Bürgermeister Klaus Heilinglechner, Archivar Simon Kalleder, Stadterhebungsurkunde
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Wichtiges Dokument: Die vom damaligen Innenminister Alfons Goppel unterzeichnete Stadterhebungsurkunde brachten Bürgermeister Klaus Heilinglechner (li.) und Archivar Simon Kalleder (re.) zum Pressegespräch mit. Das Original liegt im Archiv, eine Kopie hängt vor dem Amtszimmer des Rathauschefs.

Mit viel Politprominenz und Händels „Halleluja“

Vor 60 Jahren wurde Wolfratshausen zur Stadt erhoben

  • Volker Ufertinger
    VonVolker Ufertinger
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Heuer jährt sich die Stadterhebung von Wolfratshausen zum 60. Mal. Eine große Feier ist pandemiebedingt nicht möglich. Doch ein Rückblick lohnt in jedem Fall.

Wolfratshausen – Im Jahr 1961 ist viel Zukunftsträchtiges passiert: Die Berliner Mauer wurde gebaut, das ZDF ging auf Sendung, mit Juri Gagarin flog der erste Mensch ins All, und Bundeskanzler Konrad Adenauer holte Gastarbeiter ins Land. Auch für die Geschichte von Wolfratshausen ist das Jahr von besonderem Belang: Am 9. Oktober griff Alfons Goppel – zu diesem Zeitpunkt Innenminister, später wurde er Ministerpräsident – zur Feder und unterschrieb ein Dokument mit einem scheinbar lapidaren, tatsächlich weitreichenden Satz: „Dem Markt Wolfratshausen wird die Bezeichnung Stadt verliehen.“ Der 16-köpfige Stadtrat unter Bürgermeister Peter Finsterwalder sen. hatte einen entsprechenden Antrag einstimmig beschlossen, Landrat Franz Lehmair hatte ihn befürwortet – und der Minister entsprach ihm gerne. Dazu Ort, Datum und eine schwungvolle Unterschrift.

Diese inzwischen eingerahmte Urkunde brachten Bürgermeister Klaus Heilinglechner und Archivar Simon Kalleder zu einem Pressegespräch am Dienstag in den Sitzungssaal des Rathauses mit. Damit erinnerten sie an dieses eminent wichtige Datum der Wolfratshauser Geschichte, das sich heuer zum 60. Mal jährt. Nach Jahrhunderten, in denen die Loisachstadt den Titel eines Marktes geführt hatte, wurde sie nun offiziell zur Stadt erhoben, sprich: aufgewertet. Konkrete Änderungen brachte die Verleihung der Stadtrechte bis auf das Ändern der Briefköpfe nicht mit sich. Sie wurde aber allgemein als Schlusspunkt einer langen und reichen Geschichte empfunden. „Es war genau der richtige Zeitpunkt“, so Heilinglechner. Denn: 1978 verlor Wolfratshausen im Zuge der Gebietsreform seine zentrale Stellung, Kreisstadt war von nun an Bad Tölz. „Danach wäre es nicht mehr möglich gewesen.“

2021: Die Stadt verzichtet auf eine große Feier

50 - 75 - 100: In diesem Rhythmus werden normalerweise Jubiläen begangen. Schon das ist ein Grund, warum die Stadterhebung heuer nicht so groß gefeiert wird wie 2011, als 1000 Teilnehmer samt Gästen aller Partnerstädte durch die Straßen zogen. Hinzu kommt die nach wie vor unsichere Corona-Lage. „Wir verzichten heuer auf ein Festprogramm“, erklärte am Dienstag Bürgermeister Klaus Heilinglechner. Ob die Feierlichkeiten im kommenden Jahr nachgeholt werden, müsse der Stadtrat entscheiden. Ganz vergessen wird das Thema aber nicht. Wie Geschäftsleiterin Kirsten Vogler erklärte, wird die Stadt auf ihrem Instagram-Profil ein Quiz starten. Außerdem plant der Fotoclub, im Boodevaar-Turm eine Ausstellung mit Bildern von 1961 zu zeigen.

