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Der Tod faszinierte sie schon als kleines Mädchen: Heute begleitet Tara Carroll, 24, Menschen auf ihrem letzten Weg.

24-Jährige arbeitet als Bestatterin 

Sterben ist für Tara Carroll Alltag: Schon als Mädchen interessierte sie der Tod

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Wenn der Tod das Leben füllt: Sterben ist für Tara Carroll Alltag. Die 24-Jährige arbeitet als Bestatterin. Sie begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg. 

Wolfratshausen/Frieding – Sanftes Licht fällt durch das Vordach der Leichenhalle auf dem Friedhof in Wolfratshausen-Nantwein. Tara Carroll stellt die Urne aus hellem Holz auf das Tischchen darunter, das mit glänzend rotem Samtstoff verhüllt ist. Zwei bunte Blumenkränze liegen davor. Die junge Frau geht in die Hocke, um die cremefarbenen Seidenbänder glatt zu streichen, auf denen Angehörige einen letzten Gruß hinterlassen haben. Behutsam, aberjeder Handgriff sitzt. Sie läuft den Mittelgang zwischen den Klappstühlen nach hinten. Zwischen dem vielen Grün und den blühenden Blumen wirkt sie in ihrem schlichten Outfit aus schwarzer Hose, weißer Bluse und schwarzerWeste fast wie ein Fremdkörper. Am Ende des Gangs kneift sie die Augen zusammen, legt den Kopf zur Seite und nickt. „Würde mir das gefallen, wenn es jemand aus meiner Familie wäre?“ Diese Frage stellt sie sich jedes Mal, wenn sie eine Trauerfeier gestaltet. 

Tara Carroll, 24, aus Frieding im Kreis Starnberg ist ausgebildete Bestattungsfachkraft. Jeden Tag steht sie zwischen Leben und Tod. Schicksalsschläge und Verluste, die jeden Menschen ein Leben lang begleiten, sind für sie Alltag. Mit ihrer Berufswahl stößt sie nicht selten auf Verwunderung. Tara Carroll kennt das Klischee. „Männlich, bärtig, alt. Ein richtiger Boandlkramer. So stellen sich die meisten einen Bestatter vor“, sagt sie und grinst. Sie ist das Gegenbild, die neue Generation. Weiblich, jung, brauner Pferdeschwanz, zwei Ohrlöcher auf jeder Seite. Mit älteren Berufskollegen hat sie wohl nur die schwarz-weiße Dienstkleidung gemeinsam. 

Die schlichte Farbwahl kommt Tara Carroll sehr entgegen. „Ich habe einfach kein modisches Verständnis“, sagt sie lachend. „In meinem Schrank gibt es eh nur schwarz, weiß und grau.“ Natürlich hat sie sich nicht wegen des Dresscodes für ihren Beruf entschieden. Eigentlich wollte sie Maskenbildnerin werden. „Aber die Ausbildung hat mir zu lange gedauert. Ich wollte früh auf eigenen Beinen stehen.“Eine Schulfreundin hat sie auf den Beruf des Bestatters gebracht. Ein Praktikum bestärkte sie, 2012 begann Tara Carroll ihre Ausbildung beim Bestattungsunternehmen Zirngibl. „Für meine Mutter war es von vornherein klar, dass ich das mache.“ Der Tod fasziniert sie schon immer. „Als kleines Mädchen habe ich meinen Onkel immer gedrängt, mit mir in die Kirche zu gehen, um die aufgebahrten Skelette der Heiligen anzuschauen.“ Außerdem will Tara Carroll nicht den ganzen Tag vor dem PC sitzen, sondern auch körperlich arbeiten. 

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Während der Ausbildung hat die zierliche Frau gelernt, mit dem Bagger Gräber auszuheben und von Hand zu graben. „Ab und zu muss man sich auch richtig dreckig machen“, sagt sie. Heute weiß sie, wie man einen Leichnam von Kopf bis Fuß desinfiziert und Gesichter schminkt, die durch Unfälle oder den natürlichen Verwesungsprozess entstellt sind. Chirurgische Handgriffe sitzen ebenfalls. Tara Carroll kann die groben Nähte der Gerichtsmediziner auftrennen, feiner vernähen und fast unsichtbar machen. Das Bild, das der Verstorbene hinterlässt, begleitet die Angehörigen meist ihr Leben lang. Es ist entscheidend für die Trauerbewältigung. 

Tote Menschen atmen nicht mehr, bewegen sich nicht mehr. Sie liegen friedlich im Sarg, wie schlafend. Von der Außenwelt verborgen, laufen biochemische Prozesse ab, die den meisten fremd sind. Tara Carroll dagegen weiß, was dort passiert. Wenn der leblose Körper verwest, entsteht Flüssigkeit, die intensiv riecht. Für sie ist das mittlerweile kein Problem mehr. „Klar, am Anfang tat ich mich schon schwer mit dem Geruch“, gibt sie zu. „Aber da muss man halt durch. Ich atme bewusst drei Mal tief ein, dann geht’s.“ 

