünf bis sechs Monate nach der Zweitimpfung ist der Booster sinnvoll.

Ich brauche bald meine Booster-Impfung. Wann darf ich bei Ihnen vorbeikommen?

Röttger: Wenn Sie heute einen Termin ausmachen, können Sie im Februar kommen. Wir sind aber dabei, das Impfangebot zu erweitern. Wir werden zum Beispiel anfangen, auch samstags zu impfen. Das führt hoffentlich dazu, dass wir die Februar-Termine vorziehen können.

Die Arztpraxen impfen am Anschlag – und erst am Montag wurde das Tölzer Impfzentrum wieder eröffnet. Müssen die Hausärzte die fehlende politische Weitsicht ausbaden?

Röttger: Das würde ich so nicht sagen. Man darf nicht vergessen, dass die Mitarbeiter in den Impfzentren im Sommer herumgesessen sind und Däumchen gedreht haben, weil die Nachfrage so gering war. So ein Zentrum kostet aber viel Geld. Das war ein Grund, warum einige geschlossen wurde. Jetzt ist die Situation eine andere. Und die Wiedereröffnung des zweiten Impfzentrums im Landkreis, in Bad Tölz, nimmt ein bisschen Druck von uns.

Impfungen sind im Moment in aller Munde. Merken Sie auch an anderen Vakzinen ein größeres Interesse?

Röttger: Wir hatten nach Grippe-Impfungen immer eine recht große Nachfrage im Winter, die ist weitestgehend ungebrochen. Nach Pneumokokken-Impfungen fragen immer mehr Menschen. Und manche blättern wegen Corona durch ihren Impfpass und stellen fest, dass die Tetanus-Auffrischung überfällig ist. Das Bewusstsein für das Thema ändert sich im Moment. Aus medizinischer Sicht ist das eine gute Nachricht.

Die Leopoldina, die Deutsche Akademie der Wissenschaften, hat eine Impfpflicht vorgeschlagen. Könnten die Hausärzte das überhaupt stemmen?

Röttger: Die Praxen alleine könnten das nicht auffangen. Gemeinsam mit den Impfzentren sehe ich aber schon eine Chance. Am Anfang der Impfkampagne sind mobile Teams in viele Einrichtungen gefahren und haben dort die Vakzine verabreicht. Wenn in Deutschland eine Impfpflicht kommen würde, dann gehe ich davon aus, dass diese Infrastruktur wieder ausgebaut würde.

Wie viele Überstunden hat Ihr Team seit Beginn der Pandemie gesammelt?

Röttger: Für alle – nicht nur Hausarztpraxen – ist eine erhebliche Mehrbelastung entstanden, keine Frage. Ich kann die Stunden aber nicht beziffern. Vielleicht ist das auch gut so.

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