Der Urkunde des Ministers vom 9. Oktober 1961 folgte Anfang Dezember ein großer Festakt in der Loisachstadt. Ein ganzes Wochenende stand im Zeichen dieses Ereignisses: Es war volles Programm geboten, wie man heute sagen würde. Samstag, 2. Dezember: 7.30 Weckruf durch die Bläservereinigung. 8 Uhr: Glockenläuten aller Kirchen. 8.30 Uhr: Festgottesdienst. 10 Uhr: Empfang der Ehrengäste im Rathaus. Ab 10.30 Uhr: Festakt im Filmtheater an der Bahnhofstraße. „Das war damals der größte Saal in der Stadt“, erläuterte Kalleder. Dazu ertönte unter anderem Händels „Halleluja“. Wahrhaft großes Kino.

Zur Pressekonferenz hatte Kalleder aus dem Archiv eine Tonaufnahme mitgebracht, etwa fünf Minuten lang, möglicherweise ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks. Es rauscht und kratzt – und dann hört man einen Reporter Fragen stellen, so an Bürgermeister Peter Finsterwalder und an Staatssekretär Heinrich Junker, der seinen Minister vertrat. Auch ihre – bemerkenswert kurzen – Reden sind im Originalwortlaut erhalten. So verweist Finsterwalder darauf, dass die Flößer seit Urzeiten den Namen Wolfratshausens bis nach Wien und Budapest getragen hätten. Dass sich Generationen von Loisachstädtern „als Handwerker bewährt haben“. Und dass der Markt „über Jahrhunderte auf Fleiß und Tüchtigkeit“ gebaut gewesen sei. Junker fügte zum Lob Wolfratshausens an: „Jeder weiß, dass Wolfratshausen keine schlafende, sondern eine schaffende Stadt ist.“ Letzteres ein Zitat, das dem aktuellen Rathauschef ein Lächeln abnötigte. „Das war scheinbar schon damals Thema“, sagte er. „Ich persönlich habe die Debatte noch nie nachvollziehen können.“

O-Töne von 1961: Im Wolfratshauser Archiv existiert ein kurzer Mitschnitt des Festakts von 1961. Es rauscht und kracht - und macht die alten Zeiten schlagartig lebendig.

„Wer sich übrigens in die Umstände der Stadterhebung einarbeiten möchte, findet im Archiv an der Bahnhofstraße reichlich Material. „Wir haben viel“, sagte Kalleder. Dazu gehört neben der Tonaufnahme ein Schuber mit drei Bänden voller historischer Dokumente, angefangen von den Einladungen über die Festreden bis hin zu Absagen von anderen Bürgermeistern – etwa dem von Weilheim, der seine Abwesenheit damit rechtfertigte, ein wichtiges kommunalpolitisches Referat halten zu müssen. Zusammengestellt hat das Material Ulrich Wimmer, damals noch Kaplan, später Stadtpfarrer. Als einer, der viel historisch gearbeitet hat, war er genau der richtige Mann für diese Aufgabe. Ihm war sicher klar, dass hier etwas Wichtiges geschieht.

Peter Finsterwalder sen., Bürgermeister von Wolfratshausen.

Zurück zu den Ereignissen von 1961. Auch unserer Zeitung hat die Bedeutung des Ereignisses erkannt und ausführlich darüber berichtet. Eine große Rolle spielte in den Artikeln Anton Roth, Bürgermeister der Patenstadt Bad Tölz, der im Kino eine launige Ansprache hielt, „wie ein guter Nachbar am Feierabend“. Als er die Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass die Tölzer Löwen 1961 deutscher Eishockeymeister werden, wenn sie „weiterhin so glücklich und gekonnt spielen“, brandete spontaner Applaus auf – offenbar hatten sie schon damals in Wolfratshausen einige Fans. Und der Wunsch sollte tatsächlich in Erfüllung gehen, zum ersten Mal in der Geschichte der Löwen. Roth war es auch, der Bürgermeister Finsterwalder die silberne Amtskette überreichte, die die Rathauschefs seither bei Vereidigungen und sonstigen besonderen Anlässen tragen.

Stadterhebung damals und heute

Wie wird man eigentlich Stadt? „Das ist gesetzlich nicht festgelegt“, erklärte 1961 Staatssekretär Heinrich Junker in seinem Radiobeitrag. Voraussetzung sei, dass die Kommune ein Zentrum bildet, was Siedlung und Kultur betrifft. Auch eine Mindestzahl an Einwohnern sei wichtig (in Wolfratshausen waren es damals 8561). „Wolfratshausen hat sich über den Rahmen eines Marktes hinausentwickelt und braucht eine neue Bezeichnung“, so Junker. Wie es scheint, hat auch heute das Innenministerium Ermessensspielraum. Wie die Pressestelle der Behörde mitteilt, sind folgende Gesichtspunkte maßgeblich: Deutliche Heraushebung aus dem Kreis der übrigen Gemeinden, Einwohnerzahl über 15 000 (Wolfratshausen aktuell: 19091), städtisches Gepräge. Letztlich aber kommt es immer noch auf den Einzelfall an. 