„Es kann so schnell vorbei sein. Ich schätze jeden Moment“

Außer ihr soll davon aber niemand etwas mitbekommen. Jeder Sarg wird mit Ölpapier ausgelegt, um zu vermeiden, dass Körperflüssigkeit nach außen dringt. Nicht nur aus Pietät, sondern auch deshalb wird der Leichnam auf Laken und Kissen gebettet. Weißer, glänzender Satinstoff mit Rüschen wird nur noch selten verwendet. „Immer mehr Angehörige legen Wert auf biologisch gut abbaubare Produkte“, erklärt Tara Carroll. Doch obwohl sie das zunehmende Umweltbewusstsein gut findet, würde sie nie jemanden von ihren Vorstellungen überzeugen. „Eine Beerdigung ist absolut individuell. Das soll jeder machen, wie er möchte.“ Ihr ist es wichtig, dass vom Sarg über die Dekoration bis zum Sterbebild alles zum Verstorbenen passt und die Familie damit zufrieden ist. Deshalb gefallen ihr Trauerfeiern wie an diesem Tag auf dem Friedhof in Nantwein am besten. Während sie in der Nähe der Aussegnungshalle steht, hört sie aufmerksam zu und betrachtet die Urne, die die Familie selbst hat anfertigen lassen. Ein Foto, eine Tasse, Blumen in zartem Rosa und leuchtendem Orange. Nicht nur der Pfarrer spricht über den Verstorbenen, auch Familienmitglieder und Freunde erzählen von seiner Lieblingstasse und der Vorliebe für kräftige Farben. 

„,Wie ist es denn üblich?’ werde ich oft gefragt“, sagt Tara Carroll. „Dabei sollten sich die Leute viel eher selbst fragen, was ihnen am besten gefällt.“ Ihr ist es wichtig, Persönlichkeit herauszuarbeiten. Ihr Beruf hat sie schnell gelehrt, mehr auf sich selbst zu achten und intensiver zu leben. Gerade wenn sie Unfalltote vom Krankenhaus ins Bestattungsinstitut überführen muss, wird ihr einmal mehr bewusst, dass das Leben endlich ist. Kleinigkeiten stressen sie nicht mehr. „Es kann so schnell vorbei sein. Ich schätze jeden Moment.“ 

Blumen und Andenken: Die Urnenwand ist farbenfroh gestaltet.

Dass Sterben in der Gesellschaft ein solches Tabuthema ist,findet sie schade. „Man muss realistisch sein. Der Tod betrifft uns alle.“ Solche rationalen Gedanken hat sie freilich nicht schon immer. Gerade zu Beginn ihrer Ausbildung hat sie viel von ihrem Beruf mit nach Hause genommen, über die eigene Existenz gegrübelt, schlecht geschlafen. „Ich musste lernen, den Arbeitstag abzuschließen und mit den Kollegen über das, was mich bewegt, zu sprechen.“ Heute gehört der Tod zu ihrem Leben. Trotzdem gibt es nach wie vor Trauerfeiern, die auch sie zu Tränen rühren. „Klar versuche ich das zu vermeiden. Aber ich bin auch nur ein Mensch.“ 

„Ich finde den Gedanken schön, zur Natur zurückzugehen“

Gläubig ist Tara Carroll nicht. Ein Vorteil für ihren Beruf, findet sie. Egal, ob die Kunden pragmatisch und locker, streng religiös oder sehr esoterisch sind. „Ich bin offen für alles und kann auf jeden eingehen.“ Im Endeffekt sind im Sterben alle gleich. „Niemand weiß, was danach kommt.“ Auch daher rührt ihre Faszination. „Wir Menschen wollen alles erforschen. Der Tod ist eines der letzten großen Geheimnisse.“ Diese endgültige Ungewissheit macht ihn allerdings auch zu einer großen Last. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, den erdrückt die Trauer oft fast. Tara Carroll hilft, diese Last zu tragen. In den Beratungsgesprächen im Sterbefall erklärt sie den Angehörigen: „Ich gehe diesen letzten Weg mit Ihnen gemeinsam. So viel Sie mir geben möchten, nehme ich Ihnen ab.“ Das ist nicht nur im übertragenen Sinn gemeint, sondern auch im wörtlichen. Die Bestattungsfachkraft kümmert sich um sämtliche Formalitäten, die Versorgung des Verstorbenen, die Gestaltung der Trauerfeier, die Verwaltung des digitalen Nachlasses. 

Und wenn es die Angehörigen wie bei der Trauerfeier auf dem Friedhof in Wolfratshausen-Nantwein wünschen, trägt sie auch die Urne bis zu ihrer letzten Ruhestätte. Nach den Reden der Angehörigen verlässt Tara Carroll ihren Platz in der Nähe der Aussegnungshalle. Sie tritt vor das farbenfroh geschmückte Tischchen und verbeugt sich vor der Urne. Mit ruhigen Schritten geleitet sie die Trauergemeinde zum Grab, das hölzerne Gefäß in beiden Händen. Dort angekommen wartet sie, bis die Angehörigen um sie herum versammelt sind. Sie kniet sich zu Boden und lässt die Urne an den im Inneren festgemachten Versenkbändchen in das Erdloch hinab. Eine knappe Verbeugung, und sie verschwindet wieder im Hintergrund. Die Trauernden können sich in Ruhe verabschieden. 

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Auf dem Weg zurück zur Aussegnungshalle schweift ihr Blick über die Grabreihen. Nicht nur, weil es zu ihrem Beruf gehört, geht Tara Carroll gern auf Friedhöfe. Sie mag es, sich kreativ gestaltete Gräber und besondere Gedenksteine anzusehen. „Für mich ist das Kunst.“ Dabei stellt sie sich auch ihre eigene Bestattung vor. „Ich finde den Gedanken schön, zur Natur zurückzugehen.“ Sie möchte eine Feuerbestattung, die Asche soll verstreut werden, in der Nähe eines Waldes. Angst vor dem Tod hat Tara Carroll nicht. Sonst müsste sie auch Angst vor ihrem Leben haben. mh

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