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Hilfe für Geflüchtete: Traumatherapeut entwickelt besonderes Programm

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Von: Susanne Weiß

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Gutes Miteinander: Die Mentoren und Teilnehmer unternehmen auch Ausflüge, etwa zum Kloster Beuerberg.
Gutes Miteinander: Die Mentoren und Teilnehmer unternehmen auch Ausflüge, etwa zum Kloster Beuerberg. © TRIGG

„Trigg“ hilft Geflüchteten, mit ihrem Trauma zu leben. Es ist eine Intensiv-Gruppe, das in dieser Form einmalig sein dürfte, aber das soll sich ändern.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Für Geflüchtete im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es ein Programm, das in dieser Form einmalig sein dürfte, aber nicht einmalig bleiben soll. Es heißt Trigg, ein Akronym von „Traumapädagogische Intensiv-Gruppe für traumatisierte Geflüchtete“. Kürzlich ist die Förderung ausgelaufen, die Trigg über die Caritas Bad Tölz-Wolfratshausen von der Organisation Aktion Mensch bekommen hat. Deswegen stellen Traumatherapeut Ulrich Floßdorf und sein Team, zu dem unter anderem Assistent Laurin Schulte gehört, das Programm breiter auf.

Angefangen hat Floßdorf 2018 mit einer Gruppe für Afghanen in Wolfratshausen. Heute steht sie Geflüchteten aller Nationalitäten im Landkreis offen und trifft sich jede Woche im alten Pumpenhaus, das der Verein Bürger für Bürger zur Verfügung stellt. Alle zwei Wochen gibt es zudem eine Gruppe für Frauen und ihre Kinder im Jugendzentrum Saftladen in Geretsried.

Etwa die Hälfte der Geflüchteten braucht psychosoziale Hilfe

Was die Menschen in der Gruppe eint: Sie alle sind traumatisiert. „Die traumatischen Erfahrungen sind ganz unterschiedlich“, erklärt Schulte, der derzeit Politikwissenschaft studiert. Bei Menschen aus Afghanistan oder Syrien seien es meist kriegsbedingte Erlebnisse. Bei anderen seien unter anderem Gewalt in der Familie und Bedrohung durch Gangs oder aufgrund von Homosexualität Themen. Und unterm Strich: „Jede Flucht ist traumatisch.“ Manche finden alleine einen gesunden Weg, mit den Erinnerungen zurechtzukommen. „Von einem weiß ich, der gesungen und dadurch keine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hat“, berichtet Schulte. Statistiken zufolge würde aber die Hälfte der Geflüchteten psychosoziale Hilfe benötigen. Doch Therapeuten im Großraum München sind bekanntlich mehr als ausgelastet.

Hinter dem Programm Trigg stehen Traumatherapeut Ulrich Floßdorf (re.) und Assistent Laurin Schulte.
Hinter dem Programm Trigg stehen Traumatherapeut Ulrich Floßdorf (re.) und Assistent Laurin Schulte. © TRIGG

Auf dieses Problem wurde Floßdorf durch den Wolfratshauser Helferkreis aufmerksam. Als Traumatherapeut hatte er bereits Erfahrung in der Gruppenarbeit mit jungen Menschen. Warum sollte das nicht auch Geflüchteten helfen? „Ich habe ausprobiert, was funktioniert und was nicht“, berichtet Floßdorf. In der Gruppe über die Traumata sprechen zum Beispiel ging nicht. „Ich habe festgestellt, dass die Berichte die anderen Teilnehmer triggern.“ Solche Gespräche gehen nur in Einzelsitzungen.

Aus dem Notfallkoffer hilft jedem traumatisierten Geflüchteten etwas anderes

In der Gruppenstunde schätzen die Teilnehmer, aktuell etwa 17 Männer und sieben Frauen, auf einer Skala von null bis zehn ein, wie es ihnen geht. Mit etwas Gymnastik bringen alle ihren Körper in Aktivität. „Die meisten dürfen nicht arbeiten und daddeln die meiste Zeit mit ihren Handys in den Camps“, erläutert Schulte. Im Anschluss lernen die Teilnehmer Stabilisierungsübungen kennen. „Wenn ein Flashback kommt, macht man etwas, wofür man die volle Konzentration braucht“, so der Assistent. Es gebe einen ganzen Notfallkoffer, jedem helfe etwas anderes. In den Gruppenstunden gibt es auch angeleitete Meditationen und die Teilnehmer diskutieren über Themen wie Integration, Kultur oder Heimat.

Trigg hatte schon Teilnehmer – die meisten bleiben zwischen einem halben bis zu zwei Jahren in der Gruppe –, die mehrere Suizidversuche hinter sich gehabt haben. „Da dachte ich, es ist unmöglich, ihnen zu helfen“, sagt Schulte. Aber manche von ihnen berichten heute von Erfolgen, etwa dem Führerschein oder der abgeschlossenen Ausbildung. „Das ist schon cool“, sagt der Student. Es läuft aber nicht immer so. „Wir mussten auch schon suizidgefährdete Teilnehmer einweisen“, macht Floßdorf deutlich. Er wird von der Polizei hinzugerufen, wenn eine Situation in einer Unterkunft eskaliert. Positiv daran: „Wir haben einen guten Draht zu den Inspektionen in Geretsried und Wolfratshausen. Wir sind eine Schnittstelle geworden, weil die Geflüchteten Vertrauen zu uns haben.“

Trigg könnte auch an anderen Orten funktionieren

Trigg ersetzt keine Therapie, betont Floßdorf. „Wir machen Traumapädagogik.“ Sein Assistent erklärt es mit einem Bild: „Wenn das Trauma ein Pool mit Wasser ist, bringen wir den Teilnehmern das Schwimmen bei“, sagt Schulte. Das mache man auch in einer Therapie, aber dann gehe es daran, unterzutauchen und den Stöpsel zu ziehen, also das Trauma aufzuarbeiten. „Wir stabilisieren, damit die Teilnehmer Deutsch lernen und eine Ausbildung machen können.“

In den Gruppenstunden sind neben dem Experten auch immer ehrenamtliche Helfer dabei, die die Geflüchteten bei der Integration unterstützen und übersetzen. Nach einer gewissen Zeit können sie Mentoren werden. Floßdorf und sein Team haben dazu ein Ausbildungsprogramm entwickelt, das sie langfristig anderen zugänglich machen wollen. Dazu haben sie die gemeinnützige GmbH HelperNet gegründet. „Wir haben etwas, das in der Praxis funktioniert. Jetzt müssen wir es in eine Theorie übersetzen“, erklärt Schulte. Dann könnte Trigg nicht nur Geflüchteten im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen helfen, sondern in ganz Deutschland oder sogar auf der ganzen Welt.

Info

Trigg kann man durch Spenden unterstützen, Homepage: www.trigg.de. Noch bis 1. Juni läuft eine Crowdfunding-Aktion für das Mentorenprogramm, online auf www.mitwirken-crowd.de/trigg.

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