Der Pate stellte in seiner Rede die Gemeinsamkeiten zwischen Tölzern und Wolfratshausern in den Mittelpunkt. So die Tatsache, dass beide am Ufer der Isar leben. „Sie ist ein richtiges Frauenzimmer, von Natur aus launenhaft und gewalttätig, und in ihrem Zorn zum Fürchten“, sagte er. Ein Satz, bei dem sich damals offenbar niemand etwas dachte, dem man ihm aber heute wohl kaum mehr durchgehen ließe. Auch das Bierbrauen vereine beide Städte. „Elf Brauerein in der Loisachmetropole und 22 in Tölz löschten einst auch den Durst der Münchner Kehlen“, erzählte Roth. Außerdem erwähnte er die gemeinsame Liebe zur Heimat, zum Brauchtum, zu den Schützen, zum Gesang und zur Musik. „Und nicht zuletzt zu all dem Gemeinsamen muss ich hier darauf hinweisen, dass Wolfratshausens Erster Bürgermeister ein gebürtige Tölzer ist. Eine engere Verbindung kann man sich kaum denken.“

Der Bürgermeister von Bad Tölz, Anton Roth.

Die Rivalität zwischen beiden Städten handelte der Redner geschickt ab, indem er die Episode vom Tölzer Prügel erzählte. So hätten die Tölzer Flößer den Wolfratshausern einmal als „Spottgeschenk“ einen großen Krautlöffel überreicht. Der Hintergrund: Die Loisachstadt verfügte lange Zeit über wenig Gewerbe, stattdessen wuchs viel Kraut. Daraus entwickelte sich der Tölzer Spruch, ihre Nachbarn würden das „Kraut statt mit der Gabel mit dem Löffel fressen“. Die Wolfratshauser ließen das aber nicht auf sich sitzen und machten einen Gegengeschenk: Den Tölzer Prügel, einer der Triftscheite, die oft isarabwärts an Wolfratshausen vorbeiflossen. Ein ziemlich direkter Hinweis auf die berüchtigte Streit- und Rauflust der Tölzer. Der Krautlöffel aus dem Jahr 1772 hing im Wolfratshauser Heimatmuseum. Wie es scheint, hatte sich Anton Roth einst auf die Suche nach dem Tölzer Prügel gemacht. „Wo er steckt, konnte ich leider nicht mehr feststellen.“

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Auch der damalige Landrat Franz Lehmair kam zu Wort. Seiner Meinung nach war die Verleihung der Stadtrechte auch der verdiente Lohn, dass Wolfratshausen viele Jahrhunderte Sitz des Pfleggerichts war (und damit in vornapoleonischen Zeiten das Zentrum einer Verwaltungseinheit, die bis zum Tegernsee und nach Ismaning reichte). Lehmair ergänzte, dass wie in den übrigen 25 oberbayerischen Landkreisen nun auch der Amtssitz des Landkreises Wolfratshausen eine Stadt sei – die Ausnahme bilden nur noch Berchtesgaden und Garmisch-Partenkirchen. Als Geschenk brachte er einen Wandteppich als Schmuck für den neuen Sitzungssaal im Rathaus mit. Damit waren der Worte erst einmal genug gewechselt.

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Das Festwochenende klang am Sonntag mit einem Fußballspiel aus. Vor 3000 Zuschauern spielte der TSV 1860 München – damals eine große Nummer im deutschen Fußball – gegen den TSV Wolfratshausen. Das Endergebnis lautete 1:7. Der Ball für das Spiel wurde aus einer einmotorigen Maschine der amerikanischen Luftwaffe, die in Bad Tölz gestartet war, abgeworfen. Den Gegentreffer gegen den übermächtigen Gegner aus München erzielt Lothar Graf. Wie unsere Zeitung akribisch mitteilt, verlängerte der Wolfratshauser einen Freistoß mit dem Kopf. Ein schöner Schlusspunkt unter einem großen Wochenende.

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