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Der Wolfratshauser Märchenwald hat unzählige Kinder glücklich gemacht. 

Das Herz machte nicht mehr mit

Wolfratshausen trauert um die Märchenwald-Gründerin

  • vonWolfgang Tutsch
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Am 1. April 1968 eröffnete der Wolfratshauser Märchenwald. Jetzt ist seine Gründerin, Annemarie Diessl, im Alter von 80 Jahren verstorben. 

WolfratshausenMit dem Namen Diessl verbindet man in Wolfratshausen seit mehr als einem halben Jahrhundert den Freizeitpark Märchenwald im Stadtteil Farchet. Nun herrscht große Trauer, Seniorchefin Annemarie Diessl ist im Alter von 80 Jahren verstorben.

Annemarie Diessl ist im Alter von80 Jahren verstorben. 

Das Leben der am 18. Dezember 1939 in Sachsen-Anhalt geborenen Unternehmerin verlief zunächst nicht ganz problemfrei. Ihre Eltern wurden von der damaligen DDR-Regierung gezwungen, ihren Schaustellerberuf aufzugeben. Die Eggerts eröffneten daraufhin in Wittenberg ein Eiscafé mit eigener Eisproduktion. Das Geschäft litt aber bald unter Lieferengpässen aufgrund der sozialistischen Planwirtschaft. Tochter Annemarie erwies sich trotz der widrigen Rahmenbedingungen früh als „Powerfrau“. Sie machte bereits in den 1950er-Jahren den Motorradführerschein und absolvierte eine Ausbildung zur Diplom-Kosmetikerin.

1960 folgte eine riskante, aber zukunftsträchtige Entscheidung: Eggerts flüchteten aus der DDR über West-Berlin in die Bundesrepublik. Mit dabei: Tochter Annemarie und ihr damaliger Verlobter Siegfried Diessl, den sie 1961 heiratete. Den wirtschaftlichen Neuanfang im Westen markierte die Eröffnung eines Eiscafés in Öhringen (Baden-Württemberg). Als sich den Eggerts in der Folge die Chance bot, eine Bananenreiferei zu übernehmen, griff die Familie beherzt zu und baute das Unternehmen sukzessive zu einem großen Südfrüchte-Import aus.

Café mit eigener Speiseeisherstellung 

Von dem unternehmerischen Handeln und der Weitsicht der Eltern inspiriert, zeichneten auch Tochter Annemarie Ideenreichtum, Schaffenskraft, Fleiß, Willensstärke und Mut aus. Schließlich wollten Siegfried und Annemarie Diessl etwas Eigenes aufbauen und planten die Gründung eines Märchenwalds. Auf der Suche nach einem passenden Standort entschieden sie sich schließlich für das damalige Föhrenwäldchen mitten in Farchet: durch S-Bahn, Bundesstraße und Autobahn für anreisende Besucher gut erreichbar. 1967 verlegte das Ehepaar seinen Wohnsitz in die Loisachstadt, am 1. April 1968 öffnete der Märchenwald offiziell seine Pforten. Daneben entstand ein Café mit eigener Speiseeisherstellung. Bis zum Bau der Loisachhalle war dieses Café das größte Lokal in der Stadt Wolfratshausen – und daher beliebter Veranstaltungsort für Bürgerversammlungen oder Faschingsbälle.

Sich auf dem Erreichten auszuruhen, lag dem Ehepaar Diessl fern: Jahr für Jahr wurde im Freizeitpark Märchenwald aufwendig renoviert, stets kamen neue Attraktionen hinzu. Der ansteckende Elan von Annemarie Diessl beflügelte die ganze Familie, und so wurde mutig das nächste Vorhaben realisiert: 1989 eröffnete das Hotel am Märchenwald. Zwei Jahre später stieg Sohn Daniel ins elterliche Unternehmen ein, und mit ihm trieben Annemarie und Siegfried Diessl die Weiterentwicklung des Freizeitparks voran. 2009 zogen sich die zwei aus dem Geschäft zurück.

Das Kinderlachen fehlt ihr in letzter Zeit sehr

Bis zum Schluss konnte sich Annemarie Diessl auf ihrem Balkon über das vielstimmige Kinderlachen aus dem Freizeitpark herzlich freuen, hatte aber auch Zeit für ihre Hobbys. Sie kochte gern, liebte es, bei Schiffsreisen mit ihrem Mann die Welt kennenzulernen, und die Freiheit als Pensionärin ließ ihr endlich auch im Sommer Zeit zum Reisen. Ein Wohnmobil wurde angeschafft. Eine Zäsur brachte erst das Jahr 2017: Siegfried Diessl starb.

Seit einiger Zeit machte Annemarie Diessl ihr Herz zu schaffen, berichten ihre Söhne. Zudem vermisste sie das Kinderlachen, seit der Märchenwald aufgrund der Corona-Pandemie schließen musste. Erst vor wenigen Tagen nahm der Freizeitpark seinen Betrieb wieder auf – Annemarie Diessl war glücklich. Doch schließlich versagte ihr Herz seinen Dienst. Die Seniorchefin des Märchenwalds hinterlässt zwei Söhne (Siegbert, 55, und Daniel, 45) sowie zwei Enkel und einen Urenkel. 

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