Walserhof Geltinger Straße
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Ort des Geschehens: Am Walserhof wurden einige hundert Zwangsarbeiterinnen der Agfa-Werke am 30. April 1945 von den Amerikanern befreit. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Landwirt Walser.

Pfarrer Ulrich Wimmer hat einen Bericht verfasst

So dramatisch verlief die Befreiung der Agfa-Frauen am Walserhof

  • Volker Ufertinger
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Am Walserhof sind am Kriegsende viele hundert Zwangsarbeiterinnen befreit worden. Wie dramatisch es damals zuging, hat Pfarrer Ulrich Wimmer in einem Artikel dargestellt.

Wolfratshausen – Am Walserhof an der Geltinger Straße sind in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiterinnen der Giesinger Agfa-Werke befreit worden. Sie waren wie alle KZ-Häftlinge – Agfa war ein Außenlager des KZ Dachau, dort wurden Bomben für den Luftkrieg gefertigt – von den Nazis vor den anrückenden Amerikanern evakuiert und in Richtung Süden getrieben worden. Es waren dramatischer Stunden voller Hoffnung auf die baldige Freiheit und der Angst, den fanatischen Nazis doch noch zum Opfer zu fallen.

Was passierte damals am Walserhof? Darüber hat der langjährige Wolfratshauser Stadtpfarrer Ulrich Wimmer, der 2014 in seiner Heimat Schnaitsee bei Traunstein im Alter von 89 Jahren verstarb, unserer Zeitung im Rahmen der Serie „Dem Ende entgegen“ 1965, also 20 Jahre nach den dramatischen Ereignissen, berichtet. Offenbar hat er noch vielen Zeitzeugen sprechen können. „Pfarrer Wimmer war ein Pionier der Erforschung des Kriegsendes“, sagt der Wolfratshauser Ortshistoriker und Kulturpreisträger Christian Steeb. „Es ist schade, dass er kaum mehr erwähnt wird.“ Die Serien jedenfalls ist ein einzigartiges historisches Dokument. Für die Vorgänge am Walserhof von Belang sind die Folgen vom 6., 14. und 15. Juli 1965.

Pfarrer Ulrich Wimmer war ein Pionier bei der Erforschung des Kriegsendes. Er hat die Vorgänge am Walserhof genau dokumentiert.

Nach den Recherchen des katholischen Geistlichen tauchten am Sonntag, 29. April 1945, gegen ein Uhr Mittags eine Abteilung der SS am Walserhof auf, um anzukündigen, dass demnächst eine Gruppe von Häftlingen ankommt, für die umgehend Platz zu schaffen sei. Das war eine Untertreibung. Denn zwischen zwei und drei Uhr erreichten sage und schreibe 560 Personen den Hof. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich: „Es waren nur weibliche Häftlinge, und zwar ausschließlich politischer Natur“, so Wimmer. „Trotz ihrer entwürdigenden Behandlung merkte man doch ihrer höhere soziale Herkunft und Stellung in ihrem früheren zivilen Leben an.“ Die Frauen stammen aus besetzten Gebieten, wo sie Widerstand geleistet hatten, vor allem aus Holland. Viele von ihnen hatten Juden versteckt.

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Die Ankunft der Frauen – ihre Häftlingskleidung hatte am Rücken einen aufgenähten, senkrechten Streifen – blieb im Ort nicht unbemerkt. Einige von ihnen waren mittags in die Pfarrkirche gestürzt und hatten sich „weinend und schluchzend auf den Boden geworfen und vielfach laut aufgeschrien vor körperlicher und seelischer Not.“ Auch die Amerikaner bemerkten die Anwesenheit der Frauen, denn sie schwenkten weiße Taschentücher, wenn etwa 100 Meter über der Loisachstadt die Luftaufklärer kreisten. Offenbar war ihnen nicht klar, wie gefährlich dies sein konnte. Die fanatischen SS-Schergen waren zu allem entschlossen.

In dieser Situation übernahm der Landwirt Walser ohne zu zögern die Verantwortung. Er überredete die Wachmannschaft in seiner „menschlich gewinnenden Art“, den geplanten Weitermarsch am nächsten Tag aufzugeben. Außerdem ließ er von einem französischen Kriegsgefangenen, zu dem er ein gutes Verhältnis hatte, die Tenne mit Stroh auslegen, damit die Frauen sich ausruhen konnte. Schließlich ging Walser ins Lager Föhrenwald, um dort vom Lagerleiter namens Ertl zwei Schweine zu erbitten. Dort gab es nach Angaben Wimmers eine eigene Schweinemästerei. Da einige der Frauen Gattinnen von Metzgermeistern waren, stellte die Zubereitung kein Problem dar. Allerdings vertrugen sie ein solches Mahl nicht mehr, vielen wurde schlecht.

Der nächste Tag – Montag, 30. April – brachte dann die Befreiung. Sofort nach der Ankunft der Amerikaner am Montagabend rückte ein fünfköpfiges US-Wachkommando ein und nahm Quartier in der Bauernstube des Wohnhauses. So sollte auch die Sicherheit der Familie Walser gewährleistet werden. Der Leiter des KZ-Außenlagers, Kurt Stirnweis, hatte nicht Reißaus genommen, sondern war bei den Häftlingen geblieben. „Da er sich wegen seines korrekten Verhaltens nichts hatte zuschulden kommen lassen, nahmen ihn die Häftlinge sogar in Schutz, vor allem die Holländerinnnen“, schreibt Wimmer.

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Nun drängten die Agfa-Frauen zurück in die Heimat – zumeist über das Lager Föhrenwald, das die Amerikaner als Sammelstelle für DPs (= Displaced Persons) nutzten. Laut Wimmer machten sich die Russinnen und Jugoslawinnen noch am Montagabend auf den Weg. Eine Woche später folgten die etwa 140 Holländerinnen. Danach stellten die Amerikaner ihre regelmäßigen Patrouillengänge ein, und der Landwirt blieb mit einer ähnlichen Anzahl an Polinnen zurück. „Sie waren viel schwieriger zu behandeln als die Holländerinnen, die Walser viel aufrichtiger vorkamen“, berichtet Wimmer. Angeblich setzen sie auch durch, das Stirnweis doch noch verhaftet wurde. Er kam ins Internierungslager nach Moosburg.

Nach vier Wochen siedelten auch die Polinnen nach Föhrenwald über. „Damit begann für die Familie Walser wieder eine ruhigere Zeit am Hof“, so Wimmer. Der Kontakt hielt, nicht nur zu den französischen Zwangsarbeitern, sondern auch zu einigen Holländerinnen. Wimmer berichtet von mehreren hundert Briefen, die sich im Besitz der Familie Walser befinden. Darunter auch der Dankesbrief des Bischofs von Roermond, einer Stadt in der niederländischen Provinz Limburg. Denn was Walser geleistet hatte, war alles andere als selbstverständlich.

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