Versicherungskaufmann Martin Eder in seinem Büro.
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Martin Eder hilft Wirten bei der Bewältigung der Corona-Krise

Klageflut der Gastronomen

Solidarität im Lockdown: Versicherung hilft Wirten in der Krise - als einzige in Bayern

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Wirte aus ganz Bayern verklagen ihre Versicherung, weil die im Lockdown nicht zahlt. Es droht ein Verhandlungsmarathon. Ein Versicherer geht einen anderen Weg.

Wolfratshausen – Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die Gastronomiebetriebe in Bayern bereits zweimal schließen. Nun streiten zahlreiche Wirte – auch aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen – wie berichtet mit dem Allianz-Konzern. Der Zankapfel ist die sogenannte Betriebsschließungsversicherung. Der Versicherungskaufmann Martin Eder, Leiter der Agentur des Münchener Vereins in Wolfratshausen, nimmt kein Blatt vor den Mund.

Er bezeichnet das Verhalten des Wettbewerbers Allianz als „sehr fragwürdig“ und betont, dass der Münchener Verein gänzlich anders auf die Hilferufe der Gastronomie und der Lebensmittelbranche reagiert habe. Laut Eder „in der Form als einzige Versicherung in ganz Bayern“.

Die Betriebsschließungsversicherung, die in der Gastronomie und für Firmen, die Lebensmittel verarbeiten, üblich ist, tritt in Kraft, wenn Behörden einen einzelnen Betrieb dicht machen, um die Ausbreitung meldepflichtiger Krankheiten zu verhindern. In den Allianz-Verträgen ist fixiert: „Die Versicherung bietet Entschädigung, wenn die zuständige Behörde aufgrund des Infektionsschutzgesetzes bei Auftreten einer meldepflichtigen Krankheit oder Krankheitserregern zur Verhinderung der Verbreitung von meldepflichtigen Krankheiten oder Krankheitserregern den versicherten Betrieb schließt.“

Doch die Wirte stecken in einem fatalen Dilemma: Bei Abschluss der Verträge war Covid-19 nicht bekannt und geschlossen wurde per Allgemeinverfügung der bayerischen Staatsregierung nicht etwa ein einzelner Betrieb, sondern alle Gasthäuser im Freistaat. Somit greife die Betriebsschließungsversicherung nicht, stellt die Allianz fest – und weigert sich zu zahlen. Ob das rechtens ist, klärt derzeit zum Beispiel als erste Instanz das Landgericht München II.

Das Grundprinzip einer Versicherung heißt Solidarität.“

Martin Eder

Für Eder und den Münchener Verein ist das Ganze weniger eine Frage des Rechts als eine Frage der Verantwortung gegenüber den Versicherungsnehmern. „Das Grundprinzip einer Versicherung heißt Solidarität“, sagt der 40-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Vereinfacht formuliert: Viele zahlen in einen Topf, um im Falle des Falles dem in Not geratenen gemeinsam helfen zu können.

Im konkreten Fall habe sich der Münchener Verein, der deutschlandweit 700 000 Versicherungsverträge unterschiedlicher Natur verwaltet, dazu entschlossen, Kulanz an den Tag zu legen. Das heißt: „Wir haben schon beim ersten Lockdown im März vergangenen Jahres das Coronavirus gedanklich zu den meldepflichtigen Krankheitserregern hinzugefügt.“ Und: Die Allgemeinverfügung habe man so interpretiert, dass jeder Betrieb einzeln geschlossen worden sei. Die Folge: 100 Prozent Schutz für die Versicherungsnehmer, sofortige Auszahlung des Versicherungshöchstsatzes – „als nach wie vor einziger Versicherer in Bayern“, wie der Wolfratshauser betont. Dass die Allianz ihren Versicherten dagegen nur 15 Prozent der vereinbarten Höchstsumme anbietet, will der 40-Jährige nicht kommentieren. Nur so viel: „Ich würde jedem dringend davon abraten, diese Summe zu akzeptieren.“   

Die Entscheidung kostet den Münchener Verein viele Millionen Euro

Die Vorstandsentscheidung kostet den Münchener Verein viele Millionen Euro, sagt Eder, der für den Geschäftsbereich des Unternehmens zwischen München und Garmisch-Partenkirchen verantwortlich ist. Warum ist man so großzügig? „Wir wollen, dass die von den Folgen der Corona-Pandemie schwer gebeutelte Branche die Krise wirtschaftlich überlebt.“ Nicht ohne Eigennutz, versteht sich: „Wir wollen doch auch morgen und übermorgen noch Kunden haben“, so der 40-Jährige. „Deswegen können wir sie jetzt, in dieser Krise, nicht hängen lassen.“

Allerdings gilt die Kulanzregel nur für Bestandskunden, räumt der Versicherungskaufmann ein. Zwar werde das Coronavirus in Neuverträgen nun explizit erwähnt, doch künftig gelte: Die Betriebsschließungsversicherung greife nur, wenn der Betrieb des Versicherungsnehmers geschlossen wird. Ordnen Behörden, der Freistaat oder der Bund flächendeckende Zwangspausen für ganze Branchen an, sind der Gastwirt und der Bäckermeister dagegen nicht versichert. Eder gibt in diesem Kontext jedoch zu bedenken: Die Neuausrichtung sei der Tatsache geschuldet, „dass die Rückversicherer nicht mehr mitspielen“. cce

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