+
Wo Geschichte lebendig wird: Dr. Sybille Krafft vom Badehaus-Verein in der Empfangshalle der neuen Dokumentations- und Erinnerungsstätte am Waldramer Kolpingplatz.

Eröffnung der Dokumentationsstätte

„Unglaubliche Migrationsgeschichte“: Darum sollte jeder das Waldramer Badehaus besuchen

  • schließen

Waldram hat eine bewegte Vergangenheit. Diese nun im ehemaligen Badehaus erlebbar. Im Gespräch betont Vereinsvorsitzende Dr. Sybille Krafft die Notwendigkeit des Projekts im Jahr 2018.

Waldram – Waldram hat eine bewegte Vergangenheit. Die Geschichte des Ortes wird nun im ehemaligen Badehaus erlebbar. Das historische Gebäude, das der Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald in eine Erinnerungsstätte umgewandelt hat, wird an diesem Sonntag offiziell eröffnet. Im Gespräch berichtet Vereinsvorsitzende Dr. Sybille Krafft über ihre Motivation für das langwierige Projekt, die größten Herausforderungen und die Notwendigkeit der Gedenkstätte im Jahr 2018.

Frau Dr. Krafft, vor fast genau sechs Jahren hat sich der Badehaus-Verein gegründet. Warum haben Sie – und viele andere – sich damals so für das Projekt stark gemacht?

Wir wollten dieses denkwürdige Gebäude retten, das im Herzen Waldrams in Gefahr stand, abgerissen zu werden. Die besondere historische Bedeutung des ehemaligen Lagers Föhrenwald war bekannt. Wir mussten handeln, damit unwiederbringliche Zeugnisse der Geschichte nicht verloren gingen. Das war ein weiter Weg, der einen langen Atem und großes Engagement der Vereinsmitglieder erfordert hat.

Was war dabei die größte Herausforderung?

Es war anfangs nicht leicht, ein öffentliches Bewusstsein und Verständnis für die Bedeutung des Ortes zu schaffen, dessen Geschichte lange vergessen, oder auch verdrängt worden ist. Nachdem erfreulicherweise die Seminarstiftung St. Matthias das Gebäude nach langen Verhandlungen dem Verein übertragen hatte, mussten wir einen unglaublichen Antragsmarathon absolvieren, um die finanziellen Mittel aufzutreiben. Es hat Jahre gedauert, bis die Förder- und Spendengelder zusammen waren. Das war ein zum Teil wirklich nervenaufreibender Kampf.

Was erwartet die Besucher nun?

Wir haben uns angestrengt, die einzigartige Historie von Föhrenwald und Waldram anschaulich und multimedial darzustellen – gerade, um auch jüngere Generationen anzusprechen. Das Herzstück der Dauerausstellung sind die an mehreren Medienstationen abrufbaren Interviews mit den Zeitzeugen, die ihre Erinnerungen und Erlebnisse authentisch und aus erster Hand vermitteln.

Lesen Sie auch: Ein Badehaus gegen das Vergessen

Als Ihr Verein den Zuschuss aus dem Leader-Förderprogramm der EU bekommen hat, haben Sie gesagt, Sie wüssten keinen Ort, der europäischer ist als das Badehaus. Was steckt in diesem Satz?

Die ganze Geschichte von Föhrenwald und Waldram. Föhrenwald entstand als Lager für deutsche Kriegsdienstverpflichtete, aber auch für auswärtige Zivil- und Zwangsarbeiter. Im Laufe der Jahrzehnte waren Menschen aus halb Europa im Wolfratshauser Forst versammelt. Der Todesmarsch der KZ-Häftlinge, die DPs unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, die Überlebenden des Holocaust – all diese Menschen fanden hier für einige Zeit eine Bleibe. Ab 1956 hat das katholische Siedlungswerk Heimatvertriebene in Waldram angesiedelt, später kamen zum Beispiel auch Deutschstämmige aus Russland und Polen hierher, Gastarbeiter und Bürger aus der ehemaligen DDR. 2015 wurden erstmals Asylsuchende in Waldram untergebracht. In diesem kleinen Ort steckt eine unglaubliche Migrationsgeschichte.

Wie wichtig ist die Dokumentationsstätte heute?

Als wir mit dem Projekt begonnen haben, war es nicht vorstellbar, dass in naher Zukunft Parolen gesellschaftsfähig werden, in denen die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte als „Fliegenschiss“ abgetan wird. Allein aufgrund dessen ist ein solcher Ort heute notwendiger denn je.

Welchen Wunsch hat der Badehaus-Verein für die Zukunft?

Dass sich möglichst viele Menschen vom „Badehaus-Virus“ anstecken lassen, dass sie diesen Ort besuchen, sich informieren und miteinander ins Gespräch kommen. Und wir wünschen uns, dass möglichst viele Menschen mitmachen. Denn mit der Eröffnung ist das Projekt noch lange nicht abgeschlossen. Weiterzuforschen, weiterzudenken, weitere Lebensschicksale aufzuarbeiten – das ist eine ständige Herausforderung.

Wertvolles Ausstellungsstück: Ein Originalmodell des Todesmarsch-Mahnmals wurde dem Badehaus gestiftet.

Eröffnung

An diesem Sonntag wird das Badehaus mit einem Festakt für geladene Gäste offiziell eröffnet. Ab Freitag, 26. Oktober, ist es für die Öffentlichkeit zugänglich – freitags von 9 bis 16 Uhr sowie samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr. Am Wochenende finden um 14 Uhr
Führungen statt. Der Eintritt kostet fünf, ermäßigt drei Euro. Die Führung kostet fünf Euro pro Person. mh

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wolfratshauser Kaplan erklärt, warum der November auch Hoffnung schenkt
Trist und immer wieder Tod: Der November ist ein düsterer Monat. Die Erinnerungen können einen traurig machen - aber auch Hoffnung finden, kommentiert Kaplan Thomas …
Wolfratshauser Kaplan erklärt, warum der November auch Hoffnung schenkt
Frage der Woche: Gibt es plastikfreie Adventskalender?
Immer mehr Plastikmüll verschmutzt unseren Planeten. Auch zur Weihnachtszeit entstehen durch Schokolade und Co. wieder Unmengen an Müll. Deshalb haben wir uns gefragt: …
Frage der Woche: Gibt es plastikfreie Adventskalender?
Hilfe für Ben: Beuerberger Ehepaar organisiert Typisierungsaktion
Ben braucht dringend Hilfe: Bereits zum zweiten Mal ist der 15-Jährige aus dem thüringischen Greiz an akuter myeloischer Leukämie (AML) erkrankt. AML gilt als eine der …
Hilfe für Ben: Beuerberger Ehepaar organisiert Typisierungsaktion
Bauausschuss sagt Ja zu einem Supermarkt in Ascholding
Ohne Gegenstimme hat der Bauausschuss des Dietramszeller Gemeinderats am Dienstagabend dem Bau eines Supermarkts mit Nebengebäude in Ascholding das gemeindliche …
Bauausschuss sagt Ja zu einem Supermarkt in Ascholding

Kommentare