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Föhren, die gen Himmel wachsen: Im „Wald der Erinnerungen“ werden Einzelschicksale erlebbar.

Ein Rundgang durch die Dokumentationsstätte

„Unser Kind ist bereit für die Welt“: Badehaus Waldram wird offiziell eröffnet

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Nach sechs Jahren harter Arbeit ist es nun soweit: Im ehemaligen Badehaus in Waldram wird die neue Dokumentationsstätte offiziell eröffnet. Ein Rundgang. 

Waldram – „Ohne Erinnerung gibt es keine Rettung“: Mit diesem Satz erklärt Lusia Milch, warum sie anlässlich dieses Wochenendes den weiten Weg von den USA ins bayerische Oberland auf sich genommen hat. Die 87-Jährige hat den Holocaust überlebt und als Jugendliche im DP-Lager in Föhrenwald Zuflucht gefunden. „Heute kam ich nicht nur für meine Kinder und Enkelkinder hierher, sondern auch für mich“, sagt Milch. „Und ich kam hierher, um die Wahrheit weiterzugeben.“

Lusia Milch ist eine von 80 Zeitzeugen, die am Sonntag zur offiziellen Eröffnung des Badehauses nach Waldram eingeladen sind. Einen ersten Blick in den neuen Erinnerungsort warf sie bereits am Freitag während des Presserundgangs mit Dr. Sybille Krafft. Die Vorsitzende des Vereins „Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald“ lenkte den Blick der Medienvertreter zunächst auf eine Karte des Waldramer Ortskerns, auf der die Straßen je drei verschiedene Bezeichnungen haben: die nationalsozialistischen Namen zu der Zeit, als das Lager Föhrenwald als NS-Mustersiedlung gegründet worden war, die amerikanischen Begriffe, als nach dem Krieg die DPs hier Zuflucht gefunden hatten, und die bis heute geltenden Namen, die das katholische Siedlungswerk den Straßen Ende der 1950er-Jahre verliehen hatte. „Diese drei Namensänderung sind wie ein Brennspiegel, der die Geschichte von Föhrenwald und Waldram hier verdichtet“, so Krafft.

Die Ausstellungsräume sind in Zeitschichten gegliedert und heben sich farblich voneinander ab. Chronologisch setzen sich die Besucher mit rund 80 Jahren Waldramer Geschichte auseinander. Die schwarz-weiß Fotografien im ersten Raum, der die Schicksale von Dienstverpflichteten und Zwangsarbeitern aufzeigt, sind besonders wertvoll. „Dieses Bildmaterial dürfte eigentlich nicht existieren. Damals war es bei Strafe verboten, Aufnahmen von den als Schokoladenfabriken getarnten Geretsrieder Munitionsfabriken zu machen“, erklärte Krafft. Die nachfolgenden Räume, die farbliche voneinander abgesetzt sind, thematisieren den Todesmarsch der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau gen Süden sowie die Zeit der jüdischen und nicht-jüdischen Displaced Persons. Weitere Bereiche widmen sich den Heimatvertriebenen, die in Waldram eine Bleibe fanden, genauso wie den ersten Asylsuchenden, die 2015 nach Waldram kamen.

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Die Dokumentationsstätte ist minimalistisch gehalten, die Farbe Weiß dominiert. Neben zahlreichen originalen Dokumenten und Bildern, die nicht nur aus deutschen, sondern auch aus amerikanischen und israelischen Archiven stammen, sind in jedem Raum Gegenstände und Erinnerungsstücke von ehemaligen Waldramern und Föhrenwaldern zu sehen: Lederkoffer, Leiterwagen, Poesiealben, jüdische Gebetsriemen und Stickereien auf Stoff lassen die Vergangenheit ein Stück weit lebendig werden. Das „Herzstück der Ausstellung“ sind laut Krafft die Medienstationen mit den Interviews der Zeitzeugen. Sie wünscht sich, dass sich die Besucher hier „Zeit nehmen, sich darauf einlassen und den Menschen genau zuhören.“

Blick in die Vergangenheit: Dr. Sybille Krafft im Gespräch mit Zeitzeugin Lusia Milch, die im DP-Lager lebte.

Während der erste Stock die allgemeine Historie von Waldram erzählt, werden unterm Dach Einzelschicksale erlebbar. Der „Wald der Erinnerungen“, in dem sich weiße Holzbalken mit grünem Stoff als stilisierte Föhren in die Höhe recken, sammelt die Namen von ehemaligen und heutigen Waldramern. „Unser Wunsch ist, dass das Projekt weiter wächst“, betonte Krafft.

Im Keller bekommen die Besucher der Gedenkstätte Einblicke in das jüdische Leben. Der Raum, in dem einst die Mikwe – das Ritualbad für gläubige Juden – untergebracht war, ist laut Krafft ein besonderes Highlight. Außerdem gibt es eine Art kleines Kino, in dem ein Kunstprojekt über den Ort gezeigt wird, und einen Raum für Sonderausstellungen. Die erste ist zum Thema „Jüdische Architekten der Moderne“ Mitte November geplant. Im Außenbereich des Gebäudes am Kolpingplatz 1 wird die Ausstellung „Die Kinder vom Lager Föhrenwald“ gezeigt. „Mit diesen Bilder fing alles an“, sagte Krafft. Und mit Blick auf das Badehaus fügte sie hinzu: „Unser Kind ist nun bereit für die Welt. Jetzt soll es laufen lernen.“ mh


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