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Die Empore ist ihr Lieblingsplatz: Maria Feldigl aus Wolfratshausen spielt seit 70 Jahren Orgel – am liebsten in der evangelischen Kirche St. Michael. 

Ballerina auf den Pedalen

So lange sie der Herrgott lässt: Diese Wolfratshauserin spielt seit 70 Jahren Orgel

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Bach, Brahms, Händel: Es gibt wohl kaum ein kirchliches Lied, das Maria Feldigl nicht kennt. Die 89 Jahre alte Wolfratshauserin spielt leidenschaftlich gernOrgel – heute genauso wie vor 70 Jahren.

Wolfratshausen – In ihrer Ledertasche verwahrt Maria Feldigl ein Utensil, das unerlässlich ist für das Orgelspiel: Bevor sich die 89-Jährige an den Spieltisch auf der Empore in der Kirche St. Michael setzt, zieht sie ihre braunen Halbschuhe aus und schlüpft in die mitgebrachten Ballettschläppchen. „Mit denen hab’ ich einfach mehr Gefühl für die Pedale“, sagt Maria Feldigl. Sie klappt den Deckel über den zwei Manualen hoch, stellt die Register ein, platziert die Füße auf den Pedalen, die Finger auf den Tasten und erfüllt den ganzen Raum mit sakralen Klängen.

Mit 20 hat sie angefangen, das Instrument zu lernen. Mittlerweile spielt Maria Feldigl seit 70 Jahren in den Kirchen in und um Wolfratshausen. „Mein Vater war Chorregent in St. Andreas“, erzählt sie. „So bin ich zur Orgel gekommen.“ Am Münchner Konservatorium absolvierte sie ihre Ausbildung, doch zum Lebensunterhalt habe das Orgelspiel, das die Unesco-Kommission kürzlich als Immaterielles Kulturerbe anerkannte, nicht gereicht. „Ich habe in der Sparkasse gearbeitet.“ Das Orgeln füllte ihre Freizeit – vor allem in den Gottesdiensten am Wochenende. 1989 ist sie in Rente gegangen. „Daraufhin habe ich natürlich noch mehr gespielt.“

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Es gibt wohl nur wenige Kirchen im Umkreis, in denen Maria Feldigl keine Gottesdienste begleitete. Heute hilft sie dort allerdings – wenn überhaupt – nur noch aus. Lediglich in der evangelischen Kirche St. Michael spielt sie jeden Sonntag – obwohl sie selbst katholisch ist. Über den früheren Pfarrer Walter Rothgangel kam sie dorthin. „Und hier bin ich geblieben“, sagt die 89-Jährige lächelnd.

In den 70 Jahren, die sie spielt, hat Maria Feldigl bei unzähligen Taufen, Konfirmationen und Beerdigungen für die passende Musik gesorgt. Hochzeiten mag sie besonders gerne. „Schade ist nur, dass ich eigentlich nie den Einzug des Brautpaars sehe.“ Dafür hat sie von ihrem Platz links von der Orgel aus immer den Überblick über die Feierlichkeiten. Die Pfarrer und sie sind über die Jahre zu einem eingespielten Team geworden. „Wenn ich eine Strophe mehr spielen soll, weil der Klingelbeutel noch durchgeht, macht Pfarrer Gruber nur eine kleine Geste“, verrät die Organistin. Um die zu bemerken, schielt sie ab und zu von ihrem Notenblatt in Richtung Altar.

Obwohl sie die meisten Lieder etliche Male gespielt hat, will Maria Feldigl die Noten vor sich stehen haben, zur Sicherheit. Nur die Vorspiele gestaltet sie individuell. Oft spielt sie aber die von Barockkomponist Händel. Maria Feldigl schmunzelt. „Die sind nicht so schwierig wie die von Bach.“ Bei einem ihrer liebsten Lieder macht sie jedoch keine Kompromisse. „,Ich steh an deiner Krippe hier’ muss im Bach-Satz sein“, betont die Organistin. „Das ist einfach der schönste.“ Das bekannte Weihnachtslied will Maria Feldigl heuer an den Festtagen wieder spielen. Ans Aufhören denkt die 89-Jährige nicht. „Ich spiele, solange mich der Herrgott lässt.“ mh

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