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Zur Gerechtigkeit verpflichtet: Adelinde Gessert-Pohle, Direktorin des Amtsgerichts, arbeitet seit 1998 in Wolfratshausen. 

Im Gespräch mit Adelinde Gessert-Pohle

So spricht eine Amtsrichterin über das schwierige Thema Gerechtigkeit

  • Franziska Konrad
    vonFranziska Konrad
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Am heutigen Freitag ist der Tag der Gerechtigkeit. Aus diesem Anlass haben wir ein Gespräch mit Adelinde Gessert-Pohle geführt, Direktorin des Amtsgerichts. 

Frau Gessert-Pohle, Sie sind zweifache Mutter. Haben Ihre Kinder je zu Ihnen gesagt: Mami, das ist aber ungerecht?

(lacht) Dauernd. Es gab Phasen, da haben sie morgens gestritten, bis sie das Haus verließen. Da musste man einfach dazwischenfahren. Ich bin mir ganz sicher, dass es da nicht immer ganz gerecht zuging.

Gibt es denn eine einfache Antwort auf die Frage: Was ist Gerechtigkeit?

Nein, ich glaube, die gibt es nicht. Das ist eine Frage, die uns Menschen schon immer umgetrieben hat. Gerechtigkeit hängt damit zusammen, zu regeln, wie Menschen miteinander umgehen sollten. Und ein wesentlicher Aspekt der Gerechtigkeit ist die Gleichbehandlung. Aber: Recht und Gerechtigkeit kann man nicht unbedingt gleichsetzen.

Wie meinen Sie das?

Das Wort Gerechtigkeit kommt in unseren Gesetzen praktisch nicht vor – das Wort Recht schon. Es gibt bestimmte Rechtsgrundsätze, die sind für uns unverrückbar. Sie sind die Basis dessen, woraus Gerechtigkeit entstehen kann. In Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist geregelt, dass die Menschenwürde und die Menschenrechte Grundlage der Gerechtigkeit sind und deshalb die Grundrechte die Gesetzgebung, die Verwaltung und die Rechtsprechung binden. Die Rechtsprechung hat also natürlich die Aufgabe, soweit wie möglich Gerechtigkeit durchzusetzen.

Das stelle ich mir nicht
einfach vor.

Natürlich ist das auch mal etwas schwierig. Was ist Gerechtigkeit? Das hängt sehr stark vom subjektiven Empfinden ab. Und es da jedem Recht zu machen – das ist unmöglich, um es auf den Punkt zu bringen.

Haben Sie ein Beispiel?

Sie kaufen ein Auto. Ein bestimmter Preis ist vereinbart. Doch nach dem Kauf stellen Sie fest: Das Fahrzeug hat einen Mangel. Der Verkäufer bestreitet das. Darüber kann man nun vor Gericht streiten. Gerechtigkeit bedeutet dann, dort den Sachverhalt festzustellen und möglichst richtig zu entschieden. Das ist unsere Aufgabe.

Ist gerecht zu urteilen, eine Herausforderung?

Natürlich. Immer.

Können Sie abschalten, wenn Sie abends nach Hause gehen?

Nicht immer. Manchmal bleibt schon etwas hängen –gerade in den Familiensachen. Und ich erlebe schlaflose Stunden, in denen mir ein Fall nicht aus dem Kopf geht. Dann überlege ich zum Beispiel, wie ich den Fall so löse, dass ich möglichst allen gerecht werde.

Als Richterin sind Sie bei Ihren Entscheidungen an das Gesetz gebunden. Ist da Gerechtigkeit überhaupt immer möglich?

Absolute Gerechtigkeit kann es meiner Meinung nach nicht geben. Gerade im Zivilrecht kann es durchaus vorkommen, dass ein Anspruch besteht, aber der Kläger ihn nicht beweisen kann. In solch einem Fall denkt man sich: Vom Eindruck her würde ich davon ausgehen, dass er Recht hat. Aber rechtlich durchsetzen lässt sich das nicht. Das mag zum Gerechtigkeitsempfinden durchaus im Widerspruch stehen. Aber das ist eine notwendige Folge der Rechtslage.

Manche Menschen beschleicht das Gefühl, dass es in unserer Gesellschaft immer ungerechter zugeht. Was ist Ihr persönlicher Eindruck?

Das kann ich so nicht bestätigen. Ich glaube auch nicht, dass das die Grundstimmung in unserer Gesellschaft ist. Abgesehen davon: Eine vollkommen soziale Gerechtigkeit wird es in unserem Staat nie geben können.

Warum?

Der eine ist erfolgreicher, der andere hat reichere Eltern. Ohne massive Eingriffe in Persönlichkeits- und Freiheitsrechte ließe sich nicht erreichen, dass plötzlich alle das Gleiche bekommen. Aus meiner Sicht wäre das sogar extrem ungerecht. Man kann nicht alle Menschen gleichstellen. Wir sind einfach unterschiedlich. Das muss sich auch irgendwie auswirken.

Was bedeutet Ihnen ganz persönlich Gerechtigkeit?

Ohne Ansehen der Person zu urteilen und nur der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu dienen, ist Bestandteil meines Amtseids, den ich abgelegt habe. Diese Worte habe ich nie vergessen. Das ist für mich die Grundlage meines gesamten Handelns, in jedem Bereich.

Gibt es etwas, das Sie
ungerecht finden?

(überlegt kurz) Da fällt mir auf Anhieb nichts ein. Wir leben zum Glück in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat, in dem man sehr viel ansprechen und durch Kommunikation lösen kann. Es kann zwar sein, dass ich mal das Gefühl habe, da wird mir jetzt Unrecht getan. Aber ich finde, das muss jeder einmal verkraften.

Weshalb?

Weil Gerechtigkeit subjektiv wahrgenommen wird. Es muss akzeptiert werden, dass einem vielleicht die eine oder andere Entscheidung nicht gefällt. Denn: Wenn jeder sein Recht selbst in die Hand nehmen würde, dann wäre das katastrophal. Die Folge wäre ja dann: „Ich habe den Eindruck, mir wird gerade Unrecht getan. Dagegen muss ich mich wehren. Deswegen darf ich dem anderen ins Gesicht schlagen oder ihn umbringen.“ Da würde sich nur das „Recht“ des Stärkeren durchsetzen.

Hat sich das Rechtsempfinden in der Bevölkerung geändert?

Ich habe schon den Eindruck, dass die Menschen wesentlich selbstbewusster sind, mehr als früher ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen. Und versuchen, diese mit allen Mitteln durchzusetzen.

Woher kommt die Veränderung?

Ich bin davon überzeugt, dass die sozialen Medien und moderne Kommunikationsmittel hier eine große Rolle spielen. Da gibt es einen ganz anderen Verbreitungsgrad als früher. Wenn man sich früher zum Beispiel über eine Entscheidung oder die Art der Sachbehandlung beschweren wollte, war das umständlicher. Man musste sich hinsetzen, etwas schreiben, den Brief zur Post bringen. Heute postet man seine Meinung einfach im Netz oder versendet E-Mails.

Was braucht es für eine gerechte Welt?

Die Einhaltung der „Goldenen Regel“: Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.